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SPIEGEL-Enthüllungen zur WM 2006: Warum ärgert Sie das so?

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WM-Maskottchen Goleo, Niersbach: Das Märchen ist beschädigt Zur Großansicht
dpa/dpaweb

WM-Maskottchen Goleo, Niersbach: Das Märchen ist beschädigt

Die Vergabe der WM 2006 steht unter Korruptionsverdacht, für viele Leser ist damit auch das zum Sommermärchen verklärte Turnier beschädigt. Dabei bleiben die großen Momente von damals doch so, wie sie sind.

Am 16. Oktober erschien bei SPIEGEL ONLINE die erste Meldung zum Skandal um die WM-Vergabe 2006. Seitdem sind elf Tage vergangen, rund 30 Artikel zu dem Thema sind bei uns auf der Seite erschienen. Der SPIEGEL, der die Geschichte recherchiert hat, nahm das Rätsel um die mutmaßliche schwarze Kasse und die ominösen 6,7 Millionen Euro in seinen beiden jüngsten Ausgaben auf den Titel.

Ich selbst habe die Geschichte nicht recherchiert oder geschrieben. Es ist trotzdem auf eine andere Art meine Geschichte. So wie es in gewissem Sinne die Geschichte von all jenen ist, die damals im Sommer 2006 die WM verfolgt und wahrscheinlich auch gefeiert haben. Und es ist meine Geschichte, weil wir von SPIEGEL ONLINE das Thema mit aktueller Berichterstattung, Analysen und Zusammenfassungen begleiten.

Deshalb empfinde ich die inzwischen Hunderten E-Mails, die wir zu dem Thema bekommen haben, und die Tausenden Foreneinträge nicht explizit, aber eben auch als an mich gerichtet. Ich bin erschrocken, wie viele Leser den Skandal nicht in der Existenz gravierender Indizien sehen, wonach das Sommermärchen gekauft worden sein könnte, sondern darin, dass der SPIEGEL diese Geschichte publik gemacht hat. Diese Version wollen viele nicht hören. "Lasst uns in Ruhe", schreiben sie. Oder: "Wen kümmert's?"

"Dauer-Party", "Sommerrausch", "geilste Zeit"

Kaum ein Ereignis ist im Nachhinein so verklärt worden wie diese Weltmeisterschaft. Zur "Dauer-Party", zum "Sommerrausch" oder zur "geilsten Zeit" - wie Leser uns schrieben - werden solche Wochen erst mit einigem zeitlichen Abstand. Erinnerungen an Alltagssorgen, die man damals eben auch hatte, verblassen. Für sehr viele Menschen bleibt die WM 2006 schlicht das makellose Sommermärchen, für das Deutschland von aller Welt bewundert und gelobt wurde. Das kam in der jüngeren Geschichte nicht so oft vor. Deshalb wurde es besonders genossen.

Dann kam der Bericht im SPIEGEL. "Ich kann nur sagen: Nestbeschmutzer", schrieb uns ein Leser. Das Nest ist demnach Deutschland und den Vogel haben wir, die Journalisten. Einer schrieb, der DFB habe, sollte er den Zuschlag als WM-Ausrichter tatsächlich auf unlauterem Wege bekommen haben, das Geschäft seines Lebens gemacht: "Der Zweck heiligt die Mittel, die sieben Millionen waren das bestinvestierte Geld seit Langem." Ein anderer Leser forderte: "Lasst uns die Erinnerung an die WM 2006 so, wie sie war."

Ich kann diese Haltung nicht nachvollziehen. Wer Aufklärung bei der mutmaßlichen Korruption der WM-Vergabe als Miesmachen des Turniers empfindet, der denkt bei dem Wort Transferleistung wahrscheinlich auch als erstes an Ablösesummen.

Ich kann es auch nicht nachvollziehen, warum viele ihre schönen Erinnerungen an die Spiele und die Stimmung bedroht sehen. Der Schuss von Philipp Lahm in den Winkel zum Auftakt gegen Costa Rica, das 1:0 von Oliver Neuville im Spiel gegen Polen, das Elfmeterschießen gegen Argentinien - für mich werden diese Momente unvergesslich bleiben, ohne Beigeschmack. Wenn es Ihnen anders geht, schreiben Sie mir. Darüber würde ich mich dann wirklich freuen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 220 Beiträge
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1. Ärgert mich nicht
paulvernica 27.10.2015
Ich hab 2006 mit der WM meinen Spass gehabt auch wenn sich diese im nachhinein als gekauft herausstellen sollte. Es ärgert mich dass unsere Gesellschaft immer weiter in der Korruption versinkt.
2. Stimmt
brehn 27.10.2015
Es Stimmt, die Momente bleiben mir. Was wäre das Jahr 2006 in Berlin auch gewesen ohne die überfüllten Bahnen, die vielen besoffenen Touristen, das Großaufgebot an Polizei usw usf.. Achja, ein Spiel hab ich auch gesehen, das war aber im Gegensatz zum Verkehrschaos etc. nur ca. 120min lang...
3. Man muss sich eben damit abfinden...
hsimpson 27.10.2015
...dass es unmöglich ist, in einem System voller Korruption eine Weltmeisterschaft nur durch Sympathien nach Hause zu bringen. Aber wenn man dieses System ernsthaft kleinkriegen will, darf man Jahr das eigene Land nicht auslassen, sonst wird man unglaubwürdig.
4. Es ärgert mich ja gar nicht...
coustal 27.10.2015
... ich finde es jedoch bezeichnend, dass der Spiegel jetzt versucht, sich zu rechtfertigen. Ich lese den Spiegel seit über 30 Jahren, das ist neu - und aufschlussreich. Eventuell, vielleicht, möglicherweise, Vermutungen, Hörensagen... das ist kein investigativer Journalismus, wie man ihn vom Spiegel erwartet. Verdacht... na ja! Beweis... ach nein! Der Spiegel reitet ein totes Pferd, das vielleicht, vermutlich, irgendwann mal einen Sattel hatte. Ihr wisst nicht, wie der Gaul heißt, wo er herkommt und wie der Sattel aussieht - lasst die Geschichte sterben. Für einen Verdacht macht ihr einfach zu viel Wind. Kümmert euch um die Politik... da gibt's wirklich viel zu tun und zu schreiben. Das hat der Spiegel doch mal wirklich gut gekonnt... wird schon wieder werden... vermutlich.
5.
finkpositiv 27.10.2015
...und am Ende dann der Hinweis auf die "wichtigsten Beiträge zum zerstörten Sommermärchen". Da hat die Redaktion wohl ein anderes Bild als der Autor dieses Artikels. Mich interessiert die Korruption tatsächlich nicht im Geringsten. Dass der Spiegel aus der Geschichte einen Skandal strickt finde ich hochgradig lächerlich.
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