Wengers Deutschland-Lob "Man müsste Ballack schon jetzt zum Spieler des Turniers machen"

Arsenal-Coach Arsène Wenger lässt den spektakulärsten Fußball des Kontinents spielen - und hat alle EM-Halbfinalteilnehmer korrekt vorhergesagt. Auch für den Endspiel-Sieg hat er einen klaren Favoriten: Deutschland.

Aus Basel berichtet Christoph Biermann


Als Arsène Wenger noch ein junger Trainer war, fuhr der gebürtige Elsässer oft nach Deutschland, um sich Bundesliga-Spiele anzuschauen. Besonders Borussia Mönchengladbach hatte es ihm angetan, und aus dieser Zeit stammt auch sein großer Respekt vor dem deutschen Fußball. In einer kleinen Gesprächsrunde vor dem Spiel der DFB-Elf gegen die Türkei (20.45 Liveticker SPIEGEL ONLINE) sprach Wenger nun über die deutsche Nationalmannschaft und die Rollenverteilung im Halbfinale - und er hat eine klare Einschätzung: Joachim Löws Elf wird sich durchsetzen.

Arsenal-Trainer Wenger: "Die besten deutschen Spieler nach England!"
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Arsenal-Trainer Wenger: "Die besten deutschen Spieler nach England!"

"Ich gehe davon aus, dass sich im Halbfinale die Favoriten durchsetzen werden", sagte er. "Der türkischen Mannschaft fehlen Nihat, Arda, Tuncay, die beiden Innenverteidiger und Torwart Volkan. Zwar haben die Türken in jedem Spiel Wunder geschafft, aber unter diesen Umständen kann ich mir nicht vorstellen, wie ihnen noch eine Überraschung gelingen soll." Es gebe natürlich immer die Gefahr, "dass der Favorit etwas überheblich wird - aber in einem Halbfinale sollte so etwas eigentlich nicht mehr passieren", sagt Wenger.

Auch die Statistik spricht für Deutschland. Die DFB-Auswahl ist die einzige, die sechsmal das Halbfinale einer Europameisterschaft erreicht hat. Für Wenger liegt in diesem Umstand ein weiterer Vorteil für das Team von Joachim Löw: "Die mentale Stärke der Deutschen rührt aus der Geschichte. Deutsche Mannschaften gehen in dem Wissen ins Turnier, dass frühere deutsche Teams sehr oft erfolgreich waren."

Aus der Sicht des Trainers gibt es viele Zutaten für das deutsche Erfolgsrezept. Erstaunlicherweise gehört für ihn eine gewisse Streitkultur dazu, wie zuletzt bei der teaminternen Auseinandersetzung der Anführer Michael Ballack und Torsten Frings mit einigen anderen Spielern. "Die Deutschen zetteln im Mannschaftsquartier manchmal einen Streit an, um dann geeint auf dem Platz zu stehen. Sie gehören zu den ganz wenigen Nationen, die in der Zeitung aufeinander losgehen können und trotzdem mental stark auf den Platz kommen."

Nicht unbedingt glamourös, aber überzeugend findet der 58-Jährige die Spielweise der deutschen Nationalmannschaft. "Es gibt traditionell eine gewisse Einfachheit in ihrem Mannschaftsspiel. Die Spieler haben nicht zu viele Ballkontakte, und man hat den Eindruck, dass sie als Mannschaft auftreten." Außerdem hätten sie eine große Effektivität im vordersten Spielfelddrittel: "Während Holland 14 Torschüsse brauchte, um ein Tor zu schießen, waren es bei Deutschland nur fünf oder sechs. Das ist ein gewaltiger Unterschied."

Personifiziert wird für Wenger, der seit zwölf Jahren den FC Arsenal trainiert, die deutsche Mannschaft durch einen Spieler vom Lokalrivalen FC Chelsea - Michael Ballack. Er habe "hier neue Dimensionen nicht nur in seiner Spielweise erreicht, sondern auch als Leader auf dem Platz". Er sorge dafür, "dass die deutsche Mannschaft ins Spiel kommt, er ist effizient und war vom ersten Spiel an der beständigste Spieler dieser Europameisterschaft", sagt Wenger. "Wenn man nur auf die physischen Daten schaut, könnte man ihn schon jetzt zum Spieler des Turniers machen."

Außerdem spiele Podolski ein großartiges Turnier: "Von ihm bin ich deshalb so beeindruckt, weil er in vielen Spielen entscheidend war." Verbunden ist dieses Lob mit einer Mischung aus Einladung und Aufforderung. "Ballack ist in der Premier League besser geworden, wie sich viele deutsche Spieler dort verbessert haben. Also schicken Sie die besten deutschen Spieler nach England!"

Wenn die Deutschen gegen die Türken klarer Favorit sind, wie sieht es denn im anderen Halbfinale zwischen Spanien und den Russen am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) aus? "Die Russen haben massive Fortschritte gegenüber der Qualifikation gemacht."

Haben sie einen physischen Vorteil, weil sie mitten in der Saison stehen? Haben sie in der Mannschaft inzwischen die richtige Balance gefunden? "Ich weiß es nicht. Sie bewegen sich ohne Ball so gut wie keine andere Mannschaft. Das russische Team verfügt über viele gute und einen herausragenden Spieler: Andrej Arschawin. Es ist nur in Russland möglich, dass man einen Spieler erst mit 27 Jahren entdeckt."

Das größte Handicap der Spanier sieht Wenger in der Historie: Sie haben seit mehr als vier Jahrzehnten keinen großen Titel mehr gewonnen. Das sorge für negative Stimmungen, weil einige Leute denken würden: "Wir machen ein paar gute Spiele und dann fahren wir nach Hause", sagt Wenger. "Im Viertelfinale waren die Mannschaften weitgehend gleichwertig, und gerade in solchen Situationen entscheidet der mentale Aspekt. Deshalb haben auch die Teams gewonnen, die nicht unbedingt Favorit waren, auch weil sie etwas weniger Druck und etwas mehr zu gewinnen hatten."

Doch trotz dieser Bedenken und der Lobeshymne auf Russland und seinen Star Arschawin legt Wenger sich auf Spanien als den zweiten Finalisten fest. "Und ich gehe davon aus, dass Deutschland Europameister wird."

Übrigens - Wenger hatte die Sieger der vier Viertelfinalspiele komplett richtig vorausgesagt.

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