Wettskandal: Oddset-Fax setzt DFB-Spitze unter Druck

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Der Skandal um manipulierte Fußballspiele weitet sich aus. Die staatliche Lottogesellschaft Oddset und der DFB weisen sich gegenseitig Schuld zu, denn konkrete Hinweise zu Manipulationen wurden bereits im August ausgetauscht, aber nichts passierte. Die Suche nach den Schuldigen wird zum Spießrutenlauf für die DFB-Spitze.

DFB-Präsident Mayer-Vorfelder (l.), Generalsekretär Schmidt: "Etwas Schriftliches"
DPA

DFB-Präsident Mayer-Vorfelder (l.), Generalsekretär Schmidt: "Etwas Schriftliches"

Hamburg - Hans-Wilhelm Forstner hat für Ärger beim DFB gesorgt: Der Vizepräsident der staatlichen Lotterieverwaltung Bayern erklärte heute als einer der Verfasser in einer Pressemitteilung, dass er den DFB bereits im August telefonisch von einem konkreten Manipulationsverdacht beim Pokalspiel zwischen Paderborn und dem Hamburger SV informiert habe. Der Adressat des Anrufes war laut Forstner ein Spitzenfunktionär: Horst R. Schmidt, Generalsekretär des DFB. Forstners Aussage, die er auch in der "SZ" tätigte, überrascht: Bisher war nur bekannt, dass der Kontrollausschuss durch Oddset informiert wurde. Wusste die DFB-Spitze also doch bereits frühzeitig von den Manipulationsvorwürfen?

Der DFB bestätigte heute einen Oddset-Anruf bei Schmidt. Doch der Generalsekretär habe das Telefonat mit den Worten beschlossen, er benötige "etwas Schriftliches", erklärte Pressechef Harald Stenger SPIEGEL ONLINE. Das deckt sich mit der Darstellung Forstners, der darauf ein Fax an den DFB schickte. Doch um dieses Schreiben vom 23. August gibt es bis heute einige Verwirrung - es existieren nämlich zwei Versionen. In dem Schreiben, das Oddset am vergangenen Freitag in Auszügen präsentierte, war im Betreff und im letzten Satz ausdrücklich von einem "Verdacht auf Manipulation" die Rede. Dieser Zusatz fehlt im Fax, das der DFB erhielt und das SPIEGEL ONLINE ebenfalls vorliegt.

Oddset-Vermerk: "Internes Versehen"
SPIEGEL ONLINE

Oddset-Vermerk: "Internes Versehen"

Von einem DFB-Funktionär war zu hören, dass man deshalb mit Oddset in Gesprächen stehe, "dies klarzustellen". Oddset ließ heute in einer Pressemitteilung mitteilen, man habe am Freitag aufgrund eines "internen Versehens" einen fast identischen Vermerk präsentiert. Für die Staatslotterie ändert das jedoch nichts an der Tatsache, dass Oddset die "Auffälligkeiten frühzeitig festgestellt und als einziger an die zuständigen Stellen gemeldet" habe. Mit anderen Worten: Auch wenn im Schreiben an den DFB das Wort "Manipulation" nicht explizit auftaucht - zumindest über "Unregelmäßigkeiten" sei der DFB informiert gewesen.

Zumal der staatliche Wettanbieter in dem Fax einen möglichen Zusammenhang zwischen "großen Einsätzen auf einen Heimsieg im Spiel Paderborn - Hamburger SV (DFB-Pokal 1. Runde am 21.8.2004)" und zwei "fragwürdigen Elfmetern" hergestellt hatte. Der leitende Schiedsrichter sei "ein Herr Robert Hoyzer aus Berlin" gewesen, beschloss Oddset den Absatz über die umstrittene Pokalpartie, die der Außenseiter mit 4:2 gewann. Auch im Regionalliga-Spiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem FC St. Pauli (Endstand 3:2) habe es große Einsätze auf den Sieger gegeben - und "mindestens ein zu Unrecht aberkanntes Tor".

Oddset-Fax an den DFB: "Auch dieses Spiel von Robert Hoyzer geleitet"

Oddset-Fax an den DFB: "Auch dieses Spiel von Robert Hoyzer geleitet"

Durch das Ergebnis habe "ein Großkunde" Oddsets die "meisten seiner Kombinationen durchgebracht". Und: "Auch dieses Spiel wurde von Herrn Robert Hoyzer aus Berlin geleitet." Alle diese Hinweise stehen sowohl im internen Oddset-Vermerk als auch im Fax an den DFB - nur das Wort "Manipulation" fehlt im Schreiben an den Verband.

Doch noch etwas hätte bei den Empfängern des Schreibens die Alarmglocken schrillen lassen müssen: Der staatliche Wettanbieter hielt den Verdacht auf Manipulation und eine mögliche Verwicklung Hoyzers für derart gravierend, dass laut Oddset nicht nur alle Landes-Lottogesellschaften über das merkwürdige Wettverhalten informiert wurde, sondern sogar die Kriminalpolizei in Berlin eingeschaltet wurde.

In diesem Punkt aber gibt es indes ebenfalls noch Unklarheiten. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte der Vorstand der Berliner Klassenlotterie am Montag lediglich, dass die Kripo über die Verdachtsmomente informiert worden sei. Aufgrund der laufenden Ermittlungen aber wolle man keine Details über die Stelle, die man informiert habe, mitteilen. Angeblich habe Oddset München dann wenige Tage später eine Mitteilung der Kripo bekommen, die wegen des fehlenden Tatverdachts die Nachforschungen abgebrochen habe, erklärte der Vorstand.

Oddset-Reklame: Die Kriminalpolizei eingeschaltet?
AP

Oddset-Reklame: Die Kriminalpolizei eingeschaltet?

Offiziell wollte sich am Montag bei der Polizei und der Berliner Staatsanwaltschaft niemand zu der angeblichen Anzeige äußern. Zwei an den Ermittlungen beteiligte Fahnder sagten SPIEGEL ONLINE jedoch, dass man bisher eine solche Anzeige nicht gefunden habe. "Wir recherchieren diesem Vorgang noch immer nach, bisher ohne Erfolg", sagte einer der Ermittler. Beide Beamte betonten, dass eine genauere Bezeichnung der kontaktierten Dienststelle oder des Aktenzeichens hilfreich bei der Suche wären.

Fest steht: Ans Licht kam der Skandal um Hoyzer erst nach der Aussage von vier Schiedsrichterkollegen - fünf Monate später. Was ist nach Forstners Anruf und dem Eingang des Faxes beim DFB passiert? Und wer hatte Kenntnis über den brisanten Inhalt?

Auf das Oddset-Schreiben vom 23. August angesprochen hatte der Geschäftsführende Verbandspräsident Theo Zwanziger im Interview mit SPIEGEL ONLINE betont, dass weder er noch sein Doppelspitzen-Pendant Gerhard Mayer-Vorfelder bis zum vorvergangenen Samstag etwas vom Oddset-Schreiben gewusst hätten.

Ex-Schiedsrichter Hoyzer (mit Paderborner Spieler): Insgesamt vier Spiele manipuliert
AP

Ex-Schiedsrichter Hoyzer (mit Paderborner Spieler): Insgesamt vier Spiele manipuliert

Demnach hätte Generalsekretär Schmidt diesen - angeblich telefonisch übermittelten - gravierenden Verdacht nicht an die Präsidiumsmitglieder Zwanziger, der damals noch Schatzmeister war, und Mayer-Vorfelder weitergeleitet. Kenntnis vom Manipulationsverdacht hatte laut Oddset zumindest noch Chefjustiziar Götz Eilers, denn dieser sei am 25. August ebenfalls telefonisch informiert worden. Auch der Vorsitzende des Kontrollausschusses, Horst Hilpert, wusste Bescheid.

Schmidt war für eine Stellungnahme heute nicht erreichbar - der DFB wollte zum Thema Oddset am Nachmittag eine Presseerklärung herausgeben. Hilpert hatte zum weiteren Vorgehen erklärt, dass der Kontrollausschuss etwa vier Wochen nach der Benachrichtigung bei Oddset München telefonisch nachgefragt habe, was die Untersuchungen durch die Kriminalpolizei in Berlin ergeben hätten. Nach der Münchner Ansage, die Nachforschungen der Kripo hätten keine "weiterführenden Verdachtsmomente" erbracht, "sah der DFB-Kontrollausschuss keine Veranlassung, weitere eigene Ermittlungen anzustellen" (Hilpert), ließ das Ermittlungsverfahren ruhen - und Hoyzer weiter pfeifen. Es fand weder ein Verhör statt noch wurde Hoyzer unter besondere Beobachtung gestellt - und die Öffentlichkeit wurde auch nicht informiert.

Mittlerweile hat Hoyzer zugegeben, auch das Zweitliga-Spiel Ahlen gegen Burghausen (22. Oktober, Endstand 1:0) verschoben zu haben. Bei einem früheren Eingreifen des DFB hätte diese Manipulation wohl verhindert werden können.

Zumindest fragwürdig ist vor dem Hintergrund des Oddset-Schreibens auch das Vorgehen des DFB im Fall des Zweitliga-Spiels Aue gegen Oberhausen. Millionenbeträge waren nach Angaben privater Buchmacher auf einen Auer Heimsieg mit zwei Toren Differenz gesetzt worden, der durch zwei kuriose Tore auch zustande kam. Spekuliert wurde über die asiatische Wettmafia als Drahtzieher, ein ehemaliger Oberhausener Spieler räumte ein, dass in der Vorsaison auf eigene Spiele gewettet worden sei - doch der DFB stellte die Ermittlungen nach nur einem Tag ein. Ob das Spiel im Zuge der Ermittlungen um Hoyzer zur Wiedervorlage kommt, wollte Zwanziger im Interview mit SPIEGEL ONLINE jedenfalls nicht ausschließen.

Man wolle sich der Kritik am Vorgehen im Fall Hoyzer stellen, erklärte heute ein DFB-Funktionär. Zudem sei man dabei, "nach Erklärungen zu suchen, warum das heutige DFB-Präsidium erst so viel später vom schwerwiegenden Manipulationsverdacht erfahren hat". Nicht mehr ausgeschlossen scheint, dass der Schiedsrichter-Skandal demnächst sogar personelle Konsequenzen beim DFB hat.

Wie chaotisch es beim größten Sportfachverband der Welt derzeit zugeht, zeigte auch der Auftritt Mayer-Vorfelders bei Sabine Christiansen. Der DFB-Präsident musste sich in der Sendung auf den neuesten Stand bringen lassen - von "Bild"-Mann Alfred Draxler.

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