Bundesliga Fan-Kritik an Werders Iran-Überlegungen

Ein Engagement in Iran? Werder Bremen ließ ein Gutachten mit Chancen und Risiken einer Reise in das Land erstellen. Fans kritisieren die Überlegungen scharf.

Weserstadion in Bremen
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Weserstadion in Bremen

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Im Sommer machte sich Werder-Trainer Alexander Nouri auf zu einer "Abenteuer-Reise durch den Iran", wie es die "Bild"-Zeitung beschrieb. Nouris Vater stammt aus dem Land, der Coach besuchte Verwandte und kommentierte ein Fußballspiel. "Die Leute kannten mich und auch Werder insgesamt ist dort total bekannt. Wir sind die einzige Bundesliga-Mannschaft, deren Spiele dort live gezeigt werden", sagte Nouri.

Werder wurde neugierig: Ist Iran ein lohnendes Feld für den Bundesligisten? Es gab Stimmen aus dem Verein, die das nahelegten: "Der Iran ist nicht uninteressant für uns, wir sondieren den Markt vor Ort", sagte Werder-Boss Klaus Filbry dem "Weser-Kurier". Im Auftrag der Bremer untersuchte ein Gutachter ein mögliches Engagement. Er kam zu dem Ergebnis, dass "trotz bestehender Risiken" Iran für Werder "eine große Chance sein" sein könnte.

Werder versucht bereits seit einiger Zeit, in unerschlossene Märkte vorzudringen, zuletzt in den USA - dabei stießen die Bremer etwa auf den 17 Jahre alten Angreifer Josh Sargent. Auch Iran hat viele Talente, bei der gerade laufenden U17-Weltmeisterschaft steht das Team im Viertelfinale, in der Gruppenphase hatte es Deutschland 4:0 besiegt. Aus sportlicher Sicht könnte ein Engagement in Iran sehr rentabel sein.

"Schlag ins Gesicht"

Doch die Werder-Überlegungen haben auch heftige Kritik bei einigen Fans hervorgerufen. Eine Onlinepetition gegen ein Engagement wurde gestartet, die bislang 426 Unterstützer unterzeichneten. Auch die Mitglieder der Ultra-Gruppierung Caillera stellen sich gegen ein Iran-Engagement.

In einem Brief an die Werder-Geschäftsführung, der dem SPIEGEL vorliegt, heißt es: "Während Alexander Nouri herzlich im Iran empfangen wurde, wird dies für mehr als die Hälfte aller Werderfans nicht der Fall sein. Frauen dürfen im Iran keine Fußballstadien betreten. Israelis dürfen in den Iran nicht einreisen. Homosexuelle erwartet im Iran die Todesstrafe - aufgeknüpft und aufgehängt an Baukränen in der Öffentlichkeit."

In dem Schreiben, das der Werder-Geschäftsführung bereits Mitte Juni überreicht worden sein soll, heißt es weiter, man sei "fassungslos" angesichts der Aussagen von Werder-Boss Filbry: Sie seien ein "Schlag ins Gesicht" aller, "die sich beim SV Werder bisher glaubhaft gegen Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und Rassismus eingesetzt haben". Die Ultras beziehen ihre Kritik explizit nicht auf die Menschen in Iran, sondern auf die Regierung: "Der Iran mit seiner derzeitigen politischen Führung kann und darf für den SV Werder nicht interessant sein."

"Hausaufgaben gemacht"

Auf Anfrage des SPIEGEL teilte Werder Bremen mit: "Es gibt momentan keine konkreten Pläne, in den Iran zu reisen." Eine externe Expertise sei angefertigt worden, die Pro und Contra gegenüberstellt und "die Rahmenbedingungen für einen Reise in den Iran skizziert". Man stehe zudem zu diesem Thema mit der aktiven Fanszene in Kontakt. Bisher habe weder ein Spiel im Raum gestanden, noch eine Kooperation, noch irgendetwas anderes. Der SV Werder habe lediglich "intern seine Hausaufgaben gemacht und dieses Thema mal vorsorglich durchdacht".

Die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Amnesty International beklagen in Iran zahlreiche Menschenrechtsverletzungen. In dem Amnesty-Report von 2017 heißt es: "Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten wurden diskriminiert und strafrechtlich verfolgt. Frauen und Mädchen erlitten Gewalt und Diskriminierung in vielfacher Weise. Die Behörden verhängten zahlreiche Todesurteile und richteten Hunderte von Menschen hin, einige von ihnen in der Öffentlichkeit."

Bei Werder hat man sich mit dem Thema auseinandergesetzt: Man sei "vertraut mit den Einschätzungen verschiedener NGOs", teilt der Verein mit. Und weiter: "Wir sind uns bewusst, dass man eine Reise in den Iran nur angehen sollte, wenn man die Möglichkeit bekommt, die eigenen Werte zu platzieren und dafür zu werben." Eine abschließende Bewertung gebe es bei Werder Bremen derzeit nicht.

insgesamt 42 Beiträge
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Nonvaio01 19.10.2017
1. ich finde es gut
der Fussball sollte sich nicht um Politik scheren, ich bin mir sicher die fussballfans im Iran wuerden sich freuen, und nur darum geht es.
pleitier 19.10.2017
2. Werder im Iran?
Der Sport sollte sich unabhängig von Politik darstellen. Das ist die Wunschvorstellung. Leider wird der Sport von der Politik missbraucht und verhindert!
HeisseLuft 19.10.2017
3. Die Fans sollen die Klappe halten?
Zitat von Nonvaio01der Fussball sollte sich nicht um Politik scheren, ich bin mir sicher die fussballfans im Iran wuerden sich freuen, und nur darum geht es.
Genau. Es ist auch wirklich nicht gutzuheißen, wenn sich Fangruppen im Namen ihres Sports gegen Rassismus und Homophobie engagieren. Und sich dafür interessieren, gegen wen und wo und unter welchen Bedingungen ihre Mannschaft antritt. Und sich daran reiben, dass weibliche Fans nicht ins Stadion dürfen. /Sarkasmus Ende Wollten Sie uns das so mitteilen?
purple 19.10.2017
4. Menschenverachtendes Regime
Ich würde zur Bedingung stellen, daß es auch Auftritte der Frauenabteilung geben muß, die selbstverständlich in normale Trikots auftritt und ins Stadion alle Menschen zuschauen dürften und zwar nicht auf getrennten Rängen , und ohne irgendewelche Bekleidungsvorschriften. Ich befürchte allerdings, daß das Thema dann sofort erledigt wäre. Man sollte allen geschäftlichen Verträgen nicht nur im Fußball als Präambel die Menschenrechtsdeklaration voranstellen. Aber mit der WM in Katar hat sich der Fußball ja als raffgierkapitalistische Veranstaltung ohne jede Moral geoutet.
HerrPeterlein 19.10.2017
5. Immer dieses unterteilen der Welt in gut und böse
Ständig wird die Welt in Gut und Böse unterteilt, nach europäischen Maßstäben, die für den Rest der Welt unbedingt gelten müssen. Werder Bremen sollte sich freuen, dass der Verein im Iran so bekannt ist und wenn sie schlau sind, dieses nutzen. Vor 15 Jahren war PAY-TV noch böse, zwischendurch mal Studivz, mittlerweile Standard oder durch etwas viel schlimmeres ersetzt. Ölscheichs als Sponsoren sind super, alle schwärmen wie toll Neymar für PSG spielt, aber Russen und Iran bleiben die bösen. Dort nur spielen, wenn die bitte sofort sämtliche deutsche Regeln und Standards übernehmen, ansonsten gar kein Kontakt mit diesem Land. Das dort in den letzten Jahren riesige Fortschritte unternommen worden, die politische Lage stabiler geworden ist, egal. Gibt ja 426 Unterschriften im Internet dagegen. Dann versucht mal als Iraner nach Israel zu reisen.Ein Kontakt ist für alle immer eine Chance, wird die verpasst, gibt es oft keine zweite. In Dubai braucht Bremen es gar nicht mehr versuchen, dort sind längst andere
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