Bremen in der Krise Total entwerdert

Unter Alexander Nouri verteidigt Werder Bremen so gut wie seit Jahren nicht. Trotzdem steht das Team auf einem Abstiegsplatz, Trainer Alexander Nouri droht das Aus. Was macht er falsch?

Alexander Nouri
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Es ist nicht so, als gäbe es gar keine guten Nachrichten für Werder Bremen. Am Freitagnachmittag verkündete der Klub die Rückkehr von Max Kruse ins Mannschaftstraining. Kruse, vergangene Saison Werders Schlüsselspieler, fehlt dem Klub seit dem vierten Spieltag, die Aussicht auf sein Comeback ist der größte Hoffnungsschimmer für die Krisen-Bremer.

Für manchen Werder-Fan ist es auch der einzige.

Bremen steht nach acht Bundesligaspielen ohne Sieg da und muss sich als Vorletzter für eine weitere Saison im Abstiegskampf wappnen. Am Sonntag kommt es zum Sorgenduell mit dem 1. FC Köln (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Sollte Werder beim Tabellenletzten verlieren, dürfte es eng werden für Trainer Alexander Nouri.

Wie konnte es so weit kommen? Erfolg ist für Nouri entscheidend mit defensiver Mitarbeit verbunden. Stürmer, die sich im Pressing ungeschickt anstellen oder die Intensität vermissen lassen, wurden aussortiert. Werder-Spiele sind geprägt vom Arbeiten gegen den Ball, und das war eine Zeit lang sehr erfolgreich.

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Alexander Nouri: Wundersam an der Weser

In der Rückrunde der vergangenen Saison konterte sich die Mannschaft aus dem Tabellenkeller in die Nähe der Europacup-Ränge, auch weil im Angriff Kruse und Fin Bartels stürmten. Mit ihrer Geschwindigkeit, ihren Dribblings, ihren Laufwegen und dem Pensum gegen den Ball passten sie optimal zur Konterausrichtung.

Vom blinden Verständnis ist nur noch das Blinde übrig

Mittlerweile ist das blinde Verständnis aus dem Frühjahr dahin. Spötter könnten meinen, geblieben sei allein das Blinde. Drei Tore hat Werder in acht Spielen erzielt, genau wie Gegner Köln. Hochgerechnet auf 34 Spieltage wären das rund 13 Treffer. Zwei weniger als Rekordhalter Tasmania Berlin 1966 schaffte.

Zumindest was die Defensive betrifft, hat Bremen sich nicht verschlechtert. Im Gegenteil: Werder kassiert aktuell im Schnitt so wenige Gegentore wie seit zwölf Jahren nicht mehr, als man hinter dem FC Bayern Vizemeister wurde. Das muss man Nouri lassen: Er hat Werders Defensive stabilisiert.

Für seine Kompaktheit zahlt Werder den Preis

Nouri hat zum Beispiel an der Staffelung gefeilt, wenn das eigene Team in Ballbesitz ist. Dass nicht ausreichend Spieler zum Absichern zurückbleiben, kommt kaum noch vor. Entsprechend gering ist die Zahl an Gegentoren nach eigenen Ballverlusten, einstmals Werders großes Manko.

Auseinandergebrochen ist das Bremer Gebilde in der laufenden Saison auch noch nicht, obwohl es bereits gegen die Schwergewichte Bayern (0:2) und Hoffenheim (0:1) angetreten ist. Die Zeit der Klatschen scheint vorbei.

Doch für seine Kompaktheit zahlt Werder einen Preis: die eigene Torgefahr. Und, wenn man so will: ein Stück weit auch das positive Image. Werder unter Nouri gleicht derzeit einem Gegenentwurf zum Werder unter Thomas Schaaf, Nouris Vor-Vor-Vorgänger. Schaaf war die Chance auf ein Tor wichtiger als die Sorge vor einem Gegentreffer. Nouri hat Werder entwerdert, das Team will im Herbst 2017 vor allem die Null halten. Wie sehr das mit der offensiven Harmlosigkeit zusammenhängt, zeigt die Taktiktafel.

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Werder kontert ins Nichts. Das Problem ist systemimmanent. Sind die hohen Pressingbemühungen erst einmal gescheitert, wechselt die Mannschaft in ein tiefes 5-3-2. Die Abwehrspieler verteidigen dabei ungern nach vorne, wodurch die drei zentralen Mittelfeldspieler viel Laufarbeit verrichten und sich freie Gegenspieler schnappen müssen. Dabei werden sie von den Angreifern unterstützt.

Das resultiert zwar in vielen Balleroberungen, bedeutet aber für den Moment des Ballgewinns auch zweierlei: Der Weg zum Tor ist sehr weit. Und vor dem Ball stehen meist nur zwei Spieler als Passempfänger bereit.

Damit Werder trotzdem Chancen kreiert, muss einiges zusammenkommen: Die beiden Stürmer sollten in der Lage sein, schnell große Distanzen zu überbrücken. Und sie müssen Bälle unter Gegnerdruck behaupten können. Nur so verschaffen sie den tiefer postierten Mitspielern die nötige Zeit, um nachzurücken, damit der Konter Wucht entfaltet.

Ohne Kruse sieht es schlecht aus

Darum ist Kruse so wichtig. Der 29-Jährige war vergangene Saison nicht nur wegen seiner 22 Torbeteiligungen in 23 Einsätzen unverzichtbar, sondern weil er jene Fähigkeiten vereint. Wer die Rückrunde Tor für Tor durchgeht, sieht das überall: Kluger Laufweg samt Traumpass vor einem Treffer in Freiburg, starke Ballbehauptung vor einem Treffer in Ingolstadt, Tiefenlauf vor einem gegen Hamburg. Die Liste ist lang, kein Wunder, dass es ohne Kruse schlecht aussieht für Werder. Und für Nouri.

Doch so leicht ist Werders Krise nicht erklärt. Warum hat der Trainer sein System nach Kruses Ausfall nicht angepasst? Etwa, indem er einen weiteren Spieler im Angriff postiert und es so der Offensive erleichtert, Bälle zu halten. Wie klug ist es überhaupt, seine Taktik so stark auf die Klasse eines einzelnen auszurichten?

Auch wegen seiner Personalwahl darf Nouri kritisiert werden; dafür, dass Zugang Ishak Belfodil und Bartels nicht zueinanderfinden und trotzdem Woche für Woche auflaufen; dafür, dass das Mittelfeld in vielen Partien unklug zusammengestellt war. Und warum ist von den Spielzügen nichts mehr zu sehen, die in der Vorbereitung einstudiert wurden?

Da ist allerdings auch noch eine andere Frage, nämlich die nach den Alternativen auf dem Trainermarkt. Denn Kaliber wie Thomas Tuchel warten vermutlich nicht auf Angebote aus Bremen.

In einer Liga voller Jungtrainer (und Jupp Heynckes) gehört Nouri mit seinen 38 Jahren zu den jüngsten. Gewiss auch zu den talentierteren. Ob er schnell genug die richtigen Erkenntnisse aus der Krise zieht, ist offen.

Das gilt auch für die Frage, ob Kruse rechtzeitig gegen Köln einsatzbereit ist.



insgesamt 11 Beiträge
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toliphe 21.10.2017
1. Treffend
SPON was ist los? Keine leeren Allegemeinplätze, sondern eine recht treffende Analyse! Dann hoffen wir mal, dass ähnliches auch in Werder's Trainerstab gesehen wird und entsprechende Korrekturen auf dem Programm stehen. Dann klappt es morgen auch mit dem Sieg in Köln.
radbodserbe 21.10.2017
2. Mal eine ganz allgemeine Floskel zur ständigen Trainerdiskussion
Auch wenn in der Bundesliga 18 Trainerikonen arbeiten würden, müssten am Ende der Saison 3 Mannschaften absteigen und auch bei 18 schlechten Trainern würde eine Mannschaft Meister werden. Ich bin mir bewusst, das ich dafür ins Phrasenschwein einzahlen sollte, aber vom Prinzip her steckt nun einmal ein wahrer Kern dahinter. Udo Lattek meinte vor einigen Jahren, es wäre besser und gerechter die Trainer in erfolgreiche und weniger erfolgreiche einzuteilen und nicht in gute und schlechte. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Das frühere Werder Motto "wir müssen halt ein Tor mehr schießen als der Gegner", ist vom "wir müssen ein Tor weniger kassieren als der Gegner" schon lange ersetzt worden. Ein allgemeiner Trend, der auch international zu verfolgen ist. Nur ein geringer Anteil der Teams haben halt das Spielerpotential, sich diesen "Hurra-Angriffs-Fußball" überhaupt leisten zu können. Er mag zwar schön anzuschauen sein, aber was am Ende zählt, sind nun einmal die Punkte. Durch die 3 Punkte Regel versuchte man den Fußball wieder offensiver zu gestalten, aber trotzdem setzte sich die Überzeugung durch, das Spiele in der Defensive gewonnen werden, es sei denn, der Gegner ist klar unterlegen. Werder Bremen fehlt momentan völlig das Selbstvertrauen. Man und wohl auch die Mannschaft fragen sich, wer im Team eigentlich in der Lage ist, ein Spiel positiv zu entscheiden. Durch Kruses Ausfall und Bartels Formschwäche wird das ganze noch verschärft. Man hat momentan den Eindruck, die Mannschaft hat eigentlich nur die Hoffnung, ein Spiel möglichst unbeschadet zu überstehen. Das wird aber so wohl nicht reichen. Werder braucht Erfolgserlebnisse und ob die durch einen neuen Trainer eher kommen würden, ist schwer zu beurteilen, denn wenn die Mannschaft nicht an sich selber glaubt, hat es jeder Trainer schwer und Herr Heynckes ist erst in einem Jahr wieder verfügbar.
Rafaelblond 21.10.2017
3. Bitte siegen
Als gebürtiger Düsseldorfer wünsche ich mir einen Sieg von WÄRDÄR.... leider überträgt SKY nicht...
widower+2 21.10.2017
4. Achten Sie auf den Autor
Zitat von tolipheSPON was ist los? Keine leeren Allegemeinplätze, sondern eine recht treffende Analyse! Dann hoffen wir mal, dass ähnliches auch in Werder's Trainerstab gesehen wird und entsprechende Korrekturen auf dem Programm stehen. Dann klappt es morgen auch mit dem Sieg in Köln.
Danial Montazeri ist meiner Meinung nach aktuell einer der absolut besten Journalisten im Bereich Fußball. Von dem gibt es eigentlich immer treffende Analysen. Was mir noch ein wenig gefehlt hat, ist eine Analyse der von Nouri vorgenommenen Auswechselungen, die fast immer zu spät, unverständlich oder beides sind.
alexander1.1 21.10.2017
5. Nouri ist nicht das Problem
Werders Problem ist nicht der Trainer, sondern die Qualität der Mannschaft. Das macht den Artikel nicht falsch - zutreffend wurde z.B. festgestellt, dass es ohne die Kombination Bartels-Kruse nicht läuft. Man ist also insbesondere von der Klasse von Max Kruse abhänigig. Ich denke, dass als Trainer kommen kann, wer will. Eine dauerhafte Verbesserung wird mit der Qualität dieser Mannschaft nicht eintreten. Trainer wie Skripnik und jetzt auch Nouri konnten zwar immer kurzfristige Verbesserungen bewirken, um die Mannschaft jeweils aus dem Sumpf zu ziehen. Auf Dauer sehe ich Werder aber nicht in der Lage, zumindest mal eine konstante Saison zu spielen. Wenn ein Spieler wie Bartels zu den besten Spielern zählt, dann stimmt etwas mit der Qualität nicht (Nichts gegen Bartels. Er hängt sich immer rein und ist einer meiner Lieblingsspieler und er ist auch zurecht wichtiger Bestandteil des Teams.) Dass die Qualität nicht mehr stimmt, ist auf Missmanagement und Misswirtschaft, garniert mit Angsthasenpolitik und etwas Pech zurückzuführen. Als man vor beinahe schon Urzeiten noch tatsächlich Überschüsse erzielte, hätte man mutig in die Mannschaft investieren sollen und gute Spieler verpflichten. Stattdessen hat man darauf gehofft, mit günstigen Transfers gute Spieler zu verpflichten, die sich dann wie zuletzt ein Diego zu absoluten Top-Spielern der Liga entwickeln. Das ist nicht gelungen. Stattdessen wurden die Überschüsse Jahr für Jahr aufgezehrt, um die roten Zahlen auszugleichen. Jetzt schreibt man zwar schwarze Zahlen, hat aber auch eine Mannschaft, die sich vom Niveau her zwischen der ersten und zweiten Liga aufhält. Hätte man wie oben bereits erwähnt, mutig in die Mannschaft investiert und an den sportlichen Erfolg geglaubt, dann hätte man mit Preisgeldern aus CL, EL, DFB-Pokal und besserer Ligaplatzierungen ebenfalls schwarze Zahlen schreiben können. Und die Trikots von Top-Spielern hätten sich auch super verkauft.
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