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Inhaftierter Werder-Ultra: "Unglückliche Botschaft"

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Werder-Fans fordern "Freiheit für Valentin" (beim Spiel gegen Frankfurt am 19. Dezember) Zur Großansicht
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Werder-Fans fordern "Freiheit für Valentin" (beim Spiel gegen Frankfurt am 19. Dezember)

Im November wurde der Bremer Ultra Valentin S. aus der U-Haft entlassen, nun sitzt er wieder ein - obwohl er sich an alle Auflagen gehalten haben soll. Der Fall zeigt, wie schwer sich die Justiz tut im Umgang mit Ultra-Fangruppen.

Am Dienstag vergangener Woche, der SV Werder spielte gerade im Pokal bei Borussia Mönchengladbach, meldete sich der 21 Jahre alte Valentin S. auf der Polizeiwache in Osterholz. Er war fünf Wochen zuvor aus der Untersuchungshaft entlassen worden, unter anderem unter der Bedingung, sich dem Bremer Weserstadion bei Heimspielen bis auf zwei Kilometer nicht zu nähern. Bei Auswärtsspielen sollte er in der Halbzeitpause auf der Wache vorstellig werden.

Als er sich wie verlangt meldete, behielten ihn die Polizisten gleich da. Denn das Oberlandesgericht hatte beschlossen, den Haftbefehl wieder in Vollzug zu setzen, wie es in der Sprache der Juristen heißt. Seitdem ist Valentin S. wieder im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, der am 11. Januar vor dem Landgericht beginnen soll. Ihm wird gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung in acht Fällen vorgeworfen.

Der junge Mann bewegt sich im Grenzbereich zwischen den Bremer Ultras und der linken Szene. Die Ultras engagieren sich gegen Rassismus und andere Formen der Diskriminierung und sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Rechtsradikale im Weserstadion keine Präsenz mehr zeigen. Außerhalb des Stadions gibt es immer wieder Zusammenstöße zwischen den Gruppen. Nach dem Nordduell gegen den Hamburger SV im April sollen rechte Hooligans einige Ultras angegriffen haben, vor einer Kneipe in der Nähe des Stadions gab es eine Schlägerei, an der Valentin S. beteiligt gewesen sein soll.

"Die Justiz will ein Exempel statuieren"

Das Bremer Amtsgericht erließ Ende Juni einen Haftbefehl, Valentin S. musste ins Gefängnis - und gilt seitdem in der linken und der Ultra-Szene als Symbol für den Kampf gegen Neonazis im Fußballstadion und außerhalb gegen einen Justizapparat, der angeblich auf dem rechten Auge blind ist.

Die Ultras klagen, dass sie immer wieder den Angriffen von rechts ausgesetzt seien, beginnend mit dem Überfall auf die Feier einer linken Ultra-Gruppe durch stadtbekannte Hooligans im Jahr 2007. Damals kamen die Täter mit milden Geldstrafen davon, einer der linken Ultras musste aber ins Gefängnis.

Dass Valentin S. nach fünf Wochen in Freiheit wieder eingesperrt wird, dass er verhaftet wird, während er sich wie vorgegeben auf der Wache meldet, hält sein Anwalt Horst Wesemann für politisches Kalkül: "Die Justiz will ein Exempel statuieren. Sie will den Ultras zeigen: Haltet die Füße still, sonst kommt ihr in den Knast", sagt er SPIEGEL ONLINE. Der Grünen-Politiker Wilko Zicht, nach eigenen Angaben in Werders Fanszene verwurzelt, bezeichnet die erneute Verhaftung von Valentin S. bei Facebook als "völlig deplatzierte Gnadenlosigkeit der Bremer Justiz".

Anwalt spricht von einer "sehr unglücklichen Botschaft"

Tatsächlich ist schwer nachzuvollziehen, warum das Landgericht den Haftbefehl im November außer Vollzug setzte und das Oberlandesgericht diese Entscheidung nun wieder kippte. An den Vorwürfen gegen Valentin S. hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Anwalt Wesemann sagt, sein Mandant habe alle Auflagen erfüllt. Er sei zurück zu seinen Eltern gezogen, habe an einer Anti-Gewalt-Beratung teilgenommen, ein Praktikum angefangen und sich bei Werder-Spielen auf der Wache gemeldet. "Dass sich Valentin an alle Auflagen hält und trotzdem wieder verhaftet wird, ist eine sehr unglückliche Botschaft für junge Leute, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind", sagt Wesemann.

Das Oberlandesgericht argumentiert, dass die Auflagen die Gefahr nicht mindern würden, die von S. ausgehe. Seine Taten stünden meistens nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit Fußballspielen. Ihm wird zum Beispiel ein Steinwurf bei einer NPD-Demonstration zur Last gelegt oder Attacken auf Menschen in Thor-Steinar-Kleidung, einer Marke, die als Erkennungszeichen von Rechtsextremen gilt. Was bringe es da, wenn sich Valentin dem Stadion nicht nähern dürfe?

Tatsächlich ist nicht klar, wie nah S. dem Fußball wirklich steht. Ob er in erster Linie Fan ist oder eher jemand, den das politisierte und manchmal mit Aggressionen aufgeladene Umfeld anzieht. Die Wanderers, eine von mehreren Bremer Ultra-Gruppen, schreiben per Mail, dass sie "mit diesem Antifa-Vogel mal absolut gar nix zu tun haben", weisen aber später darauf hin, dass diese Aussage nicht der Gruppenmeinung entspreche. Er sei eben mit vielen Ultras befreundet, die wie er selbst gegen rechts kämpfen würden. Natürlich sei Valentin S. Fußballfan, sagt Anwalt Wesemann.

Welches Gefahrenpotenzial der Fall hat, zeigte sich am Abend nach der erneuten Verhaftung. Die Polizei berichtet von rund 40 Vermummten, die im Bremer Steintorviertel mit Steinen, Flaschen und Feuerwerk auf einen Streifenwagen losgegangen sein sollen. Die Angreifer hätten "Free Valentin" gerufen, weshalb die Polizei davon ausgeht, dass es sich um Ultras gehandelt hat. Von den Ultras selbst ist dazu nichts zu hören. Verschiedene Anfragen blieben unbeantwortet.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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1.
Max Super-Powers 22.12.2015
Nicht nur, dass Ultras und Hools jeglicher Gesinnung es mit ihrer Arroganz, Gewaltbereitschaft und ihrem Fanatismus es vielen normalen Fans verunmöglichen, sich ein Spiel im Stadion anzuschauen, nein, es muss auch unbedingt noch Politik mit transportiert werden. Meine Güte, es ist nur Fußball. Werdet erwachsen!
2. Der Fussball ist schuld,
Dogbert 22.12.2015
ganz offensichtlich, denn es gibt vergleichbare Ausschreitungen weltweit bei keinem anderen Sport. Die Lösung wäre also, den Fussball, zumindest auf professioneller Basis, einfach zu verbieten.
3. Warum
hibee 22.12.2015
Ich gehe seit 35 Jahren ins Stadion, könnten Sie mir erklären warum Ultras es 'normalen' Fans unmöglich machen sollen ein Spiel im Stadion zu besuchen. Nebenbei, nein ich bin kein Ultra.
4. Pack
99koelsch 22.12.2015
Um es im Jargon des dicken SPD-Problems zu sagen: Pack! Ob links, ob rechts, ob im Ultra-Umfeld oder einfach nur pöbelnd und randalierend in der Deckung großer Menschenansammlungen. Es ist und bleibt primitives Pack!
5.
TomRohwer 22.12.2015
Zitat von Max Super-PowersNicht nur, dass Ultras und Hools jeglicher Gesinnung es mit ihrer Arroganz, Gewaltbereitschaft und ihrem Fanatismus es vielen normalen Fans verunmöglichen, sich ein Spiel im Stadion anzuschauen, nein, es muss auch unbedingt noch Politik mit transportiert werden. Meine Güte, es ist nur Fußball. Werdet erwachsen!
Handelte es sich bei dem Inhaftierten um einen Rechtsradikalen, dann wären zweifellos die meisten ganz doll begeistert, daß er in Haft sitzt...
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