Deutschland im Achtelfinale Müller macht sie alle nass

Deutschland schlägt Klinsmanns US-Team 1:0, kommt als Gruppensieger weiter. Das Team zeigt eine Souveränität, die weit führen kann. Dank Philipp Lahm - und Thomas Müller. Alles Wichtige zum Spiel.

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Die Ausgangslage: USA gegen Deutschland, Klinsmann gegen Löw und Podolski und Klose und Mertesacker, Sommermärchenvater gegen seine Kinder - kein Dramaturg hätte sich dieses Gruppenfinale schöner ausdenken können. Die harten Fakten abseits der Geschichte: Beide Mannschaften konnten sich mit einem Sieg als Gruppenerster für das Achtelfinale qualifizieren. Weil auch ein Unentschieden dem DFB- und dem US-Team gereicht hätte, machte vor dem Spiel die Angst vor einem sogenannten "zweiten Gijón" die Runde.

"Gijón", was ist das? Gijón ist ein Begriff, unter dem eines der schlimmeren Kapitel deutscher Länderspielgeschichte zusammengefasst wird. 1:0 trennten sich in der Vorrunde der WM 1982 in Spanien Deutschland und Österreich - es war genau das Ergebnis, mit dem beide Mannschaften weiterkamen. Und wegen dem Algerien ausschied.

Ergebnis des Spiels: 1:0 (0:0) gewinnt Deutschland gegen die USA in Recife. Wie damals in Gijón (s.o.)

Deutschland-Österreich 1:0 - Sie nannten es "Gijón"
DPA

Deutschland-Österreich 1:0 - Sie nannten es "Gijón"

Zahlenduell: Deutschland beim Durchschnittsalter klar vorn, Löws Startelf mit 26,7 Jahren deutlich jünger als der Gegner (30,0). Auch der historische Direktvergleich fällt zugunsten des DFB aus: In neun Spielen gab es sechs Siege für die deutsche Mannschaft, drei für die USA. Bei WM-Duellen ist die Bilanz des dreimaligen Weltmeisters sogar makellos (zwei Siege in zwei Spielen). Wir halten fest: Noch NIE gab es ein Unentschieden, wenn die beiden Länder sich gegenüberstanden.

Klischee des Spiels: In Recife regnete es vor dem Spiel so stark, dass nicht nur Straßen der Stadt überschwemmt wurden, sondern auch der pünktliche Anpfiff der Partie kurzzeitig fraglich war. Fritz-Walter-Wetter nennt man sowas hierzulande eigentlich, aber in Anbetracht der sintflutartigen Regenfälle in dem Spielort wäre wohl selbst der legendäre 54er-Weltmeister und Regenfetischist Walter zu Hause geblieben. Und Thomas Müller? Macht sie alle nass.

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Deutschland vs. USA: Einmal Müller reicht für Klinsmann
Die Aufstellungen

USA: Howard - Johnson, Gonzalez, Besler, Beasley - Beckerman, Jones - Zusi, Bradley, Davis - Dempsey

Deutschland: Neuer - Boateng, Mertesacker, Hummels, Höwedes - Lahm, Schweinsteiger - Özil, Kroos, Podolski - Müller

Deutschland-USA 1:0 - Müller schießt, Tim Howard fliegt
REUTERS

Deutschland-USA 1:0 - Müller schießt, Tim Howard fliegt

Die erste Halbzeit: Läuft sehr gut an für die deutsche Mannschaft. Hoher Ballbesitzanteil, schnelles Umschaltspiel und viele Chancen gleich von Beginn an sind Ausdruck der Überlegenheit. Häufigstes Muster dabei: Flanken von Außenverteidiger Boateng in die Mitte, wo Thomas Müller wartet - und verpasst. Lediglich die Art der Chancen-Nichtverwertung ändert sich. Auszüge:

  • 2. Minute: Müller Scherenschlag, drüber.
  • 5. Minute: Müller rutscht vorbei.
  • 14. Minute: Müller springt vorbei.

Die größte Chance der ersten Halbzeit hat jedoch ein deutscher Abwehrspieler, doch Per Mertesacker und Benedikt Höwedes behindern sich im Strafraum so sehr, dass Mertesacker nicht zum Abschluss kommt.

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Deutschland in der Einzelkritik: Feldspieler Neuer, Pendel Lahm
Umstellung des Spiels: Gelingt Joachim Löw. In der ersten Hälfte trägt der Bundestrainer noch ein dunkles, dünnes Hemd, das durch den Regen immer dunkler wird. Ist so nass, dass er sich zur Pause mit Frotteehandtuch (in schwarz-rot-gold) trockenrubbeln muss. Steigt in der zweiten Halbzeit auf ein kurzärmeliges Polohemd um. Klinsmann bleibt in der Regenjacke.

Slapstick des Spiels: Jermaine Jones rennt Menschen um. Der US-Mittelfeldspieler liefert gar keine schlechte Partie ab, was aber leider durch zwei haarsträubende Szenen konterkariert wird. In der 28. Minute liegt Jones in der Nähe des deutschen Strafraums und hält sich das Gesicht. Foul? Nein! Der Mann, der den Frankfurter Problembezirk Bonames international bekannt machte, hatte Schiedsrichter Ravshan Irmatow übersehen und war mit diesem zusammengeprallt. Nach 74 Minuten zog Alejandro Bedoya mit dem Ball in Strafraumnähe quer, doch weil sich auch Jermaine Jones zu derselben Zeit dort aufhielt, endete dieses Manöver, natürlich, ebenfalls auf dem Boden.

Jermaine Jones am Boden - mal wieder
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Jermaine Jones am Boden - mal wieder

Die zweite Halbzeit: Beginnt, wie die erste begonnen hat - mit einer druckvollen Phase der deutschen Mannschaft. Sie beginnt sogar mit denselben Protagonisten. Erst tritt Boateng eine seiner insgesamt gefühlt 120 Flanken in die Mitte (diesmal verpasst Özil), dann kommt Thomas Müller zum Zug. Doch diesmal trifft der beste DFB-Torjäger dieser WM, als er einen Abpraller von der Strafraumgrenze trocken zum 1:0 ins rechte Eck verwandelt. Gut möglich, dass Müller, der zusammen mit seinen fünf WM-Treffern von 2010 nun schon bei neun Toren steht, am Ende dieser Weltmeisterschaft Rekordtorjäger der WM-Geschichte ist. Und dort womöglich Miroslav Klose ablöst. Der Rest der Halbzeit bestätigte den Eindruck des Spiels: Deutschland war um einen Treffer besser als die USA.

Gijón-Check: Ballgeschiebe? Absprachen? Die Furcht vor einem "zweiten Gijón" (s.o.) erwies sich als unbegründet - jedenfalls dem Ergebnis nach. Natürlich wirkte die deutsche Mannschaft ab der 60. Minute nicht mehr so, als würde sie mit Macht auf das zweite Tor drängen. Aber sie investierte über 90 Minuten genug, um den Gegner vom Tor fernzuhalten und keine Chancen zuzulassen.

Störenfried des Spiels: Der Flitzer. Klatschte mit Müller und Lahm ab, trug ein Bayern-Handtuch.

Müller, Flitzer: Abklatschen mit Bayern-Handtuch
AFP

Müller, Flitzer: Abklatschen mit Bayern-Handtuch

Tschaka-Moment des Spiels: Den hatte Philipp Lahm. Was war der deutsche Kapitän nicht gescholten worden für seine vermeintlich fragwürdigen Leistungen gegen Portugal (schlimm!) und Ghana (ganz schlimm!). Und dann das: In der letzten Spielminute gegen die USA macht sich Alejandro Bedoya auf den Weg zum 1:1, frei vor Neuer steht der Angreifer im Strafraum, doch aus dem Hintergrund fliegt wer heran und verhindert den Ausgleich? Philipp Lahm. Eine Aktion, die symbolisch steht für seinen gesamten Auftritt in diesem entscheidenden Spiel.

Und nun? Wartet Algerien im Achtelfinale. Algerien, ausgerechnet. Es ist ein Spiel mit viel Geschichte, eines, das sich kein Dramaturg schöner ausdenken könnte, 32 Jahre nach Gijón (s.o.). Es scheint fast so, als wäre diese deutsche Mannschaft auch darauf vorbereitet.

USA - Deutschland 0:1 (0:0)
0:1 Müller (55.)
USA: Howard - Johnson, Gonzalez, Besler, Beasley - Beckerman, Jones - Zusi (84. Yedlin), Bradley, Davis (59. Bedoya) - Dempsey
Deutschland: Neuer - Boateng, Mertesacker, Hummels, Höwedes - Lahm, Schweinsteiger (76. Götze) - Özil (89. Schürrle), Kroos, Podolski (46. Klose) - Müller
Schiedsrichter: Ravshan Irmatow (Usbekistan)
Zuschauer (in Recife): 42.000
Gelbe Karten: González, Beckerman - Höwedes
Ballbesitz (in Prozent): 32 / 68
Schüsse: 4 / 13
Zweikämpfe: 46 / 54

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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
Orthoklas 26.06.2014
1. Müller!!
Keine Frage, Müller hat die Chance, zu DEM Spieler der WM zu werden!!! Auf geht's!!
Freidenker10 26.06.2014
2. optional
Das Müller Tor war klasse, aber das Spiel war ziemlich öde! Hatte gehofft, dass die Amis Vollgas geben und unseren Strategen einen Schlagabtausch aufzwingen... EIn bisschen mehr Action hätte dem Spiel gut getan! Das ganze hatte ein wenig was von dem Ergebnisfußball der WM 2002...
KerKaraje 26.06.2014
3. Das Dorf braucht die Kirche
Zitat von sysopDPADeutschland schlägt Klinsmanns US-Team 1:0, kommt als Gruppensieger weiter. Das Team zeigt eine Souveränität, die weit führen kann. Dank Philipp Lahm - und Thomas Müller. Alles Wichtige zum Spiel. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-deutschland-dank-thomas-mueller-im-achtelfinale-a-977757.html
Man soll die Kirche im Dorf lassen. Das war ein am Ende sogar Bisschen glücklicher unspektakulärer Sieg gegen eine US-Mannschaft, die kaum offensive Spielqualität und Überraschungsmomente besitzt und zudem noch nicht mal unbedingt siegesmotiviert wirkte. Wenn man wohlwollend ist kann man sagen, das deutsche Team wollte sich schonen. Man kann aber auch sagen, dass ein Klose Ronaldos Rekord brechen will, dass ein Müller die Torjägerkanone gewinnen will, dass ein Schweinsteiger und ein Schürrle eine Chance haben könnten, sich in einem relativ druckärmeren Spiel zu etablieren. Das deutsche Team wird überbewertet, hauptsächlich wegen des zu hoch ausgefallenen Siegs gegen das zahnlose und taktisch miserabel aufgestellte Team Portugals. Dass Portugal auch ansonsten sehr schwach war zeigen das Untentschieden gegen die USA und der nur durch ein Eigentor zustande gekommene Sieg gegen Ghana. Hingegen hätte die Löw-Elf mit Bisschen Pech gegen Ghana auch verlieren können. Das grösste Glück Löws besteht darin, dass frühestens im Halbfinale ein wirklich schwerer Gegner kommen wird, während Gastgeber Brasilien oder Mitfavorit Holland schon im Achtelfinale äusserst unangenehme Gegner haben werden.
mitverlaub 26.06.2014
4. Für mich war
dies das langweiligste Spiel der bisherigen Weltmeisterschaftsspiele. Ich hatte den Eindruck, als hätten sich Löw und Klinsmann abgesprochen. Es gab keinen einzigen Moment, wo man Herzklopfen bekam.
navidus 26.06.2014
5. Schiebung light???
Bin ich der Einzige, der das Gefühl hat, dass die Deutschen das zweite Tor in voller Absicht nicht geschossen haben? Sooooo umfähig sind die im Abschluss doch auch wieder nicht. Ein 1:0 sieht nicht nach Schiebung aus, um den Skandal zu vermeiden, aber wäre Ghana in Führung gegangen, hätte man den USA immer noch schnell ein Tor schenken können.
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