Deutschlands Triumph über Brasilien Nur der Titel zählt

Die deutschen Nationalspieler bleiben nach dem Halbfinal-Triumph gelassen. Denn gewonnen haben sie trotz des Sieges gegen Brasilien schließlich noch nichts. Der Fokus liegt auf dem Finale, für das Team zählt nur der WM-Titel.

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Aus Belo Horizonte berichten und


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Da zerlegt die deutsche Mannschaft den Gastgeber Brasilien auf unglaublich beeindruckende Weise 7:1. Es ist ein Länderspiel, das jetzt schon einen Platz in der Ruhmeshalle des DFB sicher hat. Ein Spiel für die Ewigkeit. Und Toni Kroos sagt dazu nur den lapidaren Satz: "Es ist noch niemand im Halbfinale Weltmeister geworden."

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Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

Selten hätte eine Nationalmannschaft so viel Grund, in Euphorie zu verfallen, einen Triumph auszukosten. Aber dieses Team bleibt selbst nach dem besten Länderspiel, das eine deutsche Elf seit Jahren absolviert hat, nüchtern, cool. Fast, als hätte es so etwas erwartet.

"Die Gefühle im Moment sind natürlich schön", sagte Bundestrainer Joachim Löw. "Schön", mehr nicht. Er lächelt dabei nur ein wenig, zwei Minuten später ist er schon beim möglichen Finalgegner. Brasilien ist abgehakt. Ein tolles Spiel, natürlich, aber "erst mal haben wir gewonnen, das ist das Wichtigste". Das Wie, die Rückkehr des Rauschfußballs, die Wiedergeburt der Begeisterung, wie man sie von der WM von vor vier Jahren kannte - das spielt für Löw keine so große Rolle. "Wir sollten jetzt vor allem ein bisschen Demut leben", sagte der Bundestrainer.

Jetzt der Turnierfavorit Nummer eins

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Und seine Mannschaft zieht mit. "Wir sind schon irgendwie glücklich, aber wir haben noch ein unheimlich schweres Spiel vor uns", sagte Kroos: "Wenn wir da keine Top-Leistung bringen, werden wir verlieren." Und Innenverteidiger Mats Hummels betont, "dass wir dieses Spiel schon sehr gut einschätzen können". Niemand glaube, "dass wir jetzt im Finale der haushohe Favorit sind".

Nach einem 7:1 in Brasilien gegen Brasilien fällt diese Vorstellung allerdings schwer. Deutschland ist der Favorit Nummer eins, egal wie der Gegner am kommenden Sonntag im Maracanã-Stadion heißt: Argentinien oder die Niederlande, sie werden wahrscheinlich nicht einmal böse über die Außenseiterrolle sein.

Man müsse "jetzt die Ruhe bewahren, nur nicht zu euphorisch werden", sagte der erneut überragende Torwart Manuel Neuer. Und die Stimmung in der Kabine - hat die Mannschaft es dort wenigstens krachen lassen? "Die Freude war nicht überschwänglich", sagte Löw. Bezeichnend, welche Faktoren er als Grund für den Sieg aufgezählt hat: Ruhe, Klarheit, Ausdauer. Die neuen deutschen Tugenden der Vernunft. Ohnehin, so Löw, habe er das Gefühl, dieses Team sei geerdet und bleibe immer am Boden.

Nur ein weiterer Schritt in Richtung Titel

Die Mannschaft, Trainer und Spieler, sind das, was man gerne "fokussiert" nennt. Mit dem einen Ziel, den Titel zu holen, die Besten der Welt zu sein, und diesem Ziel sind sie so nah wie noch nie. Darauf allein ist die Aufmerksamkeit ausgerichtet. "Ich hab von Anfang an gesagt, ich bin nur hier, um Weltmeister zu werden", sagte Kroos.

Die Mannschaft fühlte sich schon vor vier Jahren reif für den großen Wurf, vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft erst recht. Einige im Team, wie Philipp Lahm, Per Mertesacker und Bastian Schweinsteiger, haben schon 2006 und 2008 vom Titel geträumt. Jedes Mal kam bislang was dazwischen, Italiener oder Spanier. So etwas soll ihnen nicht noch einmal passieren.

Und so analysierte Löw schon bei der Pressekonferenz nach dem historischen Sieg "die starke Defensive der Argentinier" und widmete sich "den überragenden holländischen Individualisten Robben, van Persie und Sneijder". Der Blick ist nach vorn gerichtet, das ist der Tunnelblick. Später können sich die Nationalspieler dann immer noch die Geschichte erzählen, wie schön es war, als sie in Belo Horizonte den Rekordweltmeister gedemütigt haben. Nach dem Sonntag ist Zeit genug für Heldengeschichten. Vorher nicht.

"Mir ist es komplett egal, ob wir heute Geschichte geschrieben haben", sagt Jérôme Boateng: "Ich will am Sonntag Geschichte schreiben." Das ist das Manifest dieser Nationalmannschaft 2014.

Brasilien - Deutschland 1:7 (0:5)
0:1 Müller (11.)
0:2 Klose (23.)
0:3 Kroos (25.)
0:4 Kroos (26.)
0:5 Khedira (29.)
0:6 Schürrle (69.)
0:7 Schürrle (79.)
1:7 Oscar (90.)
Brasilien: Júlio César - Maicon, David Luiz, Dante, Marcelo - Luiz Gustavo, Fernandinho (ab 46. Paulinho) - Bernard, Oscar, Hulk (ab 46. Ramires) - Fred (ab 69. Willian)
Deutschland: Neuer - Lahm, Boateng, Hummels (ab 46. Mertesacker), Höwedes - Schweinsteiger, Khedira (ab 76. Draxler) - Müller, Kroos, Özil - Klose (ab 58. Schürrle)
Schiedsrichter: Rodriguez (Mexiko)
Zuschauer (in Belo Horizonte): 58.141
Gelbe Karten: Dante / -
Ballbesitz in Prozent: 47 / 53
Schüsse: 18 / 14
Torschüsse: 8 / 10
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 47 / 53

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Zum Autor
Peter Ahrens ist Redakteur im Sportressort von SPIEGEL ONLINE.

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Jeannette Corbeau
Rafael Buschmann ist Redakteur im Sportressort des SPIEGEL.

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Seite 1
PeterLublewski 09.07.2014
1. Weltmeister 2014 II
An einem Tag, an dem es fußballerisch ja nicht mehr ganz so viel zu nörgeln gibt, freue ich mich hier ganz besonders auf Beiträge der Marke "Hach, wie leicht sich der Pöbel durch Fußball von wirklich Wichtigem ablenken lässt". Also, liebe Sauertöpfe, an die Tastatur :-)
appenzella 09.07.2014
2.
Ein guter, nein, ein exzellenter Schiedsrichter, der sämtliche Flugbahnen der Gastgeber zu kennen schien. Chapeau!
faraway 09.07.2014
3. Einigkeit und Recht ...
Das Selbstbewußtsein auf SPON (und in diesem Land) ist wirklich irre: Nachts fabuliert man halbtrunken vom Finalsieg, tags drauf macht man erst den DFB-Präsidenten wegen seiner kleinen fröhlichen Freude unmittelbar nach dem Spiel nieder und wundert sich dann im nächsten Artikel scheinheilig über die Gelassenheit, mit der Trainer und Spieler das Brasilien-Spiel sehen. "Die Deutschen" und die deutsche Journaille sind im Gegensatz zu ihrem Selbstverständnis völlig irrational.
medermark 09.07.2014
4. Bessere Mentalitäten als zuvor
Die deutsche Nationalmannschaft des Jahres 2014 legt bei dieser Weltmeisterschaft bessere Mentalitäten an den Tag als bei früheren Turnieren. Wenn man früher im Viertelfinale oder Halbfinale hohe Siege einfuhr, stotterte der Motor im nächsten Spiel und man verlor. Heutzutage weiß man offensichtlich, das das nächste Spiel nach einen hohen Sieg schwierig wird und stellt sich mentalitätsmäßig besser darauf ein. Dies könnte diesmal den Unterschied ausmachen, der uns den Titel bringt. Hoffen wir`s.
flitzpane 09.07.2014
5. Hallo? Haaallooooo?
Wo sind denn die ganzen Forsten, die genau wussten, warum wir nach der Vorrunde eh nachhause fahren? Diese Mannschaft wird sich belohnen – es ist högschde Zeit! http://wp.me/p14g2B-tV
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