WM-Tagebuch Unser Weg nach Rio


Salvador - mit einem Erdbeben anfangen

Wenn man sich einem Stadion das erste Mal nähert, ist das eine große Sache. In Mailand zum Beispiel habe ich sofort Angst bekommen, der viereckige, dunkle Koloss San Siro wirkt auf Gäste-Fans von außen wie die irdische Dependance von Außerirdischen, das Bernabéu-Stadion in Madrid erscheint wie ein Palast, Camp Nou in Barcelona macht erst von innen Eindruck. Die Arena Fonte Nova, in der Deutschland gegen Portugal spielt, fasst 52.000 Zuschauer und ist so neu, dass sie noch nach Beton riecht und Wege ums Stadion noch aus Sand sind.

Anfahrt drei Stunden vom Strand, könnte schneller gehen, viel Polizei, Militär etc., Comic-Uniformen, Stadionkontrolle ein Witz, meine Schwarzmarktkarte nicht mal angeschaut, Name egal, Personalisierung klappt wieder nicht. Auch 2006 in Deutschland hatte die Fifa einen irren Aufwand betrieben, jeder Kartenbesteller musste persönliche Daten und Ausweisinformationen offenlegen, um den Weiterverkauf in den Griff zu bekommen. Ich heiße heute Yaniv Yosifor, habe die Karte über die Schweizer Ticketplattform Viagogo erstanden. Sie hat unter Fans keinen guten Ruf, bisher fühle ich mich gut bedient, was sich noch ändern sollte.

Im Stadion zunächst mehr Portugal- als Deutschland-Hemden, aber Deutsche singen lauter, Essen zum Verhungern, Bier schön kühl, im Schatten lau und windig, Kaiserwetter, Toiletten weltmeisterlich, auf geht's, spielt endlich.

Ich gebe zu, ich habe oft über Müller gelächelt, der immer spielt, als sei er aus der Augsburger Puppenkiste auf den Fußballplatz gefallen, und nach drei Toren ist es leicht, ihn zu loben, aber: Egal, welcher Deutsche den Ball führt, egal, wo auf dem Platz, er fordert wild mit den Armen rudernd den Ball, zehnmal bekommt er ihn nicht, einmal ja, egal, er rudert weiter, nie beleidigt. Was ich mir wünsche? Eine Müller-Kamera, die mir jedes Spiel so zeigt, wie ich ihn hier im Stadion gesehen habe.

Das Stadion, innen steil den Rasen umschließend, befördert das Wechselspiel zwischen den Spielern und den Zuschauern, und nach Spielende geht das Spiel in den Katakomben unter den Rängen weiter, die brasilianischen Zuschauer sind im Rausch der vier Tore Deutsche geworden und singen, als habe ihr Verein gewonnen.

Am nächsten Tag Programm im Campo das Ondas, meinem Basishotel, 40 Kilometer von Salvador entfernt: Trikot waschen, auslaufen am Strand, treiben lassen im Entmüdungsbecken, Videoanalyse in der Hängematte, auf Facebook steilgehen und immer schön angeben. Die sozialen Medien sind zum Stadion vieler Fans geworden, dort lässt man sich bewundern, bestaunen und beneiden. Und wenn das Hotel mies ist, dann knipst man eben den Blick aus dem Fenster aufs Meer.

Freunde, die in Brasilien wohnen, hatten mich vor Salvador und seinen Kriminellen gewarnt, da ich sowieso erst mal am Strand liegen wollte, bin ich in diesem Hotel gelandet. Die Ober- und ihre 85 Meter tiefer gelegene Unterstadt Salvadors sind durch einen Aufzug verbunden, und an diesem Aufzug, so macht schnell das Gerücht die Runde, soll eine Gruppe von deutschen Fans von Dieben eingekreist und ausgeraubt worden sein.

Bis 1763 war Salvador die Hauptstadt Brasiliens, heute drittgrößte Stadt des Landes und Hauptstadt des Bundesstaates Bahia. Will man als Fan mehr wissen? Die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte historische Altstadt, da sind die besten Kneipen. Und der Straßenkarneval ist neben dem in Rio de Janeiro der größte der Welt. Salvador, so scheint es mir, ist das Paradies für WM-Bummler, das liegt auch an diesem überirdischen Weg von der Altstadt ins Stadion, eine schmale Gasse bergab, zwei Kilometer lang, in der die Anwohner die Zuschauer feiern, als seien die auf dem Weg zum Himmel. Zwischen den Fans aus ein paar Dutzend Ländern Blaskapellen, Sambatänzer und natürlich Kneipen, in denen das Spiel vor dem Spiel läuft, zum Beispiel Italien gegen Costa Rica.

So bewegt man sich langsam in Richtung Stadion, und wenn man genug getrunken hat, dann bewegen sich die Spieler auf dem Schirm irgendwann im Takt der Musik vor der Tür.

Vielleicht überträgt sich dieser Rauschzustand aus den Gassen von den Rängen auf den Rasen, 17 Vorrundentore der Niederländer, Deutschen und Franzosen (sorry Spanier, Portugiesen, Schweizer) fielen in Salvador.

Nach dem Spiel Frankreich gegen die Schweiz Trikottausch mit meinem brasilianischen Sitznachbarn, war ein bisschen feucht. Unter dem Wappen ist die Zahl 1958 eingestickt, das Away-Trikot von der WM '58, kann mich an Pelé allerdings nur in dem gelben erinnern. Der Brasilianer, ein netter Bankangestellter aus So Paulo, hat zusammen mit seiner Frau eine Woche Urlaub in der Nähe von Salvador gemacht und im Stadion in drei Spielen 17 WM-Tore gesehen. Das Paar schwebte knapp unter dem Stadiondach.

Als aufgeklärter Europäer ist man ja frei von Ressentiments gegenüber unseren Nachbarn. Wer allerdings in einem Deutschland-Trikot in einen Frühstücksraum mit 40 französischen Fans kommt, spürt sofort, dass eine WM auch ein Ersatzkrieg ist. Ihre Trikots sind elegant, wie von YSL entworfen, aber ihre Feindseligkeit überträgt sich sofort auf mich. Die Froschfresser räubern das Büffet wie Heuschrecken, im Gegenschlag fallen die letzten Mangoscheiben in unsere Hände. Sie trinken tatsächlich Rotwein zum Frühstück, sie bunkern Brötchen für den Marsch auf das Stadion. Liebe Franzosen, die glücklosen Schweizer habt Ihr eiskalt ausgespielt, als würdet ihr von Mourinho trainiert. Respekt! Glückwunsch! Und ihnen fair auch noch zwei Tore geschenkt. Und bis zum Ende des Spiels Eure schöne Nationalhymne gesungen, die höre ich wirklich gern, und danach schön lange gefeiert in der Altstadt von Salvador. Und am nächsten Morgen ausgeschlafen, wir konnten im Hotel in Ruhe frühstücken, wir auf dem Weg wieder zusammen glückliche Europäer zu werden – bis zum Spiel der Deutschen gegen Ghana. Den Trip nach Fortaleza – immerhin 1000 Kilometer – hatte ich mir gespart und so saß ich mit Euch vorm Fernseher, um das Spiel zu schauen. Ihr wart plötzlich ganz große Freunde Afrikas und die Schwarzen Eure Brüder, jedes ihrer Tore habt ihr bejubelt als seien es eigene. Ich kam mir einsam vor in meinem Deutschland-Trikot und kalt wurde es unter dem großen Deckenventilator. Fast wäre ich aufgesprungen und hätte Euch trotzig "Allez les blancs" entgegengeschleudert. Mein Trost: Wir würden uns wiedersehen, wenn alles normal läuft, im Viertelfinale in Rio!



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