Verhaftung in der Türkei Wettpate Nurettin Günay erneut hinter Gittern

Er galt einst als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft und sagte zu fast 170 unter Manipulationsverdacht stehenden Fußballspielen aus. Nun wurde der Wettbetrüger Nurettin Günay erneut verhaftet. Er soll von der Türkei aus ein europaweites illegales Wettsystem betrieben haben.

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Fußballwetten (Symbolbild): "Dutzende Personen als Geldboten gearbeitet"
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Fußballwetten (Symbolbild): "Dutzende Personen als Geldboten gearbeitet"


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Hamburg - Nurettin Günay trägt einen grauen Pullover und einen dunklen Jogginganzug. Seine Hände sind gefaltet. Der 35-Jährige trägt Handschellen, an seinem Arm zerrt ein Polizeibeamter. Gemeinsam mit 35 anderen Beschuldigten wurde Günay am Dienstagmorgen in ein türkisches Gefängnis überführt. Der Vorwurf: Wettbetrug.

Günay ist in der Szene kein Unbekannter. Im Bochumer Wettskandal, bei dem auch Ante Sapina, der einst gemeinsam mit dem Bundesliga-Schiedsrichter Robert Hoyzer Fußballspiele manipuliert hatte, verurteilt wurde, diente Günay als wichtiger Zeuge. Er packte als Erster über das System der Spielmanipulateure aus, belastete Dutzende Personen in Deutschland und der Türkei und sagte zu beinahe 170 unter Manipulationsverdacht stehenden Spielen aus. Es war der größte europaweite Schlag gegen das Wettsyndikat.

"Ohne Günay wären damals viele Zusammenhänge unbeleuchtet geblieben", sagt ein hochrangiger Ermittler heute. Die Bochumer Kriminalbeamten der Sondereinheit "Flankengott" schrieben in die Akte, Günay habe "weit über seinen Tatbeitrag hinaus" mit den Ermittlern kooperiert. Dies bescherte dem in Lohne bei Osnabrück lebenden Vater zweier Kinder eine erhebliche Haftmilderung, Günay wurde zu lediglich drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er saß etwas mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft, so dass noch etwa zwei Jahre im Gefängnis auf ihn warten.

Dass Günay diese Strafe zeitnah antreten wird, ist nicht anzunehmen. Denn es steht noch eine Nachverhandlung seines Prozess an, da der Bundesgerichtshof Günays Revision in einem Punkt Recht gab. Aber was die Rückkehr des kurdischen Wettpaten nach Deutschland deutlich mehr problematisiert, ist seine aktuelle Verhaftung.

"Günay wird als Haupttäter geführt"

Mehr als ein halbes Jahr lang ermittelten türkische Behörden verdeckt gegen Günay und etliche seine mutmaßlichen Komplizen. Vorgestern schlugen sie zu, durchsuchten 49 Häuser in fünf Städten und nahmen 36 Personen wegen des Verdachts des Wettbetrugs fest. Günay landete zunächst in einem Gefängnis in Adana und wird in den kommenden Tagen dem Haftrichter vorgeführt. Ein hochrangiger deutscher BKA-Ermittler sagte SPIEGEL ONLINE: "Günay wird als Haupttäter geführt, der ein Wettportal gesteuert haben soll, das in ganz Europa Spiele anbot. Für ihn sollen Dutzende Personen als Geldboten gearbeitet haben, die die Gelder und Gewinne persönlich abgeholt und ausgeschüttet haben sollen."

Wie genau die Wettplattform funktioniert hat, ist bislang noch nicht bekannt. Dass Günay diese vermeintlich aus der Türkei heraus betrieb, würde allerdings wohl schon als ein Gesetzesverstoß gelten. In der Türkei gibt es ein staatliches Wettmonopol, das keine privaten Wettannehmer zulässt. Günay soll mit seinem Quotenangebot die staatlichen Möglichkeiten zudem deutlich unterlaufen haben. Noch ist nicht klar, ob der Verdacht der Ermittler stimmt.

Woher er das Geld für den Aufbau eines solchen Systems hatte beziehungsweise wer seine Geldgeber waren, ist bislang ebenfalls ungeklärt. Dass seine Homepage die Landeskennung "Asia" hatte, deutet aber zumindest auf einen Bezug nach Asien hin. Der Firmensitz soll auf Malta registriert sein.

Günays Anwalt Jens Meggers will sich zu den konkreten Vorwürfen gegen seinen Mandanten nicht äußern, sagt aber SPIEGEL ONLINE: "Die Festnahme in der Türkei hat keinen Einfluss auf das restliche deutsche Verfahren, das noch aussteht. Das kann ohne Günay nicht zu Ende gebracht werden und wird wohl dadurch erst einmal ruhen." Die Bochumer Ermittler wurden hingegen bereits aktiv und bemühen sich aktuell um einen Rechtshilfegesuch mit der Türkei. Eine schnelle Auslieferung des Kurden wird aber von allen Seiten angezweifelt.

Nun wird es spannend, ob Günay den Polizisten wieder so viel zu erzählen hat wie 2010. Er könnte erneut tiefe Einblicke in die Machenschaften der global operierenden Wettbetrugsszene liefern.

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