WM-Bilanz in Brasilien Die Schattenseiten der Fußballparty

Vier Wochen Fußballparty sind vorbei, für Brasilien beginnt der Alltag. Die Kosten der WM sind explodiert, die Zukunft der teuren Stadien ist ungeklärt. Großer Gewinner ist die Fifa - der Verband kann sich schon auf das nächste Turnier freuen.

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Das Fest ist vorüber, die Show ist vorbei, die Menschen haben ihre Brasilien-Trikots, die sie bis zum desaströsen Halbfinale tapfer jeden Tag getragen haben, wieder ausgezogen. Das Land, in dem sich mehr als vier Wochen alles um den Fußball zu drehen schien, wendet sich wieder seinen Sorgen und Nöten zu. Brasilien hat nach der sportlichen Katastrophe der eigenen Mannschaft sogar ein Problem mehr als vor dem Turnier. Die Hoffnung, dass ein WM-Triumph der "Seleção" den Alltagskummer lindern könnte, ist jedenfalls unerfüllt geblieben. Stattdessen ist ein fußballerisches Trauma hinzugekommen.

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Heft 29/2014
Nahaufnahme einer Nation

Im Oktober finden Wahlen statt, und viele Brasilianer haben sich im Stillen sogar gefreut, dass ihr Team nicht Weltmeister geworden ist. Die Chancen der ungeliebten Präsidentin Dilma Rousseff auf eine Wiederwahl haben sich dadurch nicht erhöht, der sportliche Erfolg kann auf diese Weise nichts überdecken. Darauf mag Rousseff spekuliert haben.

Was wird den Brasilianern von diesen vier Wochen also bleiben? Die Stadien. Kathedralen des Fußballs, aber auch Monumente für die Verschwendung, mit der der Weltfußballverband Fifa und die Regierung diese WM zum bisher teuersten Turnier der Geschichte gemacht haben. Den offiziellen Etat beziffert die Regierung auf 8,75 Milliarden Euro, Schätzungen zufolge sind es eher mehr als zehn Milliarden Euro.

Arenen wie Raumschiffe zwischen den Favelas

In Fortaleza oder in Recife stehen die Arenen wie Raumschiffe inmitten der Hüttenlandschaft der Favelas. Inwiefern sie künftig die enormen Kosten nur ansatzweise einspielen sollen, ist ungeklärt. In den Spielorten Natal, Manaus, Brasilia und Cuiaba gibt es keine Erstligaclubs, die die Arenen übernehmen und weiterführen könnten.

Auch der DFB hat immer viel von Nachhaltigkeit geredet, wenn von dem Engagement in Brasilien die Rede war. Für den deutschen Investor Christian Hirmer, der der Nationalmannschaft das Campo Bahia quasi passgenau errichtet hat, wird es vermutlich tatsächlich hilfreich sein, dass das Team als Weltmeister nach Deutschland heimkommt und Hirmer jetzt das Resort an der Atlantikküste als Basis des WM-Erfolgs an solvente europäische Urlauber vermarkten kann.

Der DFB hat den Indianern, die in der Region Porto Seguro leben, eine Geldspende hinterlassen, er hat der dortigen Schule einen Bolzplatz versprochen, und DFB-Pressesprecher Jens Grittner hat für den Verband "garantiert, dass wir unser Versprechen auch einhalten". Man sollte in einem Jahr mal nachschauen, was aus dem Bolzplatz geworden ist.

Spieler und Betreuer haben die Gastfreundschaft der Brasilianer bei jeder Gelegenheit gelobt, DFB-Manager Oliver Bierhoff strich heraus, man habe "das Vertrauen und die Nähe der Menschen" gespürt. Vom Land selbst hat die Mannschaft allerdings so gut wie nichts mitbekommen, nimmt man Flughäfen und Stadien aus. Nie zuvor hat sich ein Team so abgeschottet, komplett zurückgezogen in die Idealbedingungen des Campo. Dem sportlichen Erfolg kam das zugute.

Proteste haben sich im Turnier verflüchtigt

Für die Fifa hat sich das Projekt WM in Brasilien gelohnt, das ist keine Überraschung. Der Verband hat es unter dem Vorsitz von Joseph Blatter immer verstanden, am Ende als finanzieller Gewinner dazustehen, der Verkauf der TV-Rechte und das Geld der Top-Sponsoren gewährleisten dies ohnehin. Es wird erwartet, dass der Weltverband ein Plus in dreistelliger Millionenhöhe macht.

Die Proteste gegen die WM, gegen Korruption und Zwangsumsiedlungen, die vor dem Turnier ein großes Medienthema waren, haben sich im Lauf der WM verflüchtigt. Und wenn es sie gab, wurden sie von der Öffentlichkeit nur noch wenig wahrgenommen. Auch das konnte man erwarten. Der Fußball hat alles dominiert. Darauf spekuliert die Fifa, bisher hat sie damit immer Recht behalten. Joseph Blatter steht wieder einmal als Sieger dieser WM da.

In vier Jahren sieht sich die Fußballfamilie in Russland wieder. Präsident Wladimir Putin, extra zum Finale am Sonntag angereist, wird Garant dafür sein, dass es eine im Sinne der Fifa reibungslose Weltmeisterschaft wird. Er hat mit den Olympischen Spielen in Sotschi bewiesen, dass er das kann.

Der Sicherheitsapparat wird 2018 mutmaßlich noch größer sein als in Brasilien, wo man vor den Spielen durch einen Kordon aus Soldaten und Polizisten mit Maschinenpistolen zu gehen hatte. Das Turnier wird womöglich noch einmal teurer werden, so wie schon Sotschi einen Kosten-Rekord für Olympische Spiele aufgestellt hat. Die Spirale dreht sich weiter. Blatter und Putin werden dafür sorgen. Und dafür dass sie dann beide noch im Amt sind.

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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
WernerS 14.07.2014
1. Gelungenes Fest
Danke für das Fest. Brasilien hat erfolgreich eine Weltmeisterschaft ausgerichtet. Das ganze deutsche Genöle im Vorfeld ist widerlegt. Und auch dieser Artikel der den Kopf schüttelt bis er das Haar in der Suppe findet ist nur noch peinlich. Brasilien ist großartig. Ihr habt gewonnen!
arakiel 14.07.2014
2. Aha
Zitat von WernerSDanke für das Fest. Brasilien hat erfolgreich eine Weltmeisterschaft ausgerichtet. Das ganze deutsche Genöle im Vorfeld ist widerlegt. Und auch dieser Artikel der den Kopf schüttelt bis er das Haar in der Suppe findet ist nur noch peinlich. Brasilien ist großartig. Ihr habt gewonnen!
Und was außer hohlen Sprüchen wie diesen haben die Brasilianer denn gewonnen?
basiliusvonstreithofen 14.07.2014
3. Die Verlierer nach der WM.....
Zitat von sysopREUTERSVier Wochen Fußball-Party sind vorbei, für Brasilien beginnt der Alltag. Die Kosten der WM sind explodiert, die Zukunft der teuren Stadien ist ungeklärt. Großer Gewinner ist die Fifa - der Verband kann sich schon auf das nächste Turnier freuen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-brasilien-und-die-schattenseiten-der-weltmeisterschaft-a-980949.html
.....sind die normalen Bürger von folgenden Nationen: Brasilien und Deutschland. Die Brasilianer werden nun ihre Quittung bekommen für das "Fest" und die unnötigen Stadien, die keiner mehr braucht, in Form von noch mehr Armut und Deutschland, das nun die Wechsel auf die Euro-Rettungsschirme bezahlen wird. Man hat nur die WM abgewartet, damit man das Volk mit dem WM-Titel trösten kann für die anstehenden bitteren Opfer. Brasilien und Deutschland sollten eine Länderpartnerschaft gründen. Sie sind nun Leidensgenossen.
Botox 14.07.2014
4. Der letzte "Samba"
Die Erfahrungen aus Brasilien haben gezeigt, das eine Fifa Veranstaltung in der jetzigen Form in den meisten Demokratischen Länder kaum noch möglich ist. Die Sozialen Unterschiede sind einfach zu groß geworden. Ich glaube nicht daran, das sich in Zukunft ein Land aus Latein Amerika oder Europa oder sogar ein Afrikanisches Land noch mal für so eine Veranstaltung bewerben wird. Letzt endlich bleiben dann noch Staaten wie Russland oder Katar übrig, und in diesem Stiel wird es danach auch weitergehen. Ehrlich gesagt kann ich die Machtlosigkeit gegenüber der Fifa gar nicht verstehen. Es wäre doch ein leichtes, sich in Brüssel mal zusammen zu setzten und der Fifa mal die Rote Karte zu zeigen. Ohne Europa kann die Fifa auch keine Weltmeisterschaft Verkaufen.
grauwolf1949 14.07.2014
5. Großartig
Für mich war es sehr erfreulich neben ausgezeichnetem Sport auch zu sehen, dass selbst hochrangige Politiker(-innen) und Funktionäre Menschen mit Emotionen sind.
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