Khedira und Lahm im defensiven Mittelfeld Deutschlands Problemzone

Sami Khedira? Weit entfernt von seiner Normalform. Philipp Lahm? Leistete sich ungewohnte Fehler. Deutschlands Mittelfeld war gegen Ghana die Problemzone. Bastian Schweinsteiger könnte helfen. Wie geht es weiter im DFB-Zentrum?

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Aus Fortaleza berichten und


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Sami Khedira sprintete durchs Mittelfeld, und der Ball sprang ihm bei jedem Schritt ein Stück weiter weg. Der folgende Pass wurde von einem Gegenspieler geblockt, der Abpraller landete wieder bei Khedira. Ein zweiter Versuch misslang ebenso. Als der 27-Jährige nun den Sicherheitspass zu Toni Kroos spielen wollte, landete der Ball schließlich beim Gegner.

Drei Fehlpässe hintereinander, in weniger als einer Minute. Fabriziert von einem frisch gekürten Champions-League-Sieger. Die Szene war bezeichnend für die Verfassung, in der sich Khedira beim 2:2 gegen Ghana befand. Er war in bester Gesellschaft: Auch Philipp Lahm und Toni Kroos wirkten unsicher. Das Mittelfeld, es war die Problemzone des DFB-Teams.

Khedira gewann 30 Prozent seiner Zweikämpfe - eine indiskutable Quote. Mittelfeldkollege Kroos kam auf 53 Prozent. Viel zu wenig für Spieler, deren Aufgabe es ist, das Zentrum einer Mannschaft zu verteidigen. Im Spielaufbau unterliefen selbst Lahm einige Fehlpässe, mit denen er sein Team in höchste Not brachte. "Philipp hatte diesmal zwei, drei Fehler, die wir von ihm nicht gewohnt sind", analysierte Bundestrainer Joachim Löw.

Einer davon passierte unmittelbar vor dem 1:2. "Der Boden war diesmal hart und stumpf. Gerade technisch versierte Spieler hatten damit Probleme", sagte Löw. Der Bundestrainer meinte damit auch, dass Lahm auf diesem Rasen nur selten seine schnellen Drehungen um die eigene Achse ausführen konnte. Der Ball hüpfte stark, der Münchner verlor die Kontrolle. "Ich konnte heute einige meiner Stärken nicht komplett ausspielen", sagte Lahm.

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Die DFB-Elf in der Einzelkritik: Lahm leichtsinnig, Mustafi konfus
Der 30-Jährige, der erst in der vergangenen Saison bei Bayern München unter Josep Guardiola ins defensive Mittelfeldzentrum gerückt war, zeigte diesmal eine für seine Verhältnisse unterdurchschnittliche Leistung. Löw versuchte, eine aufkommende Debatte um seinen Kapitän im Keim zu ersticken: "Fehler passieren", war seine lapidare Antwort. Der Verweis, dass Lahm beinahe alle seine defensiven Zweikämpfe gewann und mit seinem Laufengagement viele Angriffe der Ghanaer früh entschärfte, spricht für ihn.

Schweinsteiger ordnete das deutsche Spiel

Die Debatte, ob Lahm nicht nur als Außenverteidiger, sondern auch im Mittelfeld Weltklasse verkörpert, wird nun wohl trotzdem wieder geführt werden. Auch, weil Lahm in den großen Partien im Zentrum nicht immer brillierte.

Nun bedrängt ihn zudem ein neuer, alter Herausforderer. Bastian Schweinsteiger, mit dem Lahm beim FC Bayern seit sehr vielen Jahren zusammenspielt, wurde gegen Ghana in der 68. Minute für Khedira eingewechselt. Und Schweinsteiger tat das, was weder Lahm noch Khedira oder Kroos zuvor geschafft hatten: Er ordnete das Spiel. Der Münchner riss im Stadion von Fortaleza die Regie sofort an sich. Insbesondere seine weiten Spielverlagerungen verschafften dem deutschen Team Verschnaufpausen. Zudem verlieh er dem deutschen Mittelfeld Robustheit.

"Sami Khedira ist bei diesen Temperaturen an sein absolutes Leistungslimit gegangen. Er musste viele Lücken stopfen, hatte ein unwahrscheinlich hohes Laufpensum", begründete Löw den Wechsel. Khedira wirkte noch eine Stunde nach dem Spiel völlig ausgelaugt.

Schweinsteiger drängt nun in die deutsche Startelf für das letzte Gruppenspiel gegen die USA am Donnerstag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Wer würde dann weichen müssen? Lahm oder Khedira?

Wählt Löw eine harmonische Lösung, wird er Lahm zurück auf die Außenverteidigerposition loben. Dort gibt es seit dem Ghana-Spiel und der Verletzung von Jérôme Boateng möglicherweise auch Lösungsbedarf. Lahm würde für Stabilität sorgen. Khedira und Schweinsteiger, die bereits bei der WM 2010 gemeinsam auf der Doppelsechs agierten, würden wieder ein Duo bilden. Fraglich bleibt, ob die beiden Rekonvaleszenten gemeinsam das Tempo und die Temperaturen in Brasilien aushalten würden.

Wahrscheinlicher ist, dass Löw zunächst an seiner Marschroute wenig ändern wird. Er hat sich nach langen Wochen des Grübelns für Lahm als defensiven Mittelfeldspieler entschieden, das wird er wohl nicht nach einem schwächeren Spiel verwerfen.

Deutschland - Ghana 2:2 (0:0)
1:0 Götze (51.)
1:1 André Ayew (54.)
1:2 Gyan (63.)
2:2 Klose (71.)
Deutschland: Neuer - Boateng (46. Mustafi), Hummels, Mertesacker, Höwedes - Lahm, Khedira (69. Schweinsteiger) - Özil, Kroos, Götze (69. Klose) - Müller
Ghana: Dauda - Afful, Mensah, Boye, Asamoah - Rabiu (78. Badu), Muntari - Atsu (72. Wakasu), Boateng (53. Jordan Ayew), André Ayew - Gyan
Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien)
Zuschauer (in Fortaleza): 60.000
Gelbe Karten: / - Muntari (2)
Ballbesitz (in Prozent): 62 / 38
Schüsse: 12 / 19
Zweikämpfe (in Prozent): 53 / 47

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insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
fiutare 22.06.2014
1. Weltmeister!
So ist das eben, wenn man sich nach einem Spiel als Weltmeister feiern lässt. Mein Tipp: nach der Gruppenphase fährt diese Gurkentruppe nach Hause. Dann dürfen sie wahre Titelaspiranten, wie Frankreich, im TV ankucken.
Rosa3000 22.06.2014
2. Sind beide nicht zu gebrauchen
Für echte Alternativen ist es leider zu spät. JL bekam die Quittung dafür, von seinen eigenen Regeln im Vorfeld abzuweichen (Alle Positionen doppelt - also ein 2. Mittelstürmer; Leistungsprinzip) .Vielleicht sind Gündogan, Bender, Reus, Gomez auch einfach der Ausfälle zu viel. Lahm muss weg von der 6. Khedira eigentlich auch. Vllt muss D auch auf die 5er Kette hinten umsteigen und auf eine einfache Sechs. Klose ist super, aber er wird halt kaum durchspielen können.
doc 123 22.06.2014
3.
Zitat von sysopAFPSami Khedira? Weit entfernt von seiner Normalform. Philipp Lahm? Leistete sich ungewohnte Fehler. Deutschlands Mittelfeld war gegen Ghana die Problemzone. Bastian Schweinsteiger könnte helfen. Wie geht es weiter im DFB-Zentrum? http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-deutschlands-mittelfeldproblem-lahm-khedira-kroos-a-976686.html
Bereits zigfach geschrieben. Der kleine und unrobuste Lahm im defensiven Mittelfeld ist allenfalls ein besserer Witz und ebenso dieser kleine Mann als Kapitän, der in wirklich allen entscheidenden Situationen bisher vollständig sicher abgetaucht ist. Na ja, Trainer-Ignorant Löw und die Masse der Foristen, wissen eben alles besser. Ein köstlicher Witz... :-). Und jetzt als Ersatz etwa das unfitten Duo mit Khedira und dem langsamen und dauerverletzten Schweinsteiger, den Guardiola wenigstens im Pokalfinale dann endlich auf die Bank gesetzt hat und damit das Spiel um ca. 100 % beschleunigt. Der vollendste Höhepunkt dieses Possenspiel um diesen Trainer-Ignoranten :-).
irobot 22.06.2014
4.
Zitat von fiutareSo ist das eben, wenn man sich nach einem Spiel als Weltmeister feiern lässt. Mein Tipp: nach der Gruppenphase fährt diese Gurkentruppe nach Hause. Dann dürfen sie wahre Titelaspiranten, wie Frankreich, im TV ankucken.
Ach, ich kann es nicht mehr hören. Wissen Sie, wie oft Deutschland in der 1. Runde ausgeschieden ist? Einmal! Und das dank Adolf. Und auch diesmal wird das nicht passieren. Ich tippe auf Halbfinale und dann sehen wir weiter.
frankori 22.06.2014
5. Ghanas Stärke!
Deutsche Problemzone oder eben Ghanas Stärke - im Vergleich zum ersten Spiel waren die Deutschen da gar nicht so schwach! Ghana hat einfach viel mehr körperlichen Druck gemacht, das kennen die Deutschen so kaum - außer vielleicht Merte und Özil aus England. Schweini hat die letzten Male, wo er von Anfang an gespielt hat, auch nicht mehr geleistet - jetzt wird er wieder gehypt... Kleiner Tipp: http://interculturecapital.de/wm-2014-emotionen-kultur-vergleich-niederlage-nationalstolz
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