Wesley Sneijder beendet Karriere in der Nationalelf Aus jeder Lage

Wesley Sneijder hört in der niederländischen Nationalauswahl auf. Er ist der letzte Star einer großen Generation, Symbolfigur eines filigranen Offensivstils, einer der letzten echten Zehner.

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Wesley Sneijder ist Rekordspieler der Niederlande, Vizeweltmeister, war Kapitän der stargespickten Mannschaft, gewann die Champions League, erreichte 2010 Platz vier bei der Wahl des Weltfußballers - eigentlich hat Sneijder als Profi alles erlebt. Wenn er wie aktuell auf der Website des niederländischen Fußballverbands mit den Worten "Ich spüre bereits ein Kribbeln" zitiert wird, dann dürfte etwas Besonderes bevorstehen.

Der Anlass für das Kribbeln: Am Abend beendet der 34-Jährige seine Karriere in der Nationalmannschaft, im Testspiel gegen Peru läuft Sneijder zum 134. und letzten Mal für Oranje auf. Er sagt: "Ich möchte noch einmal alles zeigen, was ich kann."

Sollte Sneijder wirklich alles zeigen, werden die Fans in Amsterdam spektakuläre Distanztreffer sehen, geschossen mit links und rechts. Dribblings, vielleicht Ausraster, geniale Pässe. Trainer Dick Advocaat sagte schon 2004: "Wesley kann wie kein anderer den tödlichen Pass spielen."

Die Fans können sich auf einen Mittelfeldspieler freuen, der in der berühmten Ajax-Schule reifte und in seiner besten Zeit als Profi zuverlässig wie ein Uhrwerk die Offensivreihen seiner Mannschaften dirigierte. Er ist vielleicht der letzte echte Zehner im modernen Fußball. Sneijder galt an der Seite von Arjen Robben, Robin van Persie und Rafael van der Vaart jahrelang als Symbol des filigranen Offensivstils der niederländischen Auswahl.

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Wesley Sneijder: Tore, Titel und Tränen

Doch Sneijders beste Zeit liegt hinter ihm. Seit Januar dieses Jahres spielt Sneijder für Al Gharafa, er lässt seine Karriere in Katar ausklingen, gut bezahlt. Zuvor war er durch die europäischen Ligen getingelt, spielte nach seinen großen Stationen bei Real Madrid und Inter für Galatasaray in der Türkei und bis zum Katar-Abenteuer in Nizza unter Lucien Favre. Im Kader stand Sneijder dort nur selten, kam in fünf Ligaspielen zum Einsatz - nach einem halben Jahr endete seine Zeit in Frankreich. Parallel scheiterte Sneijder mit der Nationalmannschaft in der Qualifikation für die EM 2016 und WM 2018.

Es dürfte unwahrscheinlich sein, dass die Fans in Amsterdam noch einmal den besten Sneijder in Aktion sehen. Er war der Spieler für den berühmten Unterschied. "Er ist außergewöhnlich und konstant auf höchstem Level geblieben. Ein Schlüsselspieler und Ausnahmeerscheinung im Fußball", sagte Carlo Ancelotti im Jahr 2010. Damals reiste Sneijder als Inter-Profi unter José Mourinho und Champions-League-Sieger (eine Torvorlage im Finale gegen Bayern München) zur WM nach Südafrika. In der K.-o.-Phase blühte der damals 26-Jährige auf und erzielte dort vier Tore.

Der Wichtigste fiel gegen Brasilien eher kurios: Es sah nach einer wirklich schlechten Idee aus, als Sneijder sich bei einem Eckball zwischen Gilberto Silva und Felipe Melo stellte. Dort die beiden knapp 1,85 Meter großen Brasilianer, beide zweikampfstark. Und hier der kleine Niederländer mit seinen 1,70 Metern, ein angenehmer Gegenspieler in der Luft.

Der Niederländer versuchte nicht einmal, die beiden Brasilianer durch hektisches Hin- und Herlaufen zu verwirren. Er blieb einfach zwischen ihnen stehen. Dann flog der Ball in den Strafraum. Dirk Kuijt stieg hoch und verlängerte die Hereingabe von Robben, der Ball senkte sich, und weil Sneijder sicher immer noch nicht gerührt hatte, landete er genau auf dessen Kopf - Tor. Vielleicht steht gerade diese Szene für Sneijders Gespür für kluge Entscheidungen.

Danach klatschte Sneijder sich vor Freude immer wieder auf die Stirn. Mit seinem Treffer in der 68. Minute gegen Brasilien führte er Oranje ins WM-Halbfinale der Endrunde 2010, dort traf er auch. Sneijder gehörte beim Turnier in Südafrika zu den Besten, die Niederlande wurden Vizeweltmeister.

Sonst war Sneijder eher der Spieler, dem Trainer auch in ungünstigen Positionen zuriefen: "Schieß!" Nicht aus Verzweiflung, sondern will sie wussten, Sneijder kann aus jeder Lage treffen, aber nicht unbedingt mit dem Kopf. Das Brasilien-Tor blieb Sneijders erster und einziger Kopfballtreffer für die A-Mannschaft - und der zweite Platz bei der WM 2010 sein größter Erfolg.

Abseits des Felds wurde es um Sneijder auch mal unruhig, manche sagen, er sei mit Beginn seiner zweiten Ehe mit einer bekannten Moderatorin abgehoben. Bei Inter ließ er sich mit Privatjet zu Freundschaftsspielen einfliegen. Die erfolgreichen vier Jahre in Mailand endeten mit einem Streit übers Gehalt. Zudem hat er sich bei der WM 2010 über das Gehalt von Ersatzkeeper Piet Velthuizen lustig gemacht. "Ich verdiene 20 Mal so viel wie du", sagte Sneijder zum Teamkollegen, der in der niederländischen Eredivisie 400.000 Euro verdient hatte. Auch wenn Sneijders Spruch arrogant wirkt: Er war sein Geld meist wert.

Am Abend dürften solche Geschichten in den Hintergrund geraten. Immerhin verabschiedet sich der letzte Star einer großen Generation, die zwar keinen großen Titel gewann, aber lange für spektakulären Fußball stand. Sneijder hätte gerne noch weitergespielt, doch Bondscoach Ronald Koeman will eine neue Mannschaft für die Zukunft aufbauen, die sich endlich wieder für ein internationales Turnier qualifiziert. Einen Spieler, mit einer so spektakulären Schusstechnik, Passgenauigkeit und Genialität wie sie Sneijder hat, muss Koeman noch finden.



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