Von Peter Ahrens
Berlin - 380 Spiele in Europa, darunter Partien der WM-Qualifikation und der Champions League, insgesamt 425 verdächtige Personen, in rund 300 weiteren verdächtigen Fällen laufen weltweit noch Ermittlungen: Das Ausmaß, in dem Fußballspiele in Europa manipuliert worden sein sollen, ist gewaltig. Die europäische Polizeibehörde Europol hat in den vergangenen drei Jahren Fleißarbeit geleistet. Erstmals sind die Fäden der von Asien aus europa- und weltweit agierenden Wettmafia zusammengeführt worden. Die Ermittler wollten am Montag zwar keine Namen von Verdächtigen und unter Verdacht stehenden Partien nennen. Einige der Spiele, die Europol im Visier hat, sind dennoch bekannt.
So dürfte es sich bei einem verdächtigen Champions-League-Match um die Partie zwischen dem ungarischen Vertreter VSC Debrecen und dem AC Florenz aus Italien aus dem Jahr 2009 handeln. Das Duell spielte bereits in der Anklage der Bochumer Staatsanwaltschaft gegen den Wettbetrüger Ante Sapina eine Rolle. In dem damaligen Gruppenspiel vom 20. Oktober, das 3:4 endete, fielen sechs der sieben Treffer in der ersten Halbzeit.
Auch in der Europa League haben die Bochumer Ermittler damals genauer hingeschaut. Hier sollen die Spiele zwischen dem FC Basel und ZSKA Sofia sowie die Auseinandersetzung zwischen Aalborg BK und Slavia Sarajewo auffällig geworden sein.
Sieben Tore - alle per Elfmeter
Die Bochumer mit ihrem Chefermittler Friedhelm Althans an der Spitze haben mit Europol eng zusammengearbeitet. Althans gehörte denn auch zu denen, die die Resultate der Arbeit am Montag präsentierten. Er und seine Leute haben auch das WM-Qualifikationsspiel Liechtenstein gegen Finnland im Verdacht. Das hat die Staatsanwaltschaft schon 2011 mitgeteilt. Von daher könnte unter anderem diese Partie gemeint sein, wenn Europol explizit auch WM-Qualifikationspartien aufführt.
Schon in der Anklage gegen Sapina spielten zudem Partien in Slowenien und in der Schweizer Liga eine Rolle. Im Fokus stehen auch die Freundschaftsländerspiele Bolivien gegen Lettland und Bulgarien gegen Estland. Diese beiden Partien vom Februar 2011 fanden im türkischen Antalya statt. Es gab damals keine TV-Übertragung, es gab keine lizenzierten Schiedsrichter, und es gab kaum Publikum. Eine Steilvorlage für die Wettmafia: Sämtliche sieben Treffer in den beiden Spielen fielen durch Strafstöße. Nach Recherchen des "Stern" waren die Partien durch Hintermänner aus Singapur organisiert worden.
70 der 380 mutmaßlich manipulierten europäischen Partien sollen in Deutschland stattgefunden haben. Allerdings hat Althans betont, dass die Fälle, die vor allem Spiele der vierten Liga betreffen, bereits öffentlich bekannt seien. Auch sie sind vor allem in den Ermittlungen gegen Sapina aufgetaucht. Bis zu 100.000 Euro Bestechungsgeld seien pro Spiel gezahlt worden.
Althans rechnet damit, dass dies nur die "Spitze des Eisberges" sei und dass Manipulationen im Fußball künftig noch zunehmen. "Es gibt hohen Profit bei geringem Risiko", so der Bochumer Hauptkommissar. Den Syndikaten aus Asien komme man nur sehr schwer auf die Spur: Dazu sei noch viel mehr internationale Zusammenarbeit nötig.
Hoher Profit bei geringem Risiko - allein in Deutschland habe die Wettmafia einen Reingewinn von acht Millionen Euro aus den Manipulationen herausgezogen, sagt der Bochumer Ermittler. Rechnet man das auf 14 weitere europäische Länder und auf die zusätzlichen 300 Fälle in Asien, Afrika und Südamerika hoch, dann wird klar, wie verlockend das kriminelle Wettgeschäft geworden ist.
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