700 Fußballspiele unter Verdacht: Wo Fifa und Uefa beim Wettbetrug versagt haben

Von Rafael Buschmann

DPA

Ein Wettskandal von globalem Ausmaß - obwohl die Fußballverbände so viel Geld wie noch nie in den Kampf gegen Wettbetrug investieren. Insider erklären, warum die Frühwarnsysteme von Uefa und Fifa nicht funktionieren und mit welchen Tricks internationale Zocker arbeiten.

Als das Sondereinsatzkommando "Veto" der europäischen Polizei Europol seine Arbeit aufnahm, stand ihm bereits ein knapp 20.000-seitiger Aktenberg zur Verfügung. Darin waren fast drei Jahre des deutschen und europäischen Wettbetrugs protokolliert, darunter die Ermittlungen gegen den Berliner Wettkönig Ante Sapina durch die Bochumer Soko "Flankengott". Der anschließende Prozess aus dem Jahr 2011 brachte immer mehr Querverweise zu anderen Ländern und Ligen sowie ins organisierte Verbrechen.

Wie groß das Puzzle des Schreckens wirklich ist, wird nun klar: Europol veröffentlichte erstmals eine Zwischenbilanz der Wettmanipulationen, und diese könnte verheerender kaum sein. Mindestens 380 Spiele wurden von 425 korrupten Spielern, Offiziellen und Funktionären in 15 verschiedenen Ländern verschoben. Und die Ermittlungen der europäischen Polizei sind längst noch nicht abgeschlossen.

Eine Frage, die nun lauter denn je gestellt wird, ist die nach dem Warum. Warum ist es den Wettbetrügern trotz der von Fifa-Chef Joseph Blatter vor drei Jahren ausgegebenen "Zero Tolerance"-Strategie zur Bekämpfung des Wettbetrugs immer noch möglich, Hunderte Spiele zu verschieben?

Eine Bankrotterklärung

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Wettskandal: Fußball-Betrug im großen Stil
Eine Antwort gab Friedhelm Althans, Chefermittler aus Bochum und einer der weltweit angesehensten Anti-Wettbetrugexperten, auf der Europol-Pressekonferenz in Den Haag: Alle für sehr viel Geld aufgebauten Frühwarnsysteme der Uefa und auch der Fifa seien "bisher ohne jeden messbaren Wert geblieben". Eine Bankrotterklärung.

Dabei hatten gerade die beiden großen Fußballdachverbände so viel Hoffnung in die Software gesetzt, die ihnen anzeigen soll, wenn es irgendwo auf der Welt eine ungewöhnliche Quotenbewegung gibt. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Uefa, der namentlich nicht genannt werden möchte, erklärt das Prinzip der Warnsysteme so: "Wenn jemand eine hohe Summe auf ein Spiel wettet, die deutlich über dem durchschnittlichen Wetteinsatz liegt, schlagen die Systeme aus und markieren das Spiel als gefährdet." Doch das große Problem der Frühwarnsysteme sind nicht die großen Einsätze. Tätige jemand "viele einzelne, kleine Wetteinsätze bei vielen unterschiedlichen Wettannahmestellen", blieben die Systeme "faktisch blind", wie es der Uefa-Mitarbeiter, der selbst am Aufbau eines der Systeme mitgearbeitet hat, beschreibt.

Die beiden derzeitigen Marktführer, zum einen Sportradar, das vornehmlich von der Uefa genutzt wird, und das Early Warning System (EWS), welches eine sehr ähnliche Prüfsoftware verwendet wie Sportradar und von der Fifa eingesetzt wird, haben zudem ein noch viel größeres Defizit: "Sie erkennen fast ausschließlich die mittelgroßen bis großen Wettanbieter in Europa. Die vielen kleinen, zum Teil halblegalen oder auch illegalen Wettfirmen in Asien haben doch gar kein Interesse an Kooperationen mit den offiziellen Verbänden", sagt der Uefa-Insider.

Perfides System

Auf diese Weise war es auch Ante Sapina und Marijo Cvrtak, den beiden in Deutschland zu jeweils fünfeinhalb Jahren Haft verurteilten Wettbetrügern (beide haben Revision gegen das Urteil eingelegt), möglich, ihre Wetteinsätze bis in den sechsstelligen Bereich zu bewegen. Sie zockten zwischen 2006 und 2008 insgesamt mit einem zweistelligen Euro-Millionenbetrag. Dabei, so skizzierten die beiden damals das perfide System vor Gericht, überwiesen sie zwei asiatischen Mitarbeitern der englischen Wettfirma Samvo ihre Wetteinsätze und diese suchten dann auf dem asiatischen Wettmarkt nach den besten und höchsten Quoten, Provisionen inklusive. In Europa ist es mittlerweile kaum noch möglich, einen hohen fünfstelligen Euro-Betrag einzusetzen, ohne dass Nachfragen von einer Wettaufsichtsbehörde oder der Polizei folgen.

"Die Frühwarnsysteme sind vollkommen zahnlose Tiger. Das ist lediglich ein nettes Business, mit dem einige Leute gutes Geld machen konnten. Aber echte Wettbetrüger, vor allem der harte Kern aus Asien, lässt sich damit nicht überführen", sagt ein ehemaliger Interpol-Mann. Weder Detlev Zenglein, Geschäftsführer bei EWS, noch Andreas Krannich, Sprecher von Sportradar, wollten sich auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE zu den Vorwürfen äußern.

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Europol
  • AP
    Europol (Europäisches Polizeiamt) ist eine europäische Polizeibehörde mit Sitz im niederländischen Den Haag. Sie soll die Arbeit der nationalen Polizeibehörden Europas bei grenzüberschreitender organisierter Kriminalität (OK) koordinieren und den Informationsaustausch zwischen den nationalen Polizeibehörden fördern.
  • Europol geht es vor allem um eine verbesserte Zusammenarbeit der zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten bei der Verhütung und Bekämpfung von Terrorismus, illegalem Drogenhandel und sonstigen schwerwiegenden Formen der internationalen Kriminalität. Seit 2002 ist Europol befugt, sich an gemeinsamen Ermittlungsgruppen der Mitgliedstaaten zu beteiligen, und kann einzelne Mitgliedstaaten auffordern, Ermittlungen aufzunehmen.
Europol nahm seine Aktivitäten im vollen Umfang am 1. Juli 1999 auf, seit 1. Januar 2010 ist sie offiziell eine Agentur der Europäischen Union (EU). Direktor ist seit Mai 2009 der Brite Rob Wainwright. Finanziert wird die Behörde durch die Mitgliedstaaten. Das jährliche Budget beträgt rund 90 Millionen Euro. (sid)