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Verwirrung um WM-Verlegung: Valcke und das Wintermärchen

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Fifa-Generalsekretär Valcke (Archiv): "Es ist formal nichts abgestimmt" Zur Großansicht
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Fifa-Generalsekretär Valcke (Archiv): "Es ist formal nichts abgestimmt"

Mit seiner Ankündigung, die Fußball-WM 2022 in Katar werde im Winter ausgetragen, hat Generalsekretär Jérôme Valcke Entsetzen bei der Fifa ausgelöst. Einen offiziellen Beschluss gibt es nicht. Dem Franzosen dürfte die Aktion trotzdem nicht schaden.

SPIEGEL ONLINE Fußball
Die Fußball-WM 2022 in Katar hat keine ruhmreiche Geschichte. Die Vergabe wurde von Korruptionsvorwürfen überschattet, die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen werden als katastrophal bezeichnet. Und dann ist da noch das Problem mit der Hitze - kann im Sommer überhaupt in dem Wüstenstaat gespielt werden?

Das Turnier ist nun um eine bizarre Episode reicher.

Der Franzose Jérôme Valcke, Generalsekretär des Weltverbands Fifa mit Ambitionen auf die Präsidentschaft, erklärte in einem Interview mit dem Radiosender France Info, die WM werde nicht im Sommer 2022 ausgetragen, sondern "zwischen dem 15. November und spätestens dem 15. Januar".

Eine brisante Nachricht, die weltweit Schlagzeilen machte. Allerdings: Einen Beschluss des Fifa-Exekutivkomitees gibt es dazu nicht. "Es ist formal nichts abgestimmt oder entschieden worden", sagte Exekutivmitglied Theo Zwanziger SPIEGEL ONLINE: "Es läuft derzeit ein Abstimmungsprozess in der großen Fußballfamilie. Ich denke, es bleibt beim Zeitrahmen, dass vor Ende 2014 keine Entscheidung über eine WM-Verlegung fällt."

Zwanziger hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er gegen eine Sommer-WM in Katar ist. "Valcke hat seine Meinung geäußert, er ist weiter gegangen, als es formal richtig ist. Ich selbst denke ähnlich." Was Valcke nun verlautbart habe, könne man als Interpretation der Diskussion auf der Sitzung des Exekutivkomitees im Oktober 2013 betrachten.

Zwanziger kam erst im Juni 2011, ein halbes Jahr nach der von Korruptionsvorwürfen überschatteten WM-Vergabe ins Exekutivkomitee. "Bei allem Respekt vor getroffenen Entscheidungen, aber im Sommer kann man in Katar nicht Fußball spielen", sagt er. "Das hat inzwischen auch die medizinische Kommission der Fifa erklärt."

Tendenz zur Verlegung

Zwanziger macht im Exekutivkomitee eine Tendenz zur WM-Verlegung aus, sagt aber auch, dass es beim öffentlich propagierten Ablauf bleibe: Eine Entscheidung falle demnach erst nachdem Michael Garcia, Chef der Ermittlungskammer der Fifa-Ethikkommission, seinen Bericht zur WM-Vergabe vorgelegt hat. Dies soll im Frühsommer soweit sein. Parallel dazu treibt Katar die Ausschreibungen für die meisten WM-Stadienbauten voran und schafft damit weitere Tatsachen in Geld und Beton.

Zwanziger selbst befasst sich in diesen Wochen mit Fragen der Menschenrechte und Rechte von Arbeitnehmern in Katar. Mit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, dem Internationalen Gewerkschaftsbund und Barbara Lochbihler, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Europäischen Parlament, werde derzeit ein Forderungskatalog erarbeitet, sagt Zwanziger. Ende Januar soll das Papier vorliegen, für Mitte Februar hat Lochbihlers Ausschuss zu einer Anhörung nach Brüssel geladen. Zwanziger geht davon aus, dass er danach nach Katar reisen wird - und seinen Bericht dann zur nächsten Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees im März vorlegt.

Vizepräsident Boyce war "schockiert"

Nicht nur Zwanziger war von Valckes Interview überrascht. Fifa-Vizepräsident Jim Boyce aus Nordirland erklärte, er sei "schockiert" von der Aussage: "Stand jetzt bleibt das Turnier im Sommer." Am Nachmittag verbreitete die Fifa ein Statement, in dem wie üblich zurückgerudert wurde. Valcke habe in dem Radiointerview nur seine Meinung gesagt, wie mehrfach zuvor, hieß es nun. Eine Entscheidung über eine WM-Verlegung falle aber erst nach Beendigung des Anhörungsverfahren unter allen Aktionären der Fifa: Nationalverbände, Kontinentalverbände, Ligen, Clubs, Spieler, Sponsoren und TV-Stationen. Es gebe keine Eile. "Vor der WM in Brasilien wird nichts entschieden."

Der Vorgang erinnert an jene private E-Mail, die Valcke 2011 dem damaligen Vizepräsidenten Jack Warner geschrieben haben soll: Darin soll Valcke angedeutet haben, die WM-Vergabe sei durch Stimmenkauf zustande gekommen. Später erklärte der Fifa-Generalsekretär, er sei missverstanden worden.

Dem Duo Blatter/Valcke ist jede Finte zuzutrauen

Am Sachstand um die WM 2022 hat sich also nichts geändert. Warum dann die Aufregung? Wollte Valcke, in Abstimmung mit seinem Präsidenten Joseph Blatter, einmal mehr die Stimmung sondieren? Wollte er vollendete Tatsachen schaffen?

Dem Duo Blatter/Valcke ist jede Finte zuzutrauen. Zur Wahrheit gehört, dass es Valcke und Blatter waren, die den Fehler begangen, die beiden Weltmeisterschaften 2018 und 2022 gemeinsam auszuschreiben. Das war der Anfang des Chaos, bis zur Wahl von Russland und Katar als WM-Ausrichter wurde der Vergabemodus mehrfach geändert. Wenn sich Valcke und Blatter nun gänzlich von Katar distanzieren, wäre das unglaubwürdig.

Auch deshalb, weil Blatters Aufstieg vom Generalsekretär zum Fifa-Präsidenten ohne die finanzielle Unterstützung des Emirs von Katar nicht möglich gewesen werde: Emir Hamad Bin Chalifa, der die Macht in Katar im Sommer 2013 seinem Sohn Tamim übergab, hat ihm 1998 und 2002 Wahlkämpfe organisiert und mitfinanziert, das gestand Blatter längst ein.

Es empfiehlt sich aus einem weiteren Grund, Aussagen von Jérôme Valcke mit Vorsicht zu genießen. Dieser Mann pflegt ein zerrüttetes Verhältnis zur Wahrheit, wie seit einem spektakulären Prozess um Sponsorenverträge der Fifa gerichtsfest dokumentiert ist. Valcke, damals noch Marketingdirektor des Weltverbands, wurden zahlreiche Lügen nachgewiesen. Vor einem US-Distriktgericht räumte er seine Lügen sogar ein. Blatter entließ ihn deshalb im Dezember 2006 als Marketingchef - um ihn ein halbes Jahr später als Generalsekretär wieder einzustellen und öffentlich zu behaupten, Valcke sei nie entlassen worden.

So läuft das nunmal in der Fifa. Valcke und Blatter können schalten und walten wie sie wollen.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Irrsinn und Fifa
jewiberg 08.01.2014
Erst die WM die seit ewig im Sommer statt findet in die Wüste schicken. Dann merkt man, dass es in Wüste im Sommer heiß ist. Und anstatt den Scheichs zu sagen sorry wir waren blöd und ihr müsst jetzt klimatisierte Stadien bauen, soll die WM jetzt verlegt werden. Der Strom für die Klimaanlagen kann prima mit Solaranlagen erzeugt werden. Sonne gibt's ja genug.
2. Die Frage ist hier
didiastranger 08.01.2014
Wem wuerde es dienen wenn die WM jicht in Quatar stattfindet? ENGLAND! Und da habe ich so meine Fragen. die Briten sind immer offen fuer Korruption! das beweisen sie staendig !
3. Auch wenn es wahrscheinlich utopisch ist...
marius_k 08.01.2014
Aber wie würden sich denn die europäischen Verbände gegenüber einer Winter-WM positionieren, wenn sich einfach mal die nächsten Länderspiele niemand ansieht, niemand ins Stadion geht und auch die Glotze ausbleibt? So als kleiner Vorgeschmack auf einen Boykott dieser absurden WM in der Wüste in der Weihnachtszeit, denn dies ist aus meiner Sicht das einzige, was der geneigte Fußballfan tun kann.
4. Termin unklar.
frank_w._abagnale 08.01.2014
Für mich war das eigentlich immer klar. Ich bin kurz nach der WM-Vergabe von offizieller Seite eingeladen worden. Dies ging gleich mit dem Hinweis einher, dass der Termin im Jahr noch offen und nicht festgelegt sei. Nachtigall - ick hör Dir trapsen....
5.
M.Schneider 08.01.2014
Zitat von jewibergErst die WM die seit ewig im Sommer statt findet in die Wüste schicken. Dann merkt man, dass es in Wüste im Sommer heiß ist. Und anstatt den Scheichs zu sagen sorry wir waren blöd und ihr müsst jetzt klimatisierte Stadien bauen, soll die WM jetzt verlegt werden. Der Strom für die Klimaanlagen kann prima mit Solaranlagen erzeugt werden. Sonne gibt's ja genug.
?? Das mit den Klimatisierten Stadion war doch von beginn so geplant , wenn ich mich jetzt nicht irre ..das waren doch die Stadioen die später wieder Recyclt werden !
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2002 Japan und Südkorea Brasilien
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1994 USA Brasilien
1990 Italien Deutschland
1986 Mexiko Argentinien
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1978 Argentinien Argentinien
1974 Deutschland Deutschland
1970 Mexiko Brasilien
1966 England England
1962 Chile Brasilien
1958 Schweden Brasilien
1954 Schweiz Deutschland
1950 Brasilien Uruguay
1938 Frankreich Italien
1934 Italien Italien
1930 Uruguay Uruguay


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