Historische WM-Quartiere des DFB "Wer saufen kann, kann auch laufen"

Die WM-Quartiere der DFB-Teams sind legendär. Vor dem Titelgewinn 1990 bereitete sich das Team im Hotel von Franz Moser vor. Der Wirt erinnert sich an Polizisten, die Trikots klauen, und an trinkfeste Nationalspieler.

Hotel Seeleiten

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"Bei einer Weltmeisterschaft ist ein gutes Quartier schon die halbe Miete": Das sagte Sepp Herberger einmal zu seinem Assistenten Helmut Schön. Der damalige Bundestrainer führte die Nationalmannschaft 1954 zu ihrem ersten WM-Titel, das "Wunder von Bern" ging ebenso in die Geschichte ein wie der "Geist von Spiez". Im Strandhotel "Belvédère" am Thunersee wuchs das Team zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen und besiegte im Finale die favorisierten Ungarn.

Ebenso wichtig wie das WM-Quartier ist die Unterkunft im Trainingslager. Das absolvierte die DFB-Auswahl in diesem Jahr in St. Leonhard im Südtiroler Passeiertal - womöglich auch aus Aberglauben. Es war bereits das dritte Mal, dass die Nationalmannschaft vor einer WM dort, im Norden Italiens, gastierte. Bislang brachte Südtirol Glück: 1990 holte Deutschland den Pokal, 2010 erreichte das Team den dritten Platz.

Gut 50 Kilometer südlich von St. Leonhard, in Kaltern, hatte sich die Nationalelf 1990 eine Woche auf die WM in Italien vorbereitet. Bei Franz Moser, im Hotel "Seeleiten". Dort gab es zwar keinen "Geist von Spiez", aber es herrschte eine besondere Atmosphäre - vor allem, weil sich das DFB-Team nicht so abschottete wie in St. Leonhard. "Es war eine schöne und erfolgreiche Zeit. Ganz Kaltern war in Aufruhr, es waren Tausende von Leuten da, die sich interessiert haben - Touristen und Einheimische", erinnert sich Moser im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Sogar die Italiener waren Fans der deutschen Nationalmannschaft, weil einige Spieler ja auch in Italien gespielt haben." Trainer Franz Beckenbauer schwärmte später: "Kaltern und die ganze Region haben uns Kraft gegeben, später Weltmeister zu werden."

Alkohol spielte schon immer eine Rolle

Moser erzählt, schon bei der Ankunft des Teams habe er gespürt, dass die Spieler gekommen waren, um Weltmeister zu werden: "Und eigentlich keiner in der Mannschaft hat daran gezweifelt." Ganz im Gegensatz zum vorherigen Turnier in Mexiko. Klaus Augenthaler sagte dem Magazin "11 Freunde": "Die Mannschaft in Mexiko bestand aus zerstrittenen Lagern, aus Kölnern, Münchnern und Stuttgartern. Da gab es viele Scharmützel." In Italien dagegen sei die Harmonie groß gewesen.

Das war bei den Weltmeistern von 1954 zumindest nicht von Beginn an so. Ehe das Wunder begann, rumorte es im Lager der Deutschen. Helmut Rahn, der Torschütze zum 3:2-Siegtreffer im Finale, verriet später, der "Geist von Spiez" habe sich erst spät entwickelt. Zu Beginn des Turniers war Rahn nur Ersatzmann: "Wir Unzufriedenen meckerten und stänkerten." Als der Frust am größten war, versackte der "Boss" in einer Kneipe am Thuner See. Morgens schlich er sich wieder ins Hotel - und soll noch beim Training eine enorme Alkoholfahne gehabt haben.

Auch bei der Heim-WM 1974 ließen es einige Spieler krachen. Die dröge Atmosphäre in der Sportschule Malente in Schleswig-Holstein lud zum Trinkgelage ein. Nach dem blamablen 0:1 gegen die DDR türmten Uli Hoeneß und Sepp Maier mit dem Auto nach Hamburg, zu den Gattinnen. Maier soll bei der Fahrt nicht nüchtern gewesen sein, am nächsten Morgen hatte er Blasen an den Händen. Der Grund: Die Bremse funktionierte nicht, der Torhüter musste die ganze Fahrt über die Handbremse einsetzen. Trotz dieser Eskapaden galten die 74er-Weltmeister als verschworene Gemeinschaft, ihr Zusammenhalt ging in die Geschichte ein - als "Geist von Malente".

Sepp Maier sorgt für gute Stimmung

Auch in diesem Jahr dürfte neben Form und Fitness die Harmonie eine Rolle dabei spielen, ob es mit dem Titel klappt. Vermeintliche Kleinigkeiten können große Auswirkungen haben. "In unserem Haus sind Trikots, Schuhe und Socken der Spieler verschwunden", erzählt Hotelier Moser über das Trainingslager 1990. Beckenbauer habe ihn daraufhin angewiesen nachzuforschen, wer dahinter steckte. "Irgendwann haben wir gesehen, dass ein paar der hundert Polizisten, die uns bewachten, so fußballverrückt waren, dass sie sich ein paar Trikots genommen haben. Beckenbauer hat das heruntergespielt, neue Trikots holen lassen und angewiesen, dass man niemandem sagen soll, dass die Polizei uns bestiehlt - sonst würde man sein Team auspfeifen."

Es sollte sich auszahlen. Beim Finale in Rom war der Großteil der Italiener für die Deutschen - auch weil Gegner Argentinien die "Squadra Azzurra" im Halbfinale rausgeworfen hatte.

Und auch in Italien floss der Alkohol, nicht nur nach dem WM-Finale. "Die haben damals ja auch nicht nur Wasser getrunken. Sie haben auch ganz gut feiern können", sagt Moser: "Ein Spruch im Haus war: 'Wer laufen kann, kann auch saufen' - und umgekehrt. Sie sind zwar viel gelaufen, aber haben auch mal ganz schön einen runtergekippt." Dann schiebt er noch schnell hinterher: "Aber im Rahmen des Angenehmen."

Einmal borgte sich Sepp Maier, der Torwarttrainer, einen Hasen beim Nachbarn aus und versteckte ihn im Koffer von Physiotherapeut Adolf Katzenmeier. Beim Training ließ sich Andreas Brehme dann fallen und simulierte eine Verletzung. Katzenmeier lief heran, öffnete den Koffer und der Hase sprang heraus. Der Physiotherapeut, seit 1963 im Team, wollte vor Ärger schon abfahren. Die Spieler lachten sich schlapp.

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
rolf sternberger 03.06.2014
1.
Zitat von sysopHotel SeeleitenDie WM-Quartiere der DFB-Teams sind legendär. Vor dem Titelgewinn 1990 bereitete sich das Team im Hotel von Franz Moser vor. Der Wirt erinnert sich an Polizisten, die Trikots klauen, und an trinkfeste Nationalspieler. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-historische-quartiere-des-dfb-malente-spiez-kaltern-a-972560.html
Da jetzt wohl endgültig die Permanentberichterstattung zur WM begonnen hat: Mein Vorschlag: Wenn schon über WM-Quartiere, dann doch über das diesjährige. Da wäre: Ausnahmslos alle anderen Teams begnügen sich mit Hotels - nur die Deutschen brauchen ein völlig neu gebautes Quartier. Dass dieses dann in einem Naturschutzgebiet gebaut wird entspricht wohl dem deutschen grünen Geist...
spon-facebook-10000325788 03.06.2014
2.
Das derzeitige WM-Quartier ist mitten in den Dschungel gepflanzt worden - widerlich dieser DFB
sirius08/15 03.06.2014
3. Damals und heute
Zitat von sysopHotel SeeleitenDie WM-Quartiere der DFB-Teams sind legendär. Vor dem Titelgewinn 1990 bereitete sich das Team im Hotel von Franz Moser vor. Der Wirt erinnert sich an Polizisten, die Trikots klauen, und an trinkfeste Nationalspieler. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-historische-quartiere-des-dfb-malente-spiez-kaltern-a-972560.html
Das waren auch noch individuelle Typen. Heute marschieren sie alle im Gleichschritt. Sich mal einen hinter die Binsen gießen ist bei Jogi doch gar nicht möglich. Denn fliegt derjenige sofort. Leider ist dies auch im Arbeitsleben inzwischen so. Wenn man in den 80ern mal mit ner Fahne ne halbe Stunde zu spät zur Arbeit kam klopfte der Chef einen auf die Schulter und meinte mach dier mal nen ruhigen Tag. Heutzutage wird man nach Hause geschickt und hat am nächsten Tag ne Abmahnung in der Hand. Alles sehr Traurig geworden.
Charlie Brown II 03.06.2014
4. ...
Zitat von rolf sternbergerDa jetzt wohl endgültig die Permanentberichterstattung zur WM begonnen hat: Mein Vorschlag: Wenn schon über WM-Quartiere, dann doch über das diesjährige. Da wäre: Ausnahmslos alle anderen Teams begnügen sich mit Hotels - nur die Deutschen brauchen ein völlig neu gebautes Quartier. Dass dieses dann in einem Naturschutzgebiet gebaut wird entspricht wohl dem deutschen grünen Geist...
*lach, gut gebrüllt. Aber das müssen Sie verstehen. Der Löw muss unbedingt Weltmeister werden, denn bekanntlich hängen die Namen der Zweitplazierten auf den Damenklos. Sonst isser nämlich Arbeitslos. Und das ohne Führerschein... *rofl
leser75 03.06.2014
5. Den Spruch gab's früher
etwas abgewandelt auch im Management: wer abends als Letzter ins Bett geht, ist morgens als Erster dran als Referent o.ä.
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