Taktikanalyse Ballbesitz schlägt Konterfußball

Lange tat sich die deutsche Mannschaft im WM-Finale schwer. Erst Löws Wechsel brachten den Sieg. Argentinien verließ sich zu sehr auf Superstar Messi - aber den hatte der Bundestrainer mit einfachen Mitteln im Griff. Die Taktikanalyse.

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Das WM-Finale war eines der taktisch interessantesten Spiele des Turniers. Das Duell zweier Teams, die vollkommen unterschiedliche Ansätze wählten und diese sehr gut ausführten: Deutschland wollte den Ballbesitz dominieren, Argentiniens Spielweise zielte vor allem darauf ab, den eigenen Strafraum zu verteidigen, indem man den Raum kontrollierte.

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Heft 29/2014
Nahaufnahme einer Nation

Das Team von Bundestrainer Joachim Löw zog ein souveränes Zirkulationsspiel auf; wenn es den Ball mal nicht hatte, presste es sehr aggressiv, um ihn schnellstmöglich zurückzuerobern. Vor allem in der ersten Halbzeit stimmten die Bewegungen bei der deutschen Mannschaft. Bastian Schweinsteiger konnte aus dem Mittelkreis heraus die Bälle verteilen. Dass ihn selten jemand störte, lag daran, dass Toni Kroos und Christoph Kramer mit kurzen Sprints in Richtung des gegnerischen Strafraums ihre Gegenspieler mit sich zogen. So verschafften sie Schweinsteiger Ruhe.

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Zudem gelang es der deutschen Offensive sehr gut, Dreiecke zu bilden: Stets verschoben die Spieler so, dass sich dem Ballführenden zwei Anspielstationen in Richtung des argentinischen Tores boten. Vor allem der junge Kramer bestach dabei mit großer Spielintelligenz und gutem Raumverständnis.

Und doch erspielte sich Deutschland aus geordnetem Aufbau heraus nur vereinzelt Torchancen. Denn Argentinien verteidigte hervorragend. Trainer Alejandro Sabella hatte die richtigen Schlüsse aus den bisherigen Auftritten der DFB-Elf gezogen - mit konternden Algeriern hatte Deutschland mehr Mühe als mit den Harakiri-Brasilianern. Weil er sein Team im Nachteil sah, sobald es sich mit Deutschland einen Kampf um die Ballbesitz-Hoheit liefern würde, passte er das Spiel seiner Mannschaft stark an. Das zeigen auch die Zahlen: Nur 29,8 Prozent Ballbesitz verbuchte Argentinien in der ersten Halbzeit - weniger erreichte die "Albiceleste" laut Datenanbieter Opta in einem WM-Spiel zuletzt 1966. Am Ende waren es 36,2 Prozent. Zum Vergleich: In Brasilien kam Argentinien zuvor im Schnitt auf 55,7 Prozent Ballbesitz pro Spiel.

Messi Vorbereiter und Vollstrecker zugleich

Argentinien verzichtete auf jedes Pressing in der deutschen Hälfte, man überließ dem Favoriten den Ball, aber nur in ungefährlichen Zonen. Erst rund 35 Meter vor dem eigenen Tor begannen die Südamerikaner ihre Attacken. Sie verteidigten in einem 4-4-1-1, in dem die beiden Viererketten horizontal ungewöhnlich eng standen. So versuchte Sabella, die numerische Überzahl des deutschen 4-3-3 im Mittelfeldzentrum auszugleichen. Das gelang, sodass Argentinien den Bereich vor dem Strafraum sichern konnte. Vor den beiden Ketten wurde indes kein Druck generiert.

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Die starke Organisation stellte Deutschland vor Probleme. Selten resultierten Chancen aus Spielzügen, mit denen die Defensive der Argentinier geknackt wurde. Oft gingen ihnen Konteraktionen nach Ballverlusten voraus, also Momente, in denen die gegnerische Ordnung verloren gegangen war. Das war bei den Abschlüssen von André Schürrle (37. Minute) und von Toni Kroos (43.) so. Die für lange Zeit größte Gelegenheit bot sich Benedikt Höwedes - nach einem Eckball (45.)

Gegen die hochstehende Abwehrkette der DFB-Elf setzte Argentinien einige gefährliche Konterangriffe, bei denen meist der vorne rechts lauernde Lionel Messi gesucht wurde. Der Plan sah vor, den viermaligen Weltfußballer möglichst oft in Duelle mit Höwedes zu schicken. Doch Messi fehlte die Unterstützung, häufig musste er Vorbereiter und Vollstrecker zugleich sein.

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Fünftes Tor eines Jokers

Mit Beginn der zweiten Hälfte stellte Trainer Sabella auf ein 4-3-1-2 um. Damit wollte er den Aufbau der deutschen Mannschaft energischer stören, der zusätzliche Offensivspieler störte das Zirkulationsspiel der Löw-Elf. Die taktische Änderung hatte einen weiteren Effekt: Den Argentiniern fehlte mehr noch als zuvor die Breite im Spiel. Stattdessen lenkten sie die deutsche Mannschaft aus dem Zentrum nach außen. Während Deutschland in der ersten Hälfte fast ein Drittel aller Angriffe durch die Mitte entwickelte, war es ab der 46. Minute nur knapp ein Fünftel.

Sabellas Änderungen gingen nur bedingt auf. Zwar wurde Deutschland erfolgreich in die eigene Hälfte geschoben, es war aber ausgerechnet ein aus dem Abwehrzentrum nach außen verlagerter Spielzug samt anschließender Flanke, der das Siegtor von Mario Götze vorbereitete. Die Schwäche in Argentiniens System wurde ausgenutzt.

Zudem waren Sabellas personelle Wechsel unglücklich. Der für Ezequiel Lavezzi gekommene Sergio Agüero spielte schwach, auch Rodrigo Palacio enttäuschte, und Argentinien gelang es kaum noch, Gefahr zu entwickeln. Im krassen Gegensatz dazu waren es bei Löw die Joker, die den Sieg brachten. Götzes Treffer war das fünfte WM-Tor eines vom Bundestrainer eingewechselten Spielers.

Der WM-Triumph wird als ein anderer in die Geschichte eingehen als etwa der von 1990. Damals war es die deutsche Mannschaft, die sich auf Kosten der eigenen Kreativität an die Stärken des Gegners anpasste. Für Joachim Löw war eine Manndeckung Messis keine Option. Er setzte auf eine viel weniger pragmatische Taktik, auf starkes Pressing, auf eine variable Mischung aus Umschalt- und Ballbesitzfußball. 2014 war es die deutsche Nationalmannschaft, die Maßstäbe gesetzt hat. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte.

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spon-facebook-10000394802 14.07.2014
1. Schweinsteiger ist der größte!
Dem Schiedsrichter ist es nicht gelungen mit gelber Karte, mehrfacher übler Treterei und Faustschlag ins Gesicht von argentinischen Gelbverwarnten Schweinsteiger kampfunfähig zu machen! Eine Schande für die FIFA.
quark@mailinator.com 14.07.2014
2. Glücklich ...
Das war einfach nur Glück. Beide Mannschaften hatten ein paar wenige Chancen und das Tor hätte so auch nicht unbedingt fallen müssen. Wenn die beiden das 10x versuchen, dann gehen vielleicht 2..3 davon rein. Also hätte es normalerweise Elfmeterschießen gegeben ... Ja, es ist schön, daß DE es geschafft hat und vielleicht kann man sagen, daß die bessere Mannschaft auch gewonnen hat, aber nur verdammt knapp. Es hätte genausogut andersrum ausgehen können und dann stünden hier ganz andere Kommentare.
lostcontinent 14.07.2014
3. quatsch!
Argentinien hat zwar auf den ersten Blick mit 2 Ketten gespielt, tatsächlich waren aber jeweils zwei Mann einer Viererkette einem Gegenspieler zugeordnet - also zwei "Zweierketten" und jeweils 2 Manndecker. Und NUR das hat Argentinien in die Verlängerung gerettet.
schmusel 14.07.2014
4. @quark
Beispielhafte Ausrede für die Nörgler und Nöhler. Hätte, hätte Fahrradkette halt. Quark eben.
DerUnvorstellbare 14.07.2014
5. Unser Spiel hat nicht funktioniert
Die Drei da in der Mitte haben fantastisch funktioniert, durch Khediras Ausfall ging dann die ganze Struktur verloren. Die Zentrale war eigentlich was Deutschland und die übrigen Mannschaften trennte und ausgerechnet da waren wir schwach. Erst als die Argentinier müde wurden lief es besser. Kroos, eigentlich mein Lieblingsspieler, ist dann in der zweiten HZ abgetaucht. Das darf er nicht tun. Zum Glück kam er in der Värlengerung wieder. Ich glaube taktisch war es schwach von Löw, aber da die Argentinier einfach erschöpfter waren, auch dank den vorherigen Spielen, sahen wir dann gegen Ende viel besser aus. Auch wenn wir im Finale nicht unbedingt besser als Argentinien waren, der Sieg geht völlig in Ordnung dank den guten Spielen vorher. Das Finale war das schwächte Spiel der deutschen Elf.
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