Aderlass in Bremen: Werder bricht auseinander

Von Tim Röhn, Bremen

Özil, Diego, Micoud: Über Jahre war Werder Bremen für Top-Transfers bekannt. Doch zuletzt floppten die neuen Spieler. Jetzt verlassen auch noch mehrere Leistungsträger den Club ablösefrei. In der Mannschaft wächst die Unruhe, die Führungsetage flüchtet sich in Durchhalteparolen.

Wiese, Pizarro und Co.: Die Stars gehen Fotos
Getty Images

Ob er sich um Werder Sorgen mache, wurde Tim Wiese gefragt. Es war die Pressekonferenz, auf der er seinen Abschied aus Bremen erklärte. Wiese überlegte kurz, lächelte gequält. Dann sagte er: "Nein, mache ich nicht." Lautes Gelächter bei den Journalisten.

Der Torhüter, die Nummer zwei der deutschen Nationalmannschaft, wird Werder Bremen am Saisonende nach sieben Jahren verlassen. Er wäre gerne geblieben, aber Geschäftsführer Klaus Allofs bot ihm keinen neuen Vertrag an. Dabei liegt es nicht an Wiese, dass Champions-League-Teilnahmen, Meisterschaftsrennen und spektakulärer Offensiv-Fußball in Bremen der Vergangenheit angehören.

Die Vorsaison beendete Werder auf Rang 13. Nun steht die Mannschaft auf Platz acht, die Formkurve zeigt jedoch nach unten: Vier der vergangenen sechs Partien verlor der Club, holte nur vier Punkte. Wiese aber spielte ordentlich. Klar ist: Der Torwart wollte keine Gehaltseinbußen hinnehmen. Weil die Verantwortlichen mit Erklärungen sparen, kann über die Gründe für Werders Zurückhaltung nur spekuliert werden. Allofs jedenfalls ("Irgendwann trennen sich nun mal die Wege") verlor sich vor dem Spiel am Samstag in Köln (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Phrasen.

Thomas Schaaf schien der Abgang noch weniger zu interessieren. Mit verschränkten Armen saß der Trainer auf dem Podium. Über das Gespräch mit Wiese, in dem dieser seinen Entschluss verkündete, sagte Schaaf: "Ich habe das einfach mal so hingenommen und stelle fest, dass Tim sich in den letzten sieben Jahren bei uns stark weiterentwickelt hat."

Einige Nationalspieler haben den Club verlassen

Mit dem 30-jährigen Wiese verlässt der letzte deutsche Nationalspieler den Verein. Der vorletzte war Per Mertesacker, davor ging Mesut Özil. Tim Borowski, 31, Aaron Hunt, 25, Clemens Fritz, 31, gehören nicht mehr zum DFB-Team, Marko Marin spielt aktuell keine Rolle. Diese Entwicklung ist symptomatisch für die Bremer Talfahrt. Die Leistungsträger sind in die Jahre gekommen, talentierte Spieler wie Marin oder Hunt wurden besser eingeschätzt, als sie wirklich sind.

Nun laufen am Saisonende 14 Verträge aus. Neben Wiese wird mit Claudio Pizarro, 33 ein weiterer Führungsspieler Werder aller Voraussicht nach verlassen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE steht der Peruaner unmittelbar vor einem Wechsel zum FC Bayern. Auch die Zukunft von Kapitän Clemens Fritz und Innenverteidiger Sebastian Prödl, 24, ist ungewiss, beide können nach Saisonende ebenfalls ablösefrei gehen. Bremen verlassen will in jedem Fall Naldo, 29, der zwar noch einen Vertrag bis 2013 besitzt, aber zurück in seine Heimat Brasilien wechseln möchte.

"Wir werden im nächsten Jahr eine schlagkräftige Mannschaft haben", sagt Allofs. Jede andere Aussage wäre auch verwunderlich, überzeugend klingt sie trotzdem nicht. So wächst nicht nur bei den Fans, sondern auch in Teilen der Mannschaft das Misstrauen. Im Europapokal habe man angesichts der Abgänge, die fest- oder bevorstehen, nichts zu suchen, sagen mehrere Profis hinter vorgehaltener Hand. Sie glauben, dass die Abgänge von Mertesacker und Wiese Signalwirkung hätten und Werder führungslos abwärts taumele.

Marin stellt Forderungen

"Ich bin mir sicher, dass Klaus Allofs wieder ein gutes Team zusammenstellt", erklärte Marko Marin SPIEGEL ONLINE, sagte aber auch: "Ein Spieler wie Pizarro sollte unbedingt gehalten werden. Er ist enorm wichtig für uns und könnte den Umbruch mitgestalten."

Zweifel, dass dem Duo Allofs und Schaaf dieser Umbruch erfolgreich gelingt, sind angebracht. Denn schon in den vergangenen zwei Jahren lagen sie bei einigen Transfers daneben. Für Denni Avdic, Marko Arnautovic und Wesley gab Werder insgesamt etwa 17 Millionen Euro aus, alle floppten. Einzig Abwehrspieler Sokratis überzeugt. Der Grieche ist aber nur ausgeliehen, für etwa 3,5 Millionen Euro kann Werder die Kaufoption ziehen.

Man habe jahrelang am Limit gespielt, betonte Boss Allofs in den vergangenen Monaten immer wieder, bei Transfers sei mehr denn je "Phantasie" gefordert. Diese war schon immer das Bremer Erfolgsrezept, nun aber stockt das System. Schon lange gab es keine Spieler mehr, die wie Özil, Diego, Johan Micoud oder Valérien Ismaël wenig kosteten und dennoch zu Stars werden.

Seit zwölf Jahren arbeitet das Duo Allofs und Schaaf bei Werder. Ende 2011 wurden ihre auslaufenden Verträge verlängert. Doch wie einige Spieler im Team scheinen sie ihre besten Jahre hinter sich zu haben. Es scheint, als entwickle sich Werder zurück.

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1.
hador2 07.04.2012
Naja, also zumindest Arnautovic würde ich (noch) nicht als Flop bezeichnen. Zwar ist er immer noch ein bißchen ein Problemkind, aber immerhin hat er in dieser Saison in 17 Spielen 6 Tore gemacht und bis zu seiner Verletzung zeigte seine Formkurve nach oben. Davon abgesehen würde ich dem Artikel allerdings in den meisten Punkten recht geben.
2.
Epistokrat 07.04.2012
Zitat von sysopÖzil, Diego, Micoud: Über Jahre war Werder Bremen für Top-Transfers bekannt. Doch zuletzt floppten die neuen Spieler. Jetzt verlassen auch noch mehrere Leistungsträger den Club ablösefrei. In der Mannschaft wächst die Unruhe, die Führungsetage flüchtet sich in Durchhalteparolen. Aderlass in Bremen: Werder bricht auseinander - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,826227,00.html)
das management bei werder ist seit jahren nur drittklassig. wer einen özil für 15 millionen an einen klub wie real verkauft, ein klub der locker das 3-4 fache bezahlen würde, kann nur unfähig sein.
3. Und ewig.......
Fackel 07.04.2012
Totgesagte leben länger. Das Duo Schaaf und Allofs wurde schon öfters als abgehalftert und unmotiviert beschrieben. Und immer wieder wurden plötzlich Transfers aus dem Hut gezaubert und attraktiver erfolgreicher Fussball gespielt. Trotz aller Unkenrufe. In der Mannschaft musste ein Umbruch vorgenommen werden. Bremen hat zur Zeit die jüngste Bundesligamannschaft aller Vereine und somit viel Luft und Potential nach oben. Gibt der Sache Zeit und es wird wieder was wunderbares entstehen.
4.
andrelei 07.04.2012
Zitat von FackelTotgesagte leben länger. Das Duo Schaaf und Allofs wurde schon öfters als abgehalftert und unmotiviert beschrieben. Und immer wieder wurden plötzlich Transfers aus dem Hut gezaubert und attraktiver erfolgreicher Fussball gespielt. Trotz aller Unkenrufe. In der Mannschaft musste ein Umbruch vorgenommen werden. Bremen hat zur Zeit die jüngste Bundesligamannschaft aller Vereine und somit viel Luft und Potential nach oben. Gibt der Sache Zeit und es wird wieder was wunderbares entstehen.
Ich hoffe, dass Sie Recht haben. Ich bin seit 1985 Anhänger von Werder Bremen und habe schon schlechte Zeiten erlebt, zum Beispiel die Ära zwischen Rehagel und Schaaf. Ich erwarte nicht von meinem Verein, dass sie jedes Jahr um die Meisterschaft spielen, sonst wäre ich vermutlich Bayern-Fan. Aber momentan blutet mir schon ein wenig das Herz. Wenn man gegen Köln jetzt nicht gewinnt, ist der Europa-League-Zug abgefahren. Ich hoffe, dass sich die Geduld dieser schwierigen Phase auszahlt und Werder sich in den nächsten Jahren wieder fängt. Allerdings finde ich es gut, dass KATS den Umbruch so konsequent, wenn auch nicht ganz freiwillig, durchziehen. Man kann heute halt leider nicht mehr mit der Meistermannschaft von 2004 spielen.
5. Wie
f.a.g. 07.04.2012
Zitat von Epistokratdas management bei werder ist seit jahren nur drittklassig. wer einen özil für 15 millionen an einen klub wie real verkauft, ein klub der locker das 3-4 fache bezahlen würde, kann nur unfähig sein.
das(Bundes)Land , so der Fussball(Club) ! Kein Wunder das der Stadtstaat hochverschuldet ist und nur durch den Länderfinanzausgleich am Leben erhalten werden kann . Bei "Werder" sieht`s wahrscheinlich ähnlich aus ! Na ja , Fischköppe eben!
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