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11. Juli 2014, 17:08 Uhr

WM-Tagebuch

Unser Weg nach Rio

Wenn man den Fußball liebt, wenn man eine WM nicht als Reisegruppenfan erleben will oder als Journalist, wenn man sich durch Brasilien treiben lässt auf der Route der schönen Spiele von Salvador bis Rio de Janeiro - dann erlebt man, was Cordt Schnibben erlebt hat.

Erst Ronaldo entzaubert, dann Brasilien zerlegt, dann Messi bezwungen - wie die deutschen Fans die Tour durch Brasilien bis zum Finalsieg im Maracana erlebten. Von Cordt Schnibben.

Didi, Vavá, Garrincha, Pelé - das waren die Namen, die wir vor uns hermurmelten, wenn wir aufs Tor zustürmten. Wir hatten sie kaum spielen sehen, in den Sechzigern tauchten brasilianische Fußballer im deutschen Fernsehen nur zur WM auf, aber sie kamen aus dem Land, das für uns das Mutterland des Fußballs war. So setzte sich im Kinderkopf der Traum fest, da musst du hin, nur da ist die WM zu Hause. Und so saß ich am 15. Juni wie ein Kind im Condor-Flug von Frankfurt am Main nach Salvador da Bahia, fünf Tickets im Handgepäck, erkämpft im monatelangen Ringen mit der Website der Fifa. Bei der WM in Deutschland hatte ich am Ende 26 Spiele gesehen, also war ich guter Hoffnung, auch in Brasilien an weitere Tickets zu kommen. Irgendwo über dem Atlantik meldete sich der Steward, dass in Reihe 23, Platz H, vier Tickets für Italien gegen Uruguay zu haben seien, und in Reihe 16 acht Tickets für Deutschland gegen Ghana und auch für das Spiel um Platz drei. Ging also schon mal gut los im Himmel.

Und es wurden vier Wochen daraus, die oft nahe am Himmel waren, in denen man aber nie genau wusste, wie weit man von der Hölle entfernt ist. Brasilien machte es mir leicht, mich wie ein Kind zu fühlen, das Land und die Menschen haben etwas von Kindergeburtstag – einerseits. Andererseits sitzt dir immer die Angst im Nacken, etwas falsch zu machen und in Situationen zu kommen, die die Warnungen bestätigen, die dir im Kopf herumschwirren. Ich bin ein typischer Fußballfan, weil ich von Brasilien nicht mehr wusste, als alle die, die hier in weißen, blauen oder roten Trikots herumgelaufen sind. Das Buch "Gebrauchsanweisung für Brasilien" gelesen, mit ein paar Freunden geredet, ansonsten sich aber mehr mit Aufstellungssorgen, Formkurven und Hotelempfehlungen beschäftigt. Was ein Fan eben so macht, wenn er sich auf eine WM vorbereitet. Als es dann mal richtig ernst wurde, hat mir das alles nichts genutzt, aber dazu später mehr.

Wenn man sich einem Stadion das erste Mal nähert, ist das eine große Sache. In Mailand zum Beispiel habe ich sofort Angst bekommen, der viereckige, dunkle Koloss San Siro wirkt auf Gäste-Fans von außen wie die irdische Dependance von Außerirdischen, das Bernabéu-Stadion in Madrid erscheint wie ein Palast, Camp Nou in Barcelona macht erst von innen Eindruck. Die Arena Fonte Nova, in der Deutschland gegen Portugal spielt, fasst 52.000 Zuschauer und ist so neu, dass sie noch nach Beton riecht und Wege ums Stadion noch aus Sand sind.

Anfahrt drei Stunden vom Strand, könnte schneller gehen, viel Polizei, Militär etc., Comic-Uniformen, Stadionkontrolle ein Witz, meine Schwarzmarktkarte nicht mal angeschaut, Name egal, Personalisierung klappt wieder nicht. Auch 2006 in Deutschland hatte die Fifa einen irren Aufwand betrieben, jeder Kartenbesteller musste persönliche Daten und Ausweisinformationen offenlegen, um den Weiterverkauf in den Griff zu bekommen. Ich heiße heute Yaniv Yosifor, habe die Karte über die Schweizer Ticketplattform Viagogo erstanden. Sie hat unter Fans keinen guten Ruf, bisher fühle ich mich gut bedient, was sich noch ändern sollte.

Im Stadion zunächst mehr Portugal- als Deutschland-Hemden, aber Deutsche singen lauter, Essen zum Verhungern, Bier schön kühl, im Schatten lau und windig, Kaiserwetter, Toiletten weltmeisterlich, auf geht's, spielt endlich.

Ich gebe zu, ich habe oft über Müller gelächelt, der immer spielt, als sei er aus der Augsburger Puppenkiste auf den Fußballplatz gefallen, und nach drei Toren ist es leicht, ihn zu loben, aber: Egal, welcher Deutsche den Ball führt, egal, wo auf dem Platz, er fordert wild mit den Armen rudernd den Ball, zehnmal bekommt er ihn nicht, einmal ja, egal, er rudert weiter, nie beleidigt. Was ich mir wünsche? Eine Müller-Kamera, die mir jedes Spiel so zeigt, wie ich ihn hier im Stadion gesehen habe.

Das Stadion, innen steil den Rasen umschließend, befördert das Wechselspiel zwischen den Spielern und den Zuschauern, und nach Spielende geht das Spiel in den Katakomben unter den Rängen weiter, die brasilianischen Zuschauer sind im Rausch der vier Tore Deutsche geworden und singen, als habe ihr Verein gewonnen.

Am nächsten Tag Programm im Campo das Ondas, meinem Basishotel, 40 Kilometer von Salvador entfernt: Trikot waschen, auslaufen am Strand, treiben lassen im Entmüdungsbecken, Videoanalyse in der Hängematte, auf Facebook steilgehen und immer schön angeben. Die sozialen Medien sind zum Stadion vieler Fans geworden, dort lässt man sich bewundern, bestaunen und beneiden. Und wenn das Hotel mies ist, dann knipst man eben den Blick aus dem Fenster aufs Meer.

Freunde, die in Brasilien wohnen, hatten mich vor Salvador und seinen Kriminellen gewarnt, da ich sowieso erst mal am Strand liegen wollte, bin ich in diesem Hotel gelandet. Die Ober- und ihre 85 Meter tiefer gelegene Unterstadt Salvadors sind durch einen Aufzug verbunden, und an diesem Aufzug, so macht schnell das Gerücht die Runde, soll eine Gruppe von deutschen Fans von Dieben eingekreist und ausgeraubt worden sein.

Bis 1763 war Salvador die Hauptstadt Brasiliens, heute drittgrößte Stadt des Landes und Hauptstadt des Bundesstaates Bahia. Will man als Fan mehr wissen? Die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte historische Altstadt, da sind die besten Kneipen. Und der Straßenkarneval ist neben dem in Rio de Janeiro der größte der Welt. Salvador, so scheint es mir, ist das Paradies für WM-Bummler, das liegt auch an diesem überirdischen Weg von der Altstadt ins Stadion, eine schmale Gasse bergab, zwei Kilometer lang, in der die Anwohner die Zuschauer feiern, als seien die auf dem Weg zum Himmel. Zwischen den Fans aus ein paar Dutzend Ländern Blaskapellen, Sambatänzer und natürlich Kneipen, in denen das Spiel vor dem Spiel läuft, zum Beispiel Italien gegen Costa Rica.

So bewegt man sich langsam in Richtung Stadion, und wenn man genug getrunken hat, dann bewegen sich die Spieler auf dem Schirm irgendwann im Takt der Musik vor der Tür.

Vielleicht überträgt sich dieser Rauschzustand aus den Gassen von den Rängen auf den Rasen, 17 Vorrundentore der Niederländer, Deutschen und Franzosen (sorry Spanier, Portugiesen, Schweizer) fielen in Salvador.

Nach dem Spiel Frankreich gegen die Schweiz Trikottausch mit meinem brasilianischen Sitznachbarn, war ein bisschen feucht. Unter dem Wappen ist die Zahl 1958 eingestickt, das Away-Trikot von der WM '58, kann mich an Pelé allerdings nur in dem gelben erinnern. Der Brasilianer, ein netter Bankangestellter aus So Paulo, hat zusammen mit seiner Frau eine Woche Urlaub in der Nähe von Salvador gemacht und im Stadion in drei Spielen 17 WM-Tore gesehen. Das Paar schwebte knapp unter dem Stadiondach.

Als aufgeklärter Europäer ist man ja frei von Ressentiments gegenüber unseren Nachbarn. Wer allerdings in einem Deutschland-Trikot in einen Frühstücksraum mit 40 französischen Fans kommt, spürt sofort, dass eine WM auch ein Ersatzkrieg ist. Ihre Trikots sind elegant, wie von YSL entworfen, aber ihre Feindseligkeit überträgt sich sofort auf mich. Die Froschfresser räubern das Büffet wie Heuschrecken, im Gegenschlag fallen die letzten Mangoscheiben in unsere Hände. Sie trinken tatsächlich Rotwein zum Frühstück, sie bunkern Brötchen für den Marsch auf das Stadion. Liebe Franzosen, die glücklosen Schweizer habt Ihr eiskalt ausgespielt, als würdet ihr von Mourinho trainiert. Respekt! Glückwunsch! Und ihnen fair auch noch zwei Tore geschenkt. Und bis zum Ende des Spiels Eure schöne Nationalhymne gesungen, die höre ich wirklich gern, und danach schön lange gefeiert in der Altstadt von Salvador. Und am nächsten Morgen ausgeschlafen, wir konnten im Hotel in Ruhe frühstücken, wir auf dem Weg wieder zusammen glückliche Europäer zu werden – bis zum Spiel der Deutschen gegen Ghana. Den Trip nach Fortaleza – immerhin 1000 Kilometer – hatte ich mir gespart und so saß ich mit Euch vorm Fernseher, um das Spiel zu schauen. Ihr wart plötzlich ganz große Freunde Afrikas und die Schwarzen Eure Brüder, jedes ihrer Tore habt ihr bejubelt als seien es eigene. Ich kam mir einsam vor in meinem Deutschland-Trikot und kalt wurde es unter dem großen Deckenventilator. Fast wäre ich aufgesprungen und hätte Euch trotzig "Allez les blancs" entgegengeschleudert. Mein Trost: Wir würden uns wiedersehen, wenn alles normal läuft, im Viertelfinale in Rio!

Mein Tribünenplatz morgens in Recife, Oberrang, schönes Spiel, es steht 10:13, wenn ich richtig gezählt habe. Vom 24. Stock eines Hotels schaue ich zwei Sechser-Teams am Strand zu, die so spielen, wie wir als Kinder gern gespielt hätten. Das ist tatsächlich mal ein Klischee über Brasilien, welches stimmt, überall wird Fußball gespielt, auf dem kleinsten Hof und natürlich am Strand. Im weichen Sand zu spielen, ist das Anstrengenste, was es gibt, aber wenn die Ebbe den Sand gewalzt hat, dann wird jeder leichtfüßig wie Neymar.

Die Stadt ist in der Hand mexikanischer Dealer, nachher Mexiko gegen Kroatien, den gestrigen Abend damit verbracht, die Karten-Gangs gegeneinander auszuspielen, die hatten Karten stapelweise, in allen Kategorien, je später der Abend, desto mehr gingen die Preise nach unten, den Zuschlag hat schließlich Marco (?) bekommen, der plötzlich vor der Hoteltür stand (woher hatte er unsere Zimmernummer?) und sagte, er sei unser Mann, und wir sollten jetzt mal bei ihm kaufen, beste Ware, Kategorie 1, aus erster Hand, tatsächlich stand kein Name auf dem Ticket (wie üblich) sondern Federación Mexicana de Futbol, er sah nicht aus wie ein Funktionär und hatte circa 25 Karten für das Spiel dabei. Wir einigten uns, er warnte uns beim Abschied vor der Fahrt mit der Metro ins Stadion, üble Gegend, durch die man muss, sechs Stationen Favelas, alles Gute, vielleicht sieht man sich in Rio zum Endspiel, der Ticketpreis liegt im Moment noch bei 4100 Euro, aber er werde fallen, je mehr von den großen Teams raus seien. Nachts um drei Uhr polterten irgendwelche Typen an der Tür, aber es kann auch der Wind gewesen sein, der ist ziemlich scharf hier oben. Unten am Strand stand es inzwischen 17:21.

Recife hat mehr Hochhäuser als Hamburg, Berlin und München zusammen, die Reihe der Riesendinger am Meer wirkt wie eine Kulisse für "Miami Vice", dahinter allerdings sieht die 1,5-Millionen-Stadt aus wie ein Slum in Mexiko City, und dahinter liegt die Shopping-Mall RioMar, die man erreichen muss, um mit dem Bus zum Stadion zu kommen. Die eigens für die WM erbaute Arena Pernambuco mit Sitzplätzen für rund 42.600 Zuschauer liegt 20 Kilometer außerhalb; der Prospekt, der den Zuschauern erklärt, wie sie da hinkommen, ist acht Seiten stark. Es ist das Stadion des Clube Náutico Capibaribe, eines Zweitligisten.

Als ich nach zweistündiger Anfahrt das Stück Beton in der freien Natur erreiche, liegen nur noch die Einlasskontrollen zwischen mir und dem Ball.

Geh zu einem Spiel der Mexikaner, und du erlebst Fußball in der dritten Dimension. Bevor ich schwärme, kurz mal abkotzen, über die Fifa natürlich, aber es geht nicht anders. Diesem mexikanischen Fan wird eine große Muschel abgenommen, mit der er schon bei Dutzenden von Länderspielen Trötlaute produziert hat. Zu laut, sagt der Mann in Blau, wir haben unsere Vorschriften.

Der Platz rund um das Stadion ist – wie bei allen WM-Stadien – in Fifa-Hand, das Alkoholverbot, das sonst in brasilianischen Stadien gilt, wurde von ihr außer Kraft gesetzt, damit der Großsponsor Anheuser-Busch Inbev nicht nur Frauen sondern auch Bier präsentieren kann.

Der Lärm, der aus 30 000 mexikanischen Kehlen auf den Rasen hinunterdonnert, lässt sich durch eine beschlagnahmte Muschel nicht aufhalten, er wirkt auf die Spieler wie Substanzen, die auf der Dopingliste stehen. Diese Fans und diese Spieler sind 90 Minuten auf Speed, sie inszenieren im Wechselspiel aus Gesang und Sturm ganz großen Fußball. Deutsche, französische, englische Fan-Gruppen sind wie Männerkegelvereine auf Bierreise, ein Drittel der mexikanischen Fans sind Frauen, Mädchen, Mütter, eine in Fußballstadien immer noch auffällige Truppe. Also: jedes Spiel der Mexikaner ansehen. Aber: Karten erst vorm Stadion kaufen, nie am Abend vorher, die Karten-Gangs verlieren eine Stunde vor Spielbeginn die Nerven, die Preise für Kategorie 1 (Fifa-Preis: 175 Dollar) waren runter auf 30 Dollar.

Nach dem Spiel sind wir nach Olinda umgezogen, die Stadt liegt bei Recife, sie ist ein Traumort für jeden WM-Touristen, hier ist Brasilien, wie es vielleicht mal war, inzwischen ein Ort, indem alle Zumutungen Brasiliens ausgesperrt sind, es duftet in den Straßen nach Frangipani, Cafés neben Galerien, ein tropisches Worpswede, die kleinen Jungs sind Neymar-erblondet, die Mädchen sprechen Englisch, Diebe leben woanders. Wer hier untergekommen ist, hält Brasilien für das Land, das im Fernsehen in diesem Zeichentrickfilmchen vor jedem Spiel läuft. Es macht süchtig, und ich beginne vor dem 14. Juli zu zittern.

Der Blick auf das Spiel gegen die USA allerdings ist getrübt durch den Regen, der seit 12 Stunden herunterschüttet. Was den Freunden des gepflegten Kurzpassspiels Sorgen machen muss, ist die Drainage im Stadion, die US-Fans am Frühstückstisch wirken weniger besorgt. Der USA-Fan ist ein spezieller: Er tritt als Paar auf, der weibliche Teil versteht mehr vom Fußball. In Gesprächen mit Fans aus diesen Fußball-Entwicklungsländern wird einem wieder mal klar, was das Einzigartige an diesem Sport ist: Es fallen wenig Tore, das Warten auf das Tor ist das Drama, das spielerische Hin und Her, das Abtasten, das Versprechen, das es irgendwann passiert, dann die Erlösung, die Umarmung, die Erfüllung. Und dann das Gegentor, die Enttäuschung, vielleicht der Biss, und alles geht von vorn los. Der USA-Fan auf WM-Tour ist gebildet und rücksichtsvoll, er kommt uns beim Frühstück nicht in die Quere, er ist noch damit beschäftigt, die Caipirinhas vom Vorabend loszuwerden.

Die Anreise zum Stadion bewältigen wir barfuß, jeder Schuh hätte sich in den Seen auf den Straßen aufgelöst, und was soll's, in Woodstock hat es damals auch geschüttet.

Die deutschen Fans, durch das Erdbeben gegen Portugal verwöhnt, beginnen bereits zu murren, als endlich das Tor fällt.

Zum ersten Mal gehen mir deutsche Fans auf die Nerven, weil sie die US-Fans verhöhnen. Wann immer die ihr „USA, USA, USA“ anstimmen, ju-es-eih, ju-es-eih, ju-es-eih, antworten sie mit "you are gay", "you are gay", "you are gay". Der Fan-Gesang bei Länderspielen ist in den letzten Jahren zusammen mit dem Spiel der Nationalmannschaft auf ein höheres Level gestiegen, aus dem Klassiker "Deutschland vor, schieß' ein Tor" sind ein Dutzend mehr oder minder raffinierterer Chöre geworden.

Das peitschende „Sieg! Sieg! Sieg!“ mit nach vorn geworfenen Armen kommt mir immer noch befremdlich vor. Mitten in diesem dröhnenden Volksdonner trifft man dann nach dem Spiel in der Metro diese drei englischen Fans, die singend (und am Ende vergebens) schwärmen von einer englischen Mannschaft, die mal nicht in der Vorrunde ausscheidet.

Und als wir die Metro verlassen, da stehen die Teenies aus den Favelas, die wir mit der Metro durchquert hatten, Spalier, um uns zuzujubeln, als hätten wir gesiegt.

Heute, vor dem Achtelfinale gegen Algerien, ist alles wie beim Weg ins Bremer Weserstadion: Scharfer Nordostwind, leichter Regen, dicke Jacke, man läuft von der Kneipe direkt ins Stadion, Siegeslaune. Nur das Getränk, das im Kopf seinen Job macht, ist kein Bier. Und diese Bullen, die ständig meine Karte sehen wollen, tragen so Michael-Jackson-Uniformen.

Ich habe mir eine dicke blaue Brasil-Jacke gegen die Kälte gekauft, wir merken jetzt zum ersten Mal, dass hier Winter ist. Eigentlich gilt Porto Alegre gilt als grünste und lebenswerteste Stadt Südamerikas, aber an diesem winterlichen Juni-Tag ist sie ungemütlich.

Porte Alegre ist eine große Fußballstadt. Der Club Grêmio gewann in den Achtziger- und Neunzigerjahren den Weltpokal sowie zweimal den wichtigsten südamerikanische Vereinsfußballwettbewerb Copa Libertadores, und Ronaldinho wurde hier gut und groß.

Die deutschen Fans ziehen in langen Kolonnen durch den Regen auf das Stadion zu, auf das für die WM komplett sanierte Estádio Beira-Rio mit Platz für 43 400 Zuschauer.

Viele der brasilianischen Fans tragen Lederhosen und Oktoberfesthüte, eine bayerische Blaskapelle verbreitet Siegesstimmung wie vor einem Bayern-Heimspiel, alles scheint bereitet für einen leichten Sieg über Algerien.

Doch je länger das Spiel dauert, desto nervöser wird die deutsche Truppe. Fans der Nationalmannschaft sind besondere Fans, sie sind Shareholder, sie stecken viel Geld in die Mannschaft, in die Chance, sie sehen zu können und siegen zu sehen, zumal bei einer WM, 10 000 Euro kommen da schnell zusammen, alles ist gebucht, das soll sich amortisieren. Wenn Mannschaften bei einer WM früh ausscheiden, ist das für die Spieler bitter, für die Fans ist es eine Fehlinvestition. Die deutsche Mannschaft war in vergangenen Jahrzehnten eine sichere Geldanlage, meist war sie bis zum Halbfinale dabei. Umso größer die Erleichterung, als dann das erlösende Tor fällt, so mancher muss sich sogar eine Träne wegdrücken.

Das 2:0 scheint alles klarzumachen, das Gegentor bringt das Zittern zurück, der Schlusspfiff sichert den Kurs.

Schon während des Spiels war das Gemurre im Fan-Block über Löw, den Angsthasen groß, er spiele zu defensiv, wo bleibt Klose gegen einen solchen Gegner, und das Geraune verstummte auch danach nicht, ins Viertelfinale muss eine deutsche Mannschaft stürmen, sonst wird sie kleingemacht. Ein Fußballfan ist ein Fußballfan ist ein Fußballfan, das Land einer WM besteht aus Stadien, und den Kneipenvierteln, in denen man Siege feiern kann, und den Flughäfen, über die man von einem Stadion ins andere kommt. Nur wenige machen sich die Mühe, in dem Land mehr als eine Kulisse für Spiele zu sehen. Wer auch jetzt noch wissen möchte, was die WM mit Brasilien gemacht hat, kann sich auf der Website www.brafus2014.com so schlau machen, als sei er selbst durchs Land gereist.

Ich war auch einer von den hochkonzentrierten Fans, beschränkt auf das Nebensächliche, für zwei Tage hat es mich allerdings in einen Ort ohne Stadion getrieben. „Großes Tennis“ würde so mancher Sportreporter sagen.

Was sahen wir, als wir – von der Klettertour entlang der Wasserfälle nass bis auf die Unterhose – im Klippenrestaurant ankamen? Argentinien gegen die Schweiz, eines dieser acht Achtelfinale, die diese WM zu einer der besten gemacht haben, hysterisch begleitet von Dutzenden Argentiniern, die im Moment den Grenzfluss Iguaçu von der brasilianischen Seite betrachten müssen, da die Stege auf der argentinischen Seite vom Hochwasser weggespült wurden. Was gab uns einer der Männer im blauweißgestreiften Trikot mit auf den Weg? Haut Brasilien weg!

Was macht jeder Fußballfan, der nach Rio kommt? Er sieht zu, dass er schnell nach oben kommt. Nicht nur, weil man von da oben das Maracanã-Stadion sehen kann.

Argentinien brauchte die Verlängerung, um den Traum vom Finale im Maracanã weiterzuträumen, und Brasilien musste gegen Chile sogar ins Elfmeterschießen.

Immer, wenn während der WM Mannschaften aus Südamerika aufeinander trafen, wie bei Kolumbien – Uruguay im Achtelfinale, ging das Spiel über Stunden. Es fing in der Metro an und dauerte mindestens bis Mitternacht.

Im Stadion waren am Ende die Kolumbianer, in der Metro noch unterlegen, die Sieger.

Um Mitternacht eines Tages, an dem nicht viel mehr passiert ist als zwei Fußballspiele, feiert die Favela am Hang gegenüber, dass Brasilien am Ende etwas mehr Glück hatte als Chile. An der Copacabana und im Maracanã war heute zu spüren, dass Fußball natürlich viel mehr ist als ein Spiel, vier Nationen kämpften um ihr Selbstverständnis, bewacht von einer absurden Armada aus gepanzerten, berittenen Terminatoren. Wer durch elf Ketten dieser Krieger muss, um ein Spiel anzusehen, kommt sich vor wie in „Game of Thrones“. Die WM hat die Phase erreicht, wo es auch mal ernst werden kann, im Stadion waren die Urus die Bösewichte, und es hat nicht viel gefehlt, und sie hätten sich so benommen.

In den Dutzenden Festen gegenüber explodiert die Erleichterung darüber, noch mal davongekommen zu sein, und die Kolumbianer – nächster Gegner Brasiliens – waren schon in der Nacht mit Transparenten unterwegs, auf denen den Gastgebern prophezeit wurde, nach der Schmach von 1950 ( Niederlage gegen Uruguay bei der WM im eigenen Land) nun vor der nächsten nationalen Erniedrigung zu stehen. Ach, könnte eine WM doch einfach ohne solchen Blödsinn auskommen. Was für eine schöne, kindliche, blödsinnige Hoffnung.

Was diese WM so einzigartig macht, so brasilianisch, ist die Nähe von Spiel und Strand, halbnackt im Sand liegen und Fußball schauen, der perfekte Kindergeburtstag, die große Party.

Durst? Hunger? So habe ich das Fan-Fest beim ersten Besuch erlebt.

Beim zweiten Besuch, nach dem Spiel Deutschland gegen Frankreich, vor dem Match Brasilien – Kolumbien, war die Polizei verschwunden, ohne dass ich es merkte. Ich schwebte so knapp über dem Strand wie Tage zuvor, aber ich war auf der anderen Seite dieser WM gelandet, ohne es schon zu realisieren. Es ging schon vorm Stadion los, gleich nach der Kartenkontrolle wollte ein Fan von Flamengo mein Ticket ( Kategorie 2) gegen seins (Kategorie 4) tauschen, als ich nicht wollte, riss er es mir aus der Hand, ich hab’s mir zurückgeholt. Okay, 1:0 gegen Frankreich gewonnen, Halbfinale, gefreut, gejubelt, schwebend Richtung Copacabana. In der Metro fünf lustige Jungs, die tanzen, singen, rempeln. Irgendwann wollen sie mein Trikot, meine Cap, meine Sonnenbrille, irgendwie rausgekommen. Beim Fan-Fest am Strand Video mit dem Handy gemacht, Schwenk von der Leinwand (Neymar singt die Nationalhymne) auf die Gischt der Wellen in der Abendsonne. Schlag in die Magengrube, jemand will mein Handy wegreißen, halte es umklammert, kriege rechts und links in die Fresse, jemand reißt die Brille weg, finde sie im Sand, laufe den fünf Typen hinterher, ein Mädchen, das wohl zur Gang gehört, schreit mir zu (so denke ich mir), ich soll abhauen, sonst wird’s heftig, einer von den Typen zeigt ein Messer im Hosenbund. Von den Umstehenden keine Reaktion, von Polizei weit und breit nichts zu sehen. Auf der Straße die Polizisten angesprochen, die damit beschäftigt waren, das Fifa-Hotel Copacabana Palace zu schützen. Hatten keine Lust, waren nicht zuständig, verwiesen auf die nächste Polizeiwache.

Nachdem ich das Gesicht mit Eis gekühlt und Brasilien die Niederlage an den Hals gewünscht habe, in der Polizeiwache aufgetaucht. Voller als bei McDonald’s, die Internationale der Ausgeraubten, das Fan-Fest der Handylosen. Viele Deutsche, richtig arme Jungs, Pass weg, Kreditkarte, einem Polizisten haben sie Kamera aus der Hosentasche geklaut. Und: viele Brasilianer, die sich bei uns entschuldigen. Ein deutscher Übersetzer: Immer, wenn Brasilien spielt, ziehen die Gangs durch das Fan-Fest und drum herum. Frage: Warum stehen Hundertschaften der Polizei auf den Straßen vorm Fan-Fest, warum kontrollieren Tausendschaften immer wieder unsere Karten, warum ist kein Polizist da, wo immer wieder Fans ausgeraubt werden? Antwort: Das finde er auch merkwürdig.

Drei Wochen lang haben wir alle Warnungen für übertrieben gehalten, drei Wochen dennoch alles getan, um nicht aufzufallen als blöde Beute, drei Wochen lang nie gewusst, wie nah man ist am Bösen. Und immer gedacht, es nervt, in jedem armen Brasilianer den Dieb zu sehen, der dein Handy will. Am bestbewachten Ort der WM also ins Messer gelaufen, es bleibt das blöde Gefühl, in eine Falle getappt zu sein – und das am Ende eines Tages, an dem man eigentlich ein großes Völkerfest genießen wollte, einen Sieg natürlich auch, aber vor allem den Spaß unter Fußballfreunden. Ich muss mal eine Nacht drüber schlafen und mir die Frage stellen, ob ich vielleicht zu viel erwarte.

Nachdem ich auf der nichtgeschwollenen Seite gut geschlafen hatte: Rat an alle, die mal in eine ähnliche Situation kommen. Natürlich weiß ich, dass man sich nicht wehren soll, aber das Ganze spielt sich in Sekunden ab, in denen sich der Körper reflexartig verteidigt, die Hand glaubt, das Handy festhalten zu können, zumal man die Angreifer ja nicht sieht, wenn man sich dann aufgerappelt hat, setzt der Kopf wieder ein. Bei mir mit dem Gedanken: Oh, die tollen Videos, die du in den Tagen gedreht hast, musst du retten, ich habe den Typen Geld geboten für mein Handy, blöderweise hatte ich mir den Satz: „Ihr kriegt das Handy sowieso nicht geknackt, ihr Blödmänner, hier habt ihr 200 Dollar“ nicht auf Portugiesisch eingeprägt, Englisch verstanden sie nicht. Ich habe mich in den letzten 30 Jahren in viel wilderen Teilen der Welt herumgetrieben, mir ist nie etwas passiert, Uhr, Kamera, Brustbeutel etc. habe ich nie dabei. In dem Moment haben 30 000 Leute ihre Handys hochgehalten, ich dachte, wenn ich mein altes Ding hochhalte, wird nichts passieren. Erster Fehler. Zweiter Fehler: Ich hatte mich von meinen drei Begleitern mal kurz getrennt, um das Meer mit in den Schwenk zu kriegen, der Ehrgeiz nach dem absoluten Bild. Dritter Fehler: Wenn Tausende Polizisten das Areal absichern, wähnt man sich beschützt.

Aber in Wahrheit war es so wie in dem Gefängnis Palmasola, das ich mal besucht habe: Rundherum Wächter, innendrin konnten die Gangster machen, was sie wollten, wenn sie die Wärter beteiligten. Vierter Fehler: Nach drei Wochen Eiteitei habe ich dieser Woge der Harmonie geglaubt. Aber es ist nun mal so, zwischen mir und den Dieben gibt es nichts Verbindendes, nicht Fußball, nicht Euphorie, nicht Empathie, nur mein Handy verbindet uns. Und: Auf dieser WM zelebriert die globale Mittelklasse den Stolz darauf, sich leisten zu können dabei zu sein. Und das in der Arena von Leuten, für die ein Handy so wertvoll ist, dass man es klauen sollte. Der Besuch auf der Polizeiwache hatte etwas Tröstendes: Lauter Beklaute, das gibt den Trost, kein Depp zu sein, und wenn dann noch ein deutscher Polizist dabei ist, um so mehr. Herzzerreißend: die Scharen von brasilianischen Mädchen, die um ihr Handy weinten. Ich hätte ihnen meins geschenkt, wenn ich es noch gehabt – und vorher meine Videos verschickt hätte.

Die besten vier Videos, die zusammen mit dem Handy geklaut wurden:

­– Eine schöne Brasilianerin im weißblauen Dirndl steht im deutschen Block und singt die Marseillaise, die deutschen Fans hören ergriffen zu.

– „Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher“ skandieren die im weißem Trikot und hüpfen hoch und runter, die ihm blauen Trikot hüpfen mit und stimmen in Französisch ein, die Brasilianer im Stadion hüpfen mit, das ganze Stadion hüpft dreistimmig.

– Nach dem Sieg kommt die deutsche Mannschaft in den Fan-Block und verschenkt Tickets.

– In der Metro vom Stadion zum Strand tanzt eine Gruppe Jugendlicher, zwei Mädchen klauen den faszinierten Zuschauern die Handys, geben sie zurück, ist eine Aktion der Polizei.

Dieses Hotel mag mich nicht, es steht zwischen mir und dem Spiel, es tut alles, um mich vom Stadion fernzuhalten. Zugegeben, seit Rio bin ich ein wenig hysterisch, ich misstraue mehr als vorher, ich traue diesem Hotel vieles zu. In der vierten Woche WM bin ich im neunten Hotel, es ist der seltsamste Kasten der Reise, entweder ein Stundenhotel oder ein Turm von Geldwäschern, unten sitzt der ahnungsloseste Rezeptionist der Welt, er kann keine Telefonate nach Deutschland vermitteln und keine Anrufe aufs Zimmer stellen. Er spricht noch weniger Englisch als alle anderen Rezeptionisten auf dieser Reise, immerhin lächelt er freundlich, aber alles, was dieses Hotel an Zumutungen aufbietet, will und kann er nicht beseitigen.

Die Aussicht allerdings ist spektakulär und stadtarchitektonisch wertvoll. Stellt man sich so eine brasilianische Stadt vor?

Nicht alle 2,5 Millionen Einwohner leben in Hochhäusern, ganz links im Bild war eine der vielen Favelas zu sehen, ein Fünftel der Städter ist nicht an das Kanalnetz angeschlossen. Vielleicht mein Hotel auch nicht, denn es stinkt in meinem Zimmer durchdringend nach lang aufgestauter Toilettenspülung.

Das Wlan ist so langsam, dass man die E-Mail auch vom Hauptpostamt abholen könnte; da ich noch das Ticket für das Halbfinale in São Paulo klarmachen muss, steigt meine Unruhe gefährlich. Der Lift braucht ungefähr fünf Minuten von unten hier hoch, manchmal steht er auch ein paar Minuten. Vier graue Türen gehen von meinen Flur ab, mehr nicht, hinter jeder Tür vermute ich das Unheil und schließe alles – auch bei kurzer Fahrt zur Rezeption im Safe ein. Mein schlimmster Feind ist meine Tür, sie geht manchmal auf, manchmal nicht.

Das Ankleiden fürs Stadion fällt heute besonders feierlich aus: das schwarzrote Trikot übergestreift, die Sonnenbrille, darüber die Wembley-Cap, die kleine Gürteltasche mit dem Nötigsten, die blauen halbhohen Schuhe, und dann der Gang zum Safe, das Ticket herausnehmen. Jedes Mal habe ich Angst, dass sich der Safe nicht öffnen lässt.

Vor dem Stadion beschleicht mich das Gefühl, heute am richtigen Ort zu sein, ich genieße die Vorfreude auf ein großes Match, das ganze Tamtam. Mannschaften, die man als Fans unterstützt, sind seelische Helfer, sie spielen immer auch für das Gefühl des Fans, vom Schicksal gemocht oder gestraft zu werden. Bei den Fans der Nationalmannschaft ist die seelische Abhängigkeit geringer, aber heute spielen Lahm & Co. wirklich für mich und viele andere Deutsche, wenn sie gewinnen, gewinnen auch wir, ein Ticket fürs Finale, so sind die Regeln des "Follow my Team"-Tickets, ich bekomme es von einem Fan, dessen Freund nicht kann - wenn Deutschland siegt. Die brasilianischen Fans singen vielleicht auch um ihr Finalticket.

Im Stadion passiert etwas, was ich noch nie erlebt habe. Schockfreude. In immer neuen Wellen. Kaum ebbt der Jubel über das letzte Tor etwas ab, fällt schon das nächste Tor.

Was bleibt am Ende dieser epochalen 90 Minuten? Geschockte Brasilianer, brasilianische Deutsche.

Können Fußballspiele, können große Siege und Niederlagen das Leben verändern? Für Spieler natürlich schon; den Fans bleibt das Gefühl, dass sich gerade etwas in ihr Leben schleicht, das sie nie wieder loswerden, ich habe noch keine Worte dafür, die Wucht des Spiels macht mich sprachlos, aber in mir wächst ein Gefühl für die Größe des Moments, und da ich dieses Gefühl mit Millionen teile, übermannt es mich. In vielen Gesichtern sah ich an diesem Abend neben dem Jubel auch den Schock des noch Unfassbaren.

In meinem Leben gibt es ein Spiel, das mich ähnlich tief berührt hat, am 8. Mai 1965, meine Mutter war drei Tage zuvor gestorben, mein Vater wollte, dass ich nicht zu diesem Spiel gehe, ich argumentierte, sie hätte es gewollt, schließlich durfte ich gehen, Werder Bremen schlug Borussia Dortmund und wurde Deutscher Meister. Nach dem Schlusspfiff stand ich auf der Tribüne zwischen jubelnden Menschen, spürte die Wucht des Sieges, die Wucht der Trauer, jubelte und weinte gleichzeitig, und das hat sich in mir so festgesetzt, dass es das eine Gefühl ohne das andere nicht gibt.

Auch nach dem Sieg an diesem Abend wollte ich lieber allein sein, zumal der lange Marsch vom Stadion zu den Bussen inmitten Tausender Brasilianer beides bot: die Unterwerfung und die Aggression, beides gleichermaßen unangenehm. Ein betrunkener brasilianischer Fan wollte mir die Hand küssen, und als ich das verweigerte, mir in die Fresse hauen, viele wollten unbedingt dass Trikot tauschen, andere riefen auf Deutsch „Arschloch“. Meine Freunde zogen weiter ins Kneipenviertel Savassi, am nächsten Morgen erzählten sie von Schlägereien und Pöbeleien. Unter den Brasilianern war es schon während des Spiels zu Prügeleien gekommen, Deutsche, die als Einzelne in brasilianischen Blöcken saßen, wurden beworfen und setzten sich in der zweiten Halbzeit lieber woanders hin.

In Sprechchören entlud sich die Rivalität zwischen Clubs, wurde die Fifa verhöhnt und der Trainer Scolari, wurde die Präsidentin verlacht und der Milliardenaufwand für die Copa, der sich nun in ihren Augen als gigantische Fehlinvestition offenbarte. In São Paulo gingen Busse in Flammen auf, in Recife und Salvador entlud sich die Wut in Massenschlägereien, auch auf dem Fan-Fest in Rio prügelten sich Hunderte, und Tausende wurden natürlich wieder ausgeraubt im Trubel von Sieg und Niederlage.

Mir gehen die gestandenen Männer nicht aus dem Kopf, oft grauhaarig, die mit gelbem Trikot, blauer, kurzer Hose und Stutzen wie Kinder zum Spiel gekommen waren, die mir nach dem Spiel anerkennend die Hand auf die Schulter legten, die Respekt ausdrücken wollten, die sich noch bemühten, ihre Trauer nicht zu zeigen, in deren Gesichtern sich aber schon abzeichnete, dass sie diesen Tag bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr vergessen können, die gehofft hatten, dass sie im eigenen Land noch einmal den Fußball erleben würden, der ihre Kindheit verzaubert hat, die Ballstafetten von Didi, Vavá, Pelé und Garrincha, und die nun von Kroos, Müller, Özil, Neuer und Schweinsteiger schwärmen müssen. Ich hätte sie gern getröstet mit meinen Erinnerungen an ihre Kinderhelden, aber dazu fehlten mir die Worte und ihre Sprache.

Ich gebe zu, ich hatte ein paarmal während der Tour den Gedanken, was der ganze Blödsinn eigentlich soll, immer dann, wenn deutlich wurde, dass der Aufwand nicht im Verhältnis steht zum Sinn. Solche Völkerfeste sind ja mal in die Welt gesetzt worden, um das Verständnis der Völker füreinander zu schärfen, was aber, wenn sie nur die Ressentiments verschärfen? Ein Volksfest ist die WM nur noch in dem Sinne, das halbe Völker vor den Bildschirmen sitzen. Das ist nicht zu verachten, in den Stadien allerdings versammeln sich die globalen Eliten der Ober- und Mittelschichten; je weiter das Turnier fortschreitet, desto höher wird das Gehaltsniveau auf den Tribünen.

Als am Tag nach dem Erdbeben im Halbfinale in São Paulo Argentinien und die Niederlande aufeinandertrafen, hatte ich wieder so einen Moment des Zweifels. Um an eine Karte zu kommen hatte ich mich im Internet diesem Irrsinn der Ticket-Agenturen ausgeliefert, die – so sagen sie – im Auftrag von Verkäufern vermittelt zwischen Nachfrage und Angebot. Je mehr es aufs Finale zugeht, desto größer ist die Nachfrage, desto höher sind die Preise. Für das Halbfinale in São Paulo hatte ich bei der Agentur Viagogo eine Woche vor dem Spiel eine Karte gekauft, in den Tagen nach dem Kauf stieg die Nachfrage und der Preis, der auf der Website verlangt wurde. Die Karte kam nie an, trotz wiederholter Mails an die Agentur. Ich vermute, weil jemand einen höheren Preis gezahlt hatte. Einen Tag vor dem Spiel – nach zunehmend schärferen Beschwerdemails – erhielt ich die Nachricht, mein Geld werde zurücküberwiesen. Meine Fragen bekam ich nie beantwortet.

Bei einer anderen Agentur ergatterte ich kurzfristig ein Ticket, Kategorie 1, Ursprungspreis 660 Dollar, es war ausgestellt auf die „Football Union of Russia“. Im Stadion saß ich dann auch neben drei Russen, die für ihren Verband erkundeten, was sie lernen können für die WM 2018. Ich holte meine Karte heraus, zeigte ihnen den Aufdruck, da wurden sie verlegen nervös. Mein Geld war offenbar das Taschengeld für ihren Brasilien-Trip.

Mein Sitz war mit weißem Kunstleder überzogen, ein weicher Sitz, ich war im VIP-Bereich gelandet, umgeben von wichtigen Leuten, die mehr an Popkorn (Popkorn im Stadion!) Selfies, Bier und Gesprächen interessiert waren als an Fußball, es war das Spiel auf meiner Tour mit der größten Langeweile um mich herum.

Okay, die argentinischen Fans lieben die große Bühne und den Gesang, den werden die deutschen Fans noch ein wenig üben müssen.

Das Spiel war meistens nicht halb so aufregend, und dann sitzt du auf diesen weichen Sesseln und denkst, warum sitzt du hier? Wenn die Stadien nur voll wären mit den Leuten, die mich umgeben, dann sollte man die WM und die Fifa in die Luft jagen.

Aber irgendwo im Stadion sitzen die sechs Peruaner, die mit mir aus dem Hotel ins Stadion gefahren sind, die uns zusammen wirklich an jeder Ecke der Strecke geknipst haben, die gespart haben auf dieses Halbfinale, die wie alle Südamerikaner den Argentiniern jede Niederlage wünschen, die den deutschen Siegessong der letzten Nacht (Rio de Janeiro, o-ho-ho-hoo) vor sich hin schmettern, die dieses Fest genießen, als würde Peru im Endspiel stehen, die mich nach Claudio Pizarro fragen und nach Werder Bremen, die Fußballfreunde sind und dankbar dafür, dass es so etwas wie eine WM gibt. Bei jedem der elf Spiele, bei denen ich war, habe ich solche Leute getroffen, beim deutschen Triumph die beiden Iren, die mich nach Irland eingeladen haben, wenn Deutschland Weltmeister wird, als Dank dafür, dass ich unsere Taxe bezahlt habe.

Trotz Kommerz, trotz Fifa-Diktatur, trotz Räubereien: Diese Menschenfreude ist das Geheimnis der WM. Diese Menschenfreude ist kindlich, zugegeben, vor allem Männer werden wieder zu Kindern, sie laufen den ganzen Tag in kurzen Hosen und Trikots herum, sie malen sich bunt an, und für vier Wochen besteht das Leben nur aus dem Ball, so wie früher, als die einzige Sorge war, das die Laternen angingen und man nach Hause musste.

Zweimal noch schlafen, dann ist Endspiel!

Wie wacht man auf, am Tag des WM-Finales? Ich habe mir heute vorgestellt, wie Müller, Hummels und Co. die Augen aufschlagen, und sich in ihr Gehirn langsam wieder die Erkenntnis schiebt, dass sie in acht Stunden das Spiel ihres Lebens haben, wahrscheinlich. Ein zweites WM-Finale miterleben, unwahrscheinlich. Das gilt auch für mich, das gilt für viele Fans.

Ich habe erst mal zum Himmel geschaut, blauer Himmel, nicht mehr diese graue Hamburger Suppe der vergangenen Tage, dann geguckt, ob das Ticket noch da ist, das ich gekauft habe, dann geprüft, ob das Trikot trocken ist. Und dann überlegt, ob ich mich an der Copacabana warmlaufe oder direkt ins Stadion fahre. Die Avenida Atlântica ist seit vorvergangener Nacht von argentinischen Fans zugeparkt, die in ihren Autos schlafen und auch gerne brasilianische Autos bepinkeln.

Ich habe mich entschieden, direkt ins Maracanã zu fahren, aus Angst um meine Karte. Jetzt an der Copacabana ausgeraubt zu werden, die Karte und das Spiel des Lebens zu verlieren - kein Risiko, auf Sicherheit spielen.

Auf dem Bahnsteig allerdings gedacht, mit Blick auf drei Typen, die nicht in Endspiellaune waren: Wenn ich hier als Gangster unterwegs wäre, wäre das mein Tag, der Coup meines Lebens. In der Metro zum Stadion haben fast alle eine Karte, jede Karte hat vorm Stadion jetzt einen Preis von mindestens 2000 Dollar, etwa hundert Leute in jedem Waggon, 20 Waggons - macht vier Millionen Dollar, pro Zug! Hier rollt gleich ein unbewachter Geldtransport über die Schienen! Gangster von Rio, hört ihr das? Oder seid ihr gleich da drin und begrüßt mich lächelnd?

"Die singen vor dem Spiel, wir nach dem Spiel", flüstert mir eine Deutsch-Brasilianerin zu, die neben mir in der Metro sitzt. Alle Brasilianerinnen gucken heute so verschwörerisch, als seien sie alle Deutsch-Brasilianerinnen. Zwischen der Metrostadion und dem Stadion liegt die Brücke der Leiden, bewohnt von den armen Schweinen, die es bis hierher geschafft, aber keine Karte haben. In den Tagen vor dem Finale kursierten die wildesten Storys über die Kartenpreise, jetzt ist der Moment der Wahrheit. Mindestens 50 Leute, die Pappschilder hochhalten und Karten kaufen wollen, weit und breit keiner, so sieht es aus, der Tickets verkaufen will. Die Deutschen, die da stehen wie Bettler und nicht wie Käufer, haben schon die Verzweiflung von ein paar Tagen Feilschen im Gesicht. Sie geben den Niederländern die Schuld: Wenn die nicht gegen Argentinien verloren hätten, dann wären die Zehntausenden Argentinier nicht über die Grenze geströmt. Gegen Messis Bodentruppen kommen die Deutschen nicht an. Und dann steht hier nicht mal eine Großbildleinwand, auf der man den Anfang des Spiels verfolgen, so die Preise drücken und dann noch mal zuschlagen könnte. Und Klos sind auch weit und breit nicht zu sehen. Alles Vorteile für die Verkäufer. Aber die meisten Karten sind sowieso am Vorabend in den Hotels an der Copacabana gehandelt worden.

Das Maracanã lächelt mir zu, geschafft, mit Karte alle Hindernisse überwunden. Das ist der Ort, an dem in 90 oder 120 Minuten darüber entschieden wird, ob Müller, Lahm und ich als Gewinner nach Hause fahren.

Im Finale zu stehen, das ist für den Fan, den Shareholder im Nationaltrikot, die Bestätigung, alles richtig gemacht zu machen. Er ist am richtigen Ort, und alle wissen, dass er am richtigen Ort ist. Er fährt die Dividende ein. Das Finale zu gewinnen, das ist der Bonus. Neben mir in Block 530 sitzt ein bulliger Bauschlosser aus Magdeburg, der am Freitag sein Ticket für 2500 Euro bei Ebay gekauft hat und danach einen Flug für 1900 Euro. Und auch für seine Frau. Am Dienstag geht es zurück. Sein Motto: Wenn wir Weltmeister werden, dann war ich dabei. Wenn nicht, dann war es eine tolle Reise.

Er hat schon sechs Plastikbecher unterm Sitz aufgestapelt. Bei jedem Spiel der WM steht auf den Bechern, in denen Coca-Cola oder Budweiser ausgeschenkt wird, bei welchem Spiel der Fan aus dem Becher getrunken hat. Das ist clever und führt dazu, dass die Leute mit Türmen von Bechern nach Hause gehen. "Aus dem Becher wird noch mein Urenkel trinken", raunt mir ein deutscher Fan - Typ Filialleiter bei Edeka - in der Halbzeitpause des 7:1 an der Coke-Theke zu. Das war auch der, der zischte, man dürfe jetzt nicht locker lassen, kein Mitleid haben mit den Brasilianern. Was können wir dafür, dass die so eine miese Mannschaft haben. Voll drauf, noch mal fünf Dinger, kein Erbarmen mit den Zuschauern, Rache für Ghana und Algerien, da haben die gegen uns geschrien und gepfiffen.

Ist es die schönste Hymne bei dieser WM? Argentiniens Loblied klingt wie die Vertonung eines Sturmlaufs von Messi, die Fans singen während des Intros nur ein langgezogenes "Oooooooooh".

Was sich da unten auf dem Rasen entfaltet, ist das geduldige Duell zweier intelligenter Teams. Es ist nicht der Rausch aus Belo Horizonte (7:1) oder der Tanz aus Salvador gegen Portugal, aber es ist genau die Art von Spiel, die typisch ist für den Fußball, das Drama des Unberechenbaren, das jederzeit in die eine oder andere Richtung kippen kann. Als José Mourinho mal auf den 5:4-Sieg eines nächsten Gegners angesprochen wurde, soll er gesagt haben: "Das hat mit Fußball nichts zu tun, das muss eine andere Sportart sein."

Die Zuschauer müssen dem Hin und Her eines solchen Spiels gewachsen sein. Sie müssen vergebene eigene Chancen ebenso wegstecken wie Riesenchancen des Gegners, im Dialog mit der Mannschaft müssen sie durch ihre Sprechchöre Energiereserven mobilisieren und gegnerische Energie absorbieren, auch die Energie der gegnerischen Fans. Die deutschen Fans leisten in dieser wie auch den vorherigen Spielen weltmeisterliches: etwa 28-mal "Superdeutschland, ole, ole" , etwa 22-mal "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid" (mit entsprechendem Aufstehen natürlich), 18-mal "Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher" (mit lang anhaltendem Hüpfen), elfmal "Hurra, die Deutschen, die sind da", 35-mal andere Sprechchöre. Dazu 40-mal Aufstehen bei spannenden Momenten auf dem Spielfeld, bei Freistößen, Ecken und zum Bier holen.

Hier ist Anfeuerung plus vergebene deutsche Chance:

Hier haben die Argentinier eine Ecke mit folgender Riesenchance:

Hier der Klassiker:

Hier eine vergebene Chance kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit:

Und hier, was passiert hier?

Hier verschießt Messi kurz vor Schluss einen Freistoß:

Und hier ist Schluss, Deutschland ist Weltmeister:

Was macht man in Rio, wenn man Weltmeister geworden ist? Man zieht an den Strand, sieht zu, dass man nicht ausgeraubt wird und singt, was man so singt, wenn man Weltmeister geworden ist und noch nicht ausgeraubt wurde.

Und man schwenkt natürlich den Pokal, den man gewonnen hat.

Wenn man aufwacht, nachdem man kaum geschlafen hat, denkt man daran, was Lahm, Götze und Co. wohl denken, wenn sie jetzt denken. Keine Ahnung, die schlafen wohl noch. Aber ich denke darüber nach, was Brasilien mit mir, mit uns gemacht hat.

Was war anders, als ich es mir, als wir es uns vor der Reise vorgestellt haben?

Das Essen war besser, der Verkehr auch (Flughäfen!), die Stadien, die Organisation, das Wetter war schlechter und darum besser, Löw war viel besser, Boateng, Hummels, Kroos, Schweinsteiger, alle waren besser, als gedacht, Götze war in der 113. Minute besser als gedacht, die Argentinier im Finale besser als erwartet, alle Spiele im Achtelfinale, die Spielsysteme der Mannschaften waren variantenreicher.

So freundlich wie erwartet waren die Brasilianer, die Proteste gegen die WM so schwach wie gedacht, die Engländer so schnell weg wie üblich.

Schlechter waren die Brasilianer, die Spanier und die Italiener, die Tangas, so viele und so nackte Popos will man nicht sehen. Noch schlimmer als erwartet waren: die Fifa, Suárez und das Sponsorentamtam. Schlapper waren (Achtung Überraschung!) die Gangster (hab halt Pech gehabt). Handy weg, aber Pokal mitgehen lassen, das ist okay.

Und nun? Weiß ich auch noch nicht. Muss mir unbedingt so eine Pokalkopie kaufen und zu Hause auf den Schreibtisch stellen. Schreibtisch? Urlaub beantragen. Und erst mal kein Stadion betreten.

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