Werder Bremen Auf der Suche nach dem Erlöser

Sportlich enttäuschend, wirtschaftlich hoch defizitär: Für Bremen ging es in den vergangenen Jahren steil bergab. Einst drängte man den DFB zu Reformen - doch bis heute konnte man keine Geldgeber ins Boot holen.

Von

picture alliance / dpa

Gebetsmühlenartig wiederholt Viktor Skripnik derzeit sein Mantra, wann immer er auf die Rückrunde angesprochen wird. "Wir sollten gelassen bleiben. Wir haben genug Qualität", sagt Skripnik dann.

Frühzeitig hatte die Konkurrenz im Abstiegskampf aus Frankfurt, Stuttgart, Hannover und Hoffenheim in der Winterpause personell nachgebessert. Bei Werder war hingegen Geduld angesagt, die Vereinskassen sind leer, wieder einmal. Seit mit dem Ende der Saison 2010/2011 die regelmäßigen Europapokal-Einnahmen wegbrachen, summieren sich die Verluste der Bremer auf knappe 37,5 Millionen Euro.

Gegen Ende der Transferperiode haben sich die Werder-Verantwortlichen dann doch entschieden, den Kader zu verbessern. Leihspieler Papy Djilobodji schlug sofort ein, bei Sambou Yatabaré müssen sich die Fans wegen einer nachträglichen Sperre in Belgien noch etwas gedulden. Insgesamt gab Werder fast vier Millionen Euro an Ablösesummen und Leihgebühren aus - auch weil die Konkurrenz in ähnlichen Größenordnungen investierte. Dabei hatte sich Skripnik trotz der mit 15 Punkten schwächsten Hinrunde seit 1974 zumindest nach außen gelassen gezeigt: "Ich sehe einen Vorteil darin, dass wir so zusammenbleiben."

Traditionsvereine unter Druck

Was bleibt dem Werder-Urgestein aber auch anderes übrig, als unbeirrt an sein vorhandenes Personal zu glauben? Als Skripnik zwischen 1996 und 2004 selbst noch für die Grün-Weißen spielte, war das Bundesligageschäft ein anderes als heute. Irgendwie gemütlicher, überschaubarer.

Heute gelten vollkommen andere Spielregeln als zu Skripniks aktiver Zeit. Emporkömmlinge wie Hoffenheim und Leipzig setzen die ökonomischen Gesetze des Profigeschäfts weitestgehend außer Kraft. Bei ihnen besteht - ähnlich wie bei den Werksklubs auf Leverkusen und Wolfsburg - kaum noch die Notwendigkeit, kostendeckend zu arbeiten. Andernorts haben "Traditionsvereine" wie Hamburg, Hannover und Frankfurt bereits reagiert und ihre Vereinsstrukturen reformiert, um sich für neue Methoden der Fremdfinanzierung zu öffnen, der VfB Stuttgart bereitet Ähnliches vor.

Vom Vorreiter zum Nachzügler

Was viele nicht wissen: Entgegen dem verbreiteten Klischee vom beschaulichen Bundesliga-Biotop Bremen war Werder in Sachen Investoreneinstieg einst Vorreiter im deutschen Profifußball. 1993 schreckte man den DFB mit einem Konzept zur Ausgliederung des Lizenzspielerbereichs in eine Aktiengesellschaft auf. DFB-Chef Egidius Braun wiegelte damals jedoch ab und urteilte, dass die Zeit für solche Maßnahmen noch nicht reif sei.

Doch in der Folge wurde Fremdkapital auf neuen Wegen eingesammelt. 2003 vollzog Werder schließlich die Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft auf Aktienbasis (KGaA), und der damalige Vorstandsvorsitzende Jürgen L. Born frohlockte: "Damit hat sich Werder für Investoren geöffnet. Jetzt muss es unser Ziel sein, die neuen Möglichkeiten auch umzusetzen."

Nur: Viel hat sich in Bremen seither nicht getan. Dank einer kreativen Transferpolitik unter Klaus Allofs gelang es Werder zwar nach der Jahrtausendwende, wettbewerbsfähig zu bleiben, bis 2010 befand man sich sogar auf Augenhöhe mit der nationalen Spitze.

Doch nach zehn Europapokalteilnahmen in Folge stürzte Werder anschließend in immer tiefere Tabellenregionen - seither ging es vorrangig darum, den Abstieg zu verhindern. Angesichts der trostlosen Lage wurden mittlerweile die Ansprüche an Investoren heruntergeschraubt. Nicht mehr nur Unternehmer mit Lokalkolorit sind erwünscht, auch Großinvestoren aus Asien dürfen ihre Angebote einreichen.

Einflussnahme von Investoren soll vermieden werden

2014 soll dem Vernehmen nach eine regionale Investorengruppe vorstellig geworden sein, die in das Anforderungsprofil Werders passte. Wie Ex-Geschäftsführer Klaus Dieter Fischer bestätigte, war ihr Einstieg allerdings an die Bedingung geknüpft, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Willi Lemke seinen Hut nehmen sollte. So viel Einflussnahme wollte man den Anteilseignern in spe dann allerdings nicht einräumen: Werder lehnte dankend ab.

Einerseits zeigte man damit, wie viel Mitsprache man zukünftig zu dulden gedenkt. Abschreckende Beispiele wie bei 1860 München oder dem HSV, wo Investoren sich regelmäßig ins operative Geschäft einmischen, waren den Funktionären wohl Warnung genug. Andererseits könnte man mit dieser Entscheidung auch die letzten solventen Kandidaten verschreckt haben. Erst kürzlich musste Marco Bode, seit Oktober 2014 Lemkes Nachfolger, eingestehen, dass Unternehmen bislang nicht "Schlange stehen" würden, um sich bei Werder einzukaufen.

Sportlich lief es für Werder zum Jahresbeginn dagegen sehr gut. Dem überraschenden Sieg auf Schalke folgte ein kämpferisches 3:3 gegen Hertha BSC. Nach der Partie gegen Borussia Mönchengladbach am Freitag (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) folgen mit Hoffenheim, Ingolstadt und Darmstadt drei Gegner auf Augenhöhe. Gute Gelegenheiten für die Spieler also, das Vertrauen ihres Trainers zu rechtfertigen. Denn ein Abstieg würde das Interesse von Investoren nicht erhöhen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Franke aus Hamburg 04.02.2016
1.
Die einzige Erlösung für die Brähmer gibt's in Liga 2.
fridericus1 04.02.2016
2. Aus Hamburg ...
... lese ich immer gern solche Berichte. Die fortlaufenden Possen und die katastrophale wirtschaftliche Situation des HSV (trotz Einstieg von sympathischen Investoren wie Herrn Kühne) und die jüngste Insolvenz der hochtrabenden adoptierten Handballsparte sollte in der stolzen Kaufmannstadt an der Elbe für etwas mehr Demut sorgen. Übrigens hat Werder gerade ein "schwarze Null" für dieses Jahr in Aussicht gestellt.
widower+2 04.02.2016
3. Der Hauptverantwortliche
für die Misere, Klaus Allofs, schmeißt jetzt in Wolfsburg mit VW-Millionen um sich und war so dreist, bei seinem Abgang aus Bremen von einem gut bestellten Feld zu reden. Und das nach einer in seinen letzten Jahren absolut desaströsen Transferpolitik und einem völlig überteuerten Stadionumbau, der Werder bis heute die Luft zum Atmen nimmt.
Bee1976 04.02.2016
4. Jein
Zitat von widower+2für die Misere, Klaus Allofs, schmeißt jetzt in Wolfsburg mit VW-Millionen um sich und war so dreist, bei seinem Abgang aus Bremen von einem gut bestellten Feld zu reden. Und das nach einer in seinen letzten Jahren absolut desaströsen Transferpolitik und einem völlig überteuerten Stadionumbau, der Werder bis heute die Luft zum Atmen nimmt.
Es stimmt, das Allofs Transfer gegen Ende nix sinnvolles mehr einbrachten, aber man muss auch so ehrlich sein: Jahrelang musste Werder die besten Spieler abgeben, Allofs unbekannten Ersatz heranschaffen und Schaaf diesen Ersatz ausformen. Das das nicht ewig gut geht, war zu erwarten. Ebenso wurden viele Fehler bei der Vereinsführung gemacht. Als das Team sportlich sehr erfolgreich war, legte man ein schönes Festgeldkonto an, man baute hübsch das Stadion um, anstatt das Geld ins Team zu reinvestieren. Das ende vom Lied ? Der sportliche Abstieg begann, das Festgeldkonto ist meines Wissens nach so gut wie leer, und sportlich spielt mn eben nicht mehr um den internationlen Wettbewerb, sondern um den Klassenerhalt mit.
kruderico 04.02.2016
5. Werter Herr Stockhofe,
da haben Sie wohl Recht: Borussia Mönchengladbach ist tatsächlich nicht auf Augenhöhe mit Werder....von daher kann Werder durchaus einen sehr guten Start in die Rückrunde legen! Ich tippe jedenfalls auf Sieg für Werder in Mönchengladbach und dann brennt da der Baum und Sie können einen solchen Artikel über den nächsten Traditionsverein schreiben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.