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WM 2006: Sorgten Kirch-Millionen für die entscheidenden Stimmen?

Die Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland fiel äußerst knapp aus. Schon kurz nach der Verkündung der Ergebnisse machten Gerüchte die Runde, dass es bei der Wahl nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Laut Presseberichten heißt es nun, die Kirch-Gruppe soll damals manchen Wahlberechtigten entscheidend beeinflusst haben.

München - Der inzwischen insolvente Medien-Unternehmer Leo Kirch und der deutsche Rekordmeister Bayern München sollen bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland Einfluss genommen haben. Das berichten übereinstimmend das manager magazin und die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) am Samstag.

Mitglieder des WM-Organisationskomitees 2006: Horst R. Schmidt, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann und Wolfgang Niersbach (v.l.)
DPA

Mitglieder des WM-Organisationskomitees 2006: Horst R. Schmidt, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann und Wolfgang Niersbach (v.l.)

Den Berichten zufolge sollen Lizenzverträge mit Verbänden wie Malta oder Thailand abgeschlossen worden sein, um deren Stimmen für die deutsche Bewerbung zu sichern. Unternehmen des Münchener Medien-Moguls zahlten offenbar für TV-Rechte, später trat der FC Bayern zu Freundschaftsspielen in diesen Ländern an.

Bereits 1996 hatte Kirch die TV-Rechte für die WM gekauft. Für die Verwertung war Deutschland als Ausrichter natürlich wesentlich lukrativer als Südafrika, das bei der WM-Vergabe durch den Fußball-Weltverband Fifa am 6. Juli 2000 im entscheidenden Wahlgang knapp mit 11:12 Stimmen unterlag. Angeblich waren bis zu 3,5 Millionen Dollar eingeplant, um das Wunschresultat zu erreichen. Das manager magazin und die SZ berufen sich auf Informationen aus dem einstigen Kirch-Imperium.

Thailand, Tunesien und Malta sollen letztlich für Deutschland gestimmt haben. Im Fall Tunesien gibt es allerdings widersprüchliche Aussagen. Das afrikanische Land soll - entgegen der Informationen der "SZ" - für Südafrika gestimmt haben, wie das WM-Organisationskomitee am Samstag dem sid (Sportinformationsdienst) mitteilte.

Wackelkandidaten ausfindig gemacht

Die Schweizer Rechteagentur CWL, eine der zahlreichen Firmen im Machtgefüge von Leo Kirch, soll sich im Sommer 2000 nach manager-magazin-Informationen entschlossen haben, Übertragungsrechte für Freundschaftsspiele in Malta, Thailand, Tunesien und Trinidad zu Preisen zwischen 250.000 und 300.000 Dollar zu erwerben.

Die Abstimmungs-"Wackelkandidaten" sollen von einer Crew um Kirch-Stellvertreter Dieter Hahn ausfindig gemacht worden sein. In zwei Fällen sollten die Summen offenbar auf Treuhandkonten eingezahlt werden. Begünstigte waren die betroffenen Verbände, die die Sonderzahlungen dann weiter verteilten.

"Es gab damals den Wunsch nach Freundschaftsspielen mit dem FC Bayern", wird der einstige Fußballprofi und CWL-Manager Günter Netzer zitiert: "Wir haben daraufhin den FC Bayern für Spiele in Malta, Tunesien und Thailand verpflichtet sowie die Übertragungsrechte eingekauft und verkauft - ein ganz normales Agenturgeschäft."

Federführend bei den Aktionen sollen neben Leo Kirch der zuletzt wegen seiner Interessenkonflikte in die Kritik geratene Vizepräsident des WM-Organisationskomitees Fedor Radmann sowie Franz Beckenbauer gewesen sein. Beckenbauer ist OK-Chef und Bayern-Präsident. Er war auch Vorsitzender des Bewerbungskomitees.

Bei den von der SZ aufgezählten Münchner Auslandsauftritten handelt es sich um die Gastspiele am 3. Juni 2000 bei der Nationalmannschaft Thailands (2:1), am 12. Januar 2001 auf Malta (3:1) und am 17. Januar beim tunesischen Vorzeigeklub L'Esperance Tunis (2:0).

Beckenbauer und Radmann wehren sich


Beckenbauer und Radmann wehren sich jetzt gegen die Vorwürfe, die Fußball-WM 2006 mit unsauberen Mitteln nach Deutschland geholt zu haben. "Wer meint, dass man mit Freundschaftsspielen eine WM bekommt, der hat keine Ahnung", schimpft Beckenbauer in einem Interview der "Bild am Sonntag".

Auch Radmann weist die Vorwürfe zurück und betont, dass man für eine derartige Operation viele Freunde, Verbündete und auch Allianzen brauche: "Doch wer mit dicken Kuverts herummarschiert, hat schon verloren. Es gibt klare Regeln, an die man sich halten muss, und an die wir uns gehalten haben."

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