Werder-Krise: Spitzenmannschaft der Herzen
Drei Pleiten in Serie, acht Partien ohne Sieg: Werder Bremen tritt seit Monaten desolat auf und hat das Saisonziel Europa League verspielt. Trainer Thomas Schaaf schafft es kaum mehr, die Spieler besser zu machen. Mit Marko Marin verlässt der nächste gestandene Profi den Club.
Der Frust war riesig, er musste einfach raus. "Wir haben gefühlt 200-mal in sieben Jahren Kontertore nach eigenen Standards bekommen. Das ist dumm", sagte Werders Torwart Tim Wiese nach dem 1:3 in Wolfsburg. Wiese wird den Verein zwar in Bälde verlassen, aber noch ist er Bremer - und sein Ärger verständlich. Es war Werders dritte Pleite in Serie, seit acht Spielen wartet man auf einen Sieg. Die Qualifikation für die Europa League ist zwar rechnerisch noch möglich, realistisch betrachtet aber nicht mehr zu erreichen.
Drei Punkte liegt Werder vor dem 34. Spieltag hinter dem Tabellensiebten Hannover 96, der am letzten Spieltag den Absteiger 1. FC Kaiserslautern empfängt. Werder spielt daheim gegen den Tabellendritten Schalke. Doch bei den derzeitigen Leistungen wäre selbst das Schlusslicht aus Kaiserslautern wohl ein zu schwerer Gegner.
Dabei stand Werder nach einer ordentlichen Hinrunde auf Tabellenplatz fünf. Dann jedoch folgte eine ganz bittere Phase, Werder ist das viertschlechteste Team der Rückrunde. Nicht nur aus sportlicher Sicht war das vergangene halbe Jahr für die Bremer ein Desaster. Angesichts der angespannten Finanzlage hätte der Club Europapokal-Einnahmen gut gebrauchen können. Daraus wird jetzt wohl nichts.
Mit Marin verlässt ein weiterer Star den Club
Und so war es nur ein Bremer, der am Samstag etwas zu feiern hatte: Marko Marin. Der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler wechselt im Sommer zum englischen Champions-League-Finalisten Chelsea London, er hat bereits einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben, Werder bekommt rund acht Millionen Euro Ablösesumme. Ein Transfer, der bei vielen Fans eher ungläubiges Staunen auslöste.
"Ich bin überglücklich. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", sagte Marin, der in Wolfsburg verletzt fehlte, SPIEGEL ONLINE. Auch Chelseas Premier-League-Konkurrent Tottenham Hotspur hatte Interesse gezeigt. Überraschend an dem Wechsel ist nicht, dass Marin eine derartiges Angebot wahrnimmt. Es verwundert eher, dass Chelsea einen Spieler will, der zuletzt selbst für Bremen keine Hilfe war. Nur ein Tor schoss er in dieser Saison, er gab fünf Vorlagen. Auch die EM wird Marin verpassen, sein letztes Länderspiel absolvierte er am 17. November 2010 gegen Schweden.
An Marins Entwicklung im Werder-Trikot lässt sich eines der größten Probleme des Clubs exemplarisch erklären: Trainer Thomas Schaaf schafft es - anders als Dortmunds Jürgen Klopp oder Hannovers Mirko Slomka - kaum mehr, seine Spieler voranzubringen. Marin kam als Nationalspieler im Sommer 2009 aus Mönchengladbach, auch andere Clubs wollten den dribbelstarken Außenbahnspieler. In Bremen kam Schaaf auf die Idee, Marin immer häufiger als Spielmacher aufzustellen. Eine Position, auf der der Spieler seine Schnelligkeit nicht ausspielen kann.
Viele teure Profis kamen in Bremen nicht zurecht
Marin war nicht der einzige teure Spieler mit großem Potential, der bei Werder nicht wie erhofft funktionierte. Die Brasilianer Carlos Alberto und Wesley, die zusammen etwa 15 Millionen Euro kosteten, sind schon wieder weg, für deutlich weniger Geld. Marko Arnautovic, für den Bremen sechs Millionen Euro zahlte, erfüllt die Erwartungen genauso wenig wie Mehmet Ekici (fünf Millionen) und Denni Avdic (zwei Millionen). Weil die Kassen leer sind, wurden und werden Stars wie Per Mertesacker, Marko Marin, Tim Wiese und der seit seiner Rückkehr aus München stagnierende Tim Borowski abgegeben. Claudio Pizarro will im Sommer zurück zum FC Bayern.
Gleichzeitig verkannten Schaaf und Geschäftsführer Klaus Allofs die Klasse von einigen Spieler. Martin Harnik etwa wurde im Sommer 2010 für 300.000 Euro an den VfB Stuttgart abgegeben. Er hat in der laufenden Saison 17 Tore geschossen.
Hauptsächlich junge und unerfahrene Spieler sollen Werder nun einen erfolgreichen Umbruch bescheren. Ein waghalsiges Vorhaben. Bei Jungprofis wie Florian Trinks, Lennart Thy und Felix Kroos ist keine Verbesserung zu erkennen. Die Neuen wie Tom Trybull und Florian Hartherz müssen erst noch beweisen, dass sie Bundesliga-Niveau haben.
In Bremen neigt niemand zu Schnellschüssen. Eine Eigenschaft, die dem Club viele Sympathien bringt - mehr aber auch nicht. Werder ist nur noch der Europacup-Teilnehmer der Herzen.
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- Sonntag, 29.04.2012 – 16:43 Uhr
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