Nach Zugriff in Budapest Whistleblower von Football Leaks aus U-Haft entlassen

Football-Leaks- Whistleblower Pinto hat zwei Tage nach seiner Verhaftung in Budapest eine Auslieferung nach Portugal vorerst verhindern können. Nun wird bekannt: Er kooperierte schon vor der Festnahme mit französischen Ermittlern.

Football Leaks (Symbolbild)
DPA

Football Leaks (Symbolbild)

Von , Nicola Naber, und


Ein Whistleblower der Enthüllungsplattform Football Leaks, Rui Pedro Gonçalves Pinto, steht unter Hausarrest und muss eine elektronische Fußfessel tragen. Das hat eine Richterin am Freitag entschieden, zwei Tage nach Pintos Festnahme in Budapest. Portugiesische Behörden streben eine Auslieferung Pintos an und haben Widerspruch gegen die Entscheidung eingelegt.

Aus einem europäischen Haftbefehl, den die portugiesische Generalbundesanwaltschaft einen Tag vor dem Zugriff aufgesetzt hat, gehen die Vorwürfe gegen den 30-Jährigen hervor. Er wird der "Cyberkriminalität" beschuldigt, soll sich "unrechtmäßigen Zugang" zu vertraulichen Dokumenten verschafft haben und wird zudem der "versuchten Erpressung" bezichtigt. Welche Belege den Beschuldigungen zugrunde liegen, geht aus dem Haftbefehl nicht hervor.

Pintos französischer Anwalt William Bourdon weist insbesondere den Vorwurf der versuchten Erpressung gegen seinen Mandanten "ganz entschieden" zurück. Pintos ungarischer Verteidiger David Deak, der gemeinsam mit dem Portugiesen bei der Anhörung vor Ort war, erklärte: "Wir werden uns gegen diese Vorwürfe mit allen Mitteln wehren."

Bourdon sagte der französischen Nachrichtenagentur AFP, Pinto habe bis zu seiner Verhaftung in Kontakt mit französischen Ermittlern gestanden. Weitere Quellen bestätigten dies dem SPIEGEL und dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC). Demnach hatte die Behörde für Wirtschaftskriminalität, Parquet National Financier, nach den ersten Football-Leaks-Enthüllungen im Dezember 2016 Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen Fußballspieler in Frankreich eröffnet. Daraus ergab sich offenbar ein Informationsaustausch zwischen den französischen Fahndern und dem Whistleblower. Die Behörde in Paris äußerte sich auf Anfrage des EIC nicht dazu. Bourdon teilte mit, dass er die Budapester Richterin über den Kontakt seines Mandanten zu den Ermittlern unterrichtet habe.

Fall verfüge über Alleinstellungsmerkmal

Aus Sicht von Pintos Anwalt Deak habe der Fall wegen dieses Informationsaustausches ein Alleinstellungsmerkmal und müsse deshalb mit besonderer Sorgfalt betrachtet werden: "Ein Whistleblower, der mit anderen europäischen Behörden zusammenarbeitet und hier lebt, ist für das ungarische Justizsystem neu. Eine Auslieferung sollte unter diesen Umständen nicht passieren." Whistleblower genießen in Europa besonderen rechtlichen Schutz.

Auch zur Mitarbeit mit Schweizer Strafverfolgungsbehörden hatte Pinto sich laut seines Anwalts bereit erklärt. Dabei geht es um ein Verfahren gegen einen Staatsanwalt aus dem Kanton Wallis, der ein Freund des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino ist und gegen den wegen des Verdachts der Vorteilsnahme im Amt ermittelt wird. Ausgelöst worden war dieser Fall durch Veröffentlichungen des SPIEGEL und des EIC im vorigen November, die auf Dokumenten von Football Leaks basierten. Der ermittelnde Staatsanwalt war vom EIC für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Verdachtsmomente aus dem elf Seiten umfassenden Haftbefehl gegen Pinto resultieren allesamt aus dem Herbst 2015, als die Website "Football Leaks" erstmals online ging und zahlreiche Dokumente aus dem Innersten der Fußballbranche veröffentlichte.

Seit 2016 erhielt der SPIEGEL Zugang zu Millionen Dokumenten von Football Leaks, die er mit dem Recherchenetzwerk EIC auswertete. Einige Enthüllungen sorgten für Ermittlungsverfahren und Prozesse. Die Beschuldigten zahlten teilweise Millionenbeträge an die Finanzbehörden und akzeptierten Bewährungsstrafen. Der prominenteste Fall betrifft den fünffachen Weltfußballer Cristiano Ronaldo, der knapp 150 Millionen Euro über Offshore-Firmen fließen ließ und Steuerhinterziehung eingestanden hat. Gegen Ronaldo wird aktuell auch in Las Vegas ermittelt. Er soll, so der Vorwurf, dort im Jahr 2009 die US-Amerikanerin Kathryn Mayorga vergewaltigt haben. Ronaldo bestreitet das. Auch diesen Fall hat der SPIEGEL auf Basis der Football-Leaks-Daten enthüllt.

Pintos Anwalt William Bourdon, der auch schon Edward Snowden verteidigte, bezeichnet seinen portugiesischen Mandanten als einen "sehr großen europäischen Whistleblower". Pintos Antrieb habe darin bestanden, "kriminelle Aktivitäten in der Welt des Fußballs aufzudecken". Der SPIEGEL und das EIC äußern sich aus Gründen des Informantenschutzes prinzipiell nicht zur Identität möglicher Quellen.

Unterdessen hat die amerikanisch-französische Stiftung "The Signals Network" dem inhaftierten Pinto ihre finanzielle und logistische Unterstützung zugesagt. Ziel dieser Stiftung sei es, Whistleblowern Hilfe zu gewähren, die dazu beigetragen hätten, "erhebliches Fehlverhalten" aufzudecken, heißt es in einer Erklärung.

Der Pariser Anwalt William Bourdon, der im Verwaltungsrat der Stiftung The Signals sitzt, hat bereits bekannte Whistleblower mit Erfolg vertreten. Die Verurteilung eines seiner Mandanten wurde im vorigen Jahr von einem Luxemburger Berufungsgericht aufgehoben: Der Franzose Antoine Deltour hatte anhand interner Dokumente aufgedeckt, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und luxemburgische Steuerbehörden internationalen Unternehmen zu extrem niedrigen Steuersätzen verholfen hatten. Als Folge der Enthüllungen, die unter dem Namen "LuxLeaks" veröffentlicht wurden, hatte die Europäische Kommission Maßnahmen gegen Steuervermeidungsmodelle angekündigt.

Deltour war zunächst wegen Dokumentendiebstahls zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilt worden. In einem Berufungsverfahren wurde dem PwC-Mitarbeiter allerdings ein besonderer Schutz als Whistleblower zuerkannt.



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