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WM-Affäre: Laut Niersbach war Schwarzgeld für Blatter-Wiederwahl bestimmt

Ex-Fifa-Boss Blatter, Ex-DFB-Chef Niersbach: Wohin flossen die Millionen? Zur Großansicht
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Ex-Fifa-Boss Blatter, Ex-DFB-Chef Niersbach: Wohin flossen die Millionen?

Nächste Version von Ex-DFB-Präsident Niersbach in der WM-Affäre: Offenbar wurden die 6,7 Millionen Euro Schwarzgeld dafür verwendet, die Wiederwahl von Fifa-Boss Joseph Blatter abzusichern. Die entscheidenden Fragen lässt er jedoch offen.

Was geschah mit den berühmten 6,7 Millionen Euro, die den Deutschen Fußball-Bund seit den SPIEGEL-Enthüllungen vom Oktober in Atem halten? Der mittlerweile zurückgetretene DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat im Gespräch mit der ermittelnden Kanzlei Freshfields offenbar eine neue Version ins Spiel gebracht. Demnach sei die dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro inoffiziell an die Finanzkommission des Weltverbands Fifa geflossen, um damit 2002 die Wiederwahl von Präsident Joseph S. Blatter zu finanzieren. Das geht aus Vernehmungsprotokollen hervor, aus denen die "Bild"-Zeitung zitiert.

Niersbach erinnere sich laut der Protokolle, dass Beckenbauer ihm 2002 nach Blatters Wiederwahl gesagt habe: "Der ist auch mit meinem Geld gewählt worden." Ähnlich soll sich auch der ehemalige DFB-Vizegeneralsekretär Stefan Hans geäußert haben. Beim Fifa-Kongress 2002 in Seoul, bei dem Blatter im Amt bestätigt wurde, habe Beckenbauer laut den Protokollen auf die Frage, wem Blatter seine Wiederwahl zu verdanken habe, auf sich gezeigt.

Blatter selbst hat allerdings die Version, es habe irgendwelche Deals mit dem DFB gegeben, noch zuletzt im Interview mit dem SPIEGEL als absurd zurückgewiesen. Er bezog sich damit besonders auf die Darstellung Beckenbauers: Dieser hatte Ende November die ominöse Überweisung der WM-Macher von 6,7 Millionen Euro an die Fifa aus dem Jahr 2005 mit Begleitumständen einer drei Jahre zuvor vereinbarten Absprache begründet.

Blatter hat die Version von Niersbach zurückgewiesen

Die Fifa-Finanzkommission soll demnach 2002 für einen späteren Organisationszuschuss von 250 Millionen Schweizer Franken eine Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken (6,7 Millionen Euro) verlangt haben. Außer Beckenbauer hatten zuvor auch Niersbach und weitere Mitglieder des WM-Organisationskomitees die Fifa-Forderung als Voraussetzung für den Millionenzuschuss genannt. Dagegen hat Blatter im SPIEGEL betont: Der Zuschuss für die deutschen WM-Macher sei "an keinerlei Bedingungen durch die Fifa geknüpft" gewesen.

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DFB-Präsident tritt zurück: Die Karriere von Wolfgang Niersbach
Ohnehin bleiben die entscheidenden Fragen auch nach der "Bild"-Veröffentlichung unbeantwortet: Warum kam das Geld von Dreyfus und nicht von einer Bank? Warum hat der DFB das Geld nicht einfach vorgestreckt, sondern sich von Dreyfus aushelfen lassen? Was ist mit der Aussage des OK-Mitglieds Günter Netzer, das Geld sei zum Stimmenkauf der Asiaten genutzt worden? Eine Aussage, die Netzer nach wie vor bestreitet, die aber vom ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger bezeugt worden ist. Netzer hat nach Auskunft seines Anwalts Zwanziger deswegen mittlerweile verklagt.

Allesamt Fragen, die vor allem Beckenbauer und sein Berater Fedor Radmann beantworten könnten. Aber deren Protokolle der Freshfields-Befragungen sind bisher nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

Neue Indizien im Fall Dempsey

Dagegen ist Freshfields laut "Bild" angeblich auch auf ein Dokument gestoßen, das eine Bestechung des verstorbenen Fifa-Exekutivmitglieds Charles Dempsey vor der Abstimmung des Gremiums über den WM-Gastgeber 2006 nahelegt. Die Frage, ob aus der Codierung des Papiers zu schließen sei, dass der Neuseeländer Dempsey am Vorabend der WM-Vergabe 250.000 US-Dollar erhalten habe, verneinte Niersbach laut "Bild". Das Dokument soll in einem Ordner im Vorzimmer Niersbachs entdeckt worden sein.

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Das offizielle Ergebnis der externen Ermittlungen soll Ende Februar vorliegen. Der DFB will den Bericht öffentlich machen. Am Dienstag reagierte der Verband verärgert auf die Veröffentlichung. Er will aber trotzdem die Ergebnisse seiner Untersuchungen in der WM-Affäre nicht früher als geplant bekanntgeben. "Es bleibt trotz dieser äußerst ärgerlichen Indiskretionen dabei, dass Freshfields seine gesamten Ergebnisse vorstellt, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind", teilte der DFB mit.

Derweil sieht der Verband weiter keinen Grund für die Abberufung Niersbachs von seinen Posten bei der Uefa und der Fifa. "Die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung durch Freshfields liegen zwar noch nicht vor, zum jetzigen Zeitpunkt gibt es aber keinerlei Anzeichen, dass Niersbach aufgefordert werden müsste, aus seinen Ämtern bei der Uefa und Fifa auszuscheiden", sagte DFB-Interimschef Rainer Koch der "Sport Bild".

Niersbach war am 9. November als DFB-Präsident zurückgetreten. Seine Ämter in den Exekutivkomitees der Europäischen Fußball-Union (Uefa) und beim Weltverband Fifa durfte er aber behalten.

Bei der Uefa soll Niersbach dem DFB weiter bei der Bewerbung um die Europameisterschaft 2024 helfen. "Er hat über Jahrzehnte sehr viele internationale Kontakte aufgebaut. Es wäre ja töricht, sein Angebot, uns Türen zu öffnen und sich für unser Vorhaben einzusetzen, auszuschlagen", sagte Koch.

aha/sid

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Das erinnert mich an...
SPONU 15.12.2015
...eine typische Szene in Filmen: im Knast sitzen die Kriminellen und versuchen, den jeweils besten Deal für sich auszuhandeln in dem sie ihre ehemaligen Kumpane belasten. Wohl dem der jetzt verwertbare Beweise produzieren kann. Wer schreibt bleibt :)
2. So ahnungslos
orchidella 15.12.2015
wie der 'saubere' Herr B. tut, ist er nicht. Auch auf Gazproms payroll steht er sicherlich nicht 'umsonst'. Höchste Zeit, dass die Staatsanwaltschaft sich dieser Causa annimmt.
3.
ackergold 15.12.2015
Ich gehe davon aus, dass diese Version von Niersbach der Realität bisher am nächsten kommt. Insbesondere nach den letzten Interviews von Blatter bekommt man schon den Eindruck, dass der Sepp das Geld selbst gefordert hat, um einen Wahlkampf zu finanzieren.
4. Oh ha dann war
maxderzweite 15.12.2015
am Vorabend dieser legendären Abstimmung, nicht nur die Titanic aktiv, wenn es wirklich so war, dann macht dies die Aktionen von DFB und Bild im Nachgang nur noch peinlicher, vermutlich hatte da jemand Angst, dass die echte Bestechung auffliegt...
5.
troy_mcclure 15.12.2015
Bin mal gespannt, wann die anderen "singen", um ihre Haut zu retten.
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