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WM-Tagebuch: Unser Weg nach Rio

Wenn man den Fußball liebt, wenn man eine WM nicht als Reisegruppenfan erleben will oder als Journalist, wenn man sich durch Brasilien treiben lässt auf der Route der schönen Spiele von Salvador bis Rio de Janeiro - dann erlebt man, was Cordt Schnibben erlebt hat.

ROAD TO RIO

30 Tage, die nicht die Welt veränderten, aber mein Leben

Erst Ronaldo entzaubert, dann Brasilien zerlegt, dann Messi bezwungen - wie die deutschen Fans die Tour durch Brasilien bis zum Finalsieg im Maracana erlebten. Von Cordt Schnibben.

Didi, Vavá, Garrincha, Pelé - das waren die Namen, die wir vor uns hermurmelten, wenn wir aufs Tor zustürmten. Wir hatten sie kaum spielen sehen, in den Sechzigern tauchten brasilianische Fußballer im deutschen Fernsehen nur zur WM auf, aber sie kamen aus dem Land, das für uns das Mutterland des Fußballs war. So setzte sich im Kinderkopf der Traum fest, da musst du hin, nur da ist die WM zu Hause. Und so saß ich am 15. Juni wie ein Kind im Condor-Flug von Frankfurt am Main nach Salvador da Bahia, fünf Tickets im Handgepäck, erkämpft im monatelangen Ringen mit der Website der Fifa. Bei der WM in Deutschland hatte ich am Ende 26 Spiele gesehen, also war ich guter Hoffnung, auch in Brasilien an weitere Tickets zu kommen. Irgendwo über dem Atlantik meldete sich der Steward, dass in Reihe 23, Platz H, vier Tickets für Italien gegen Uruguay zu haben seien, und in Reihe 16 acht Tickets für Deutschland gegen Ghana und auch für das Spiel um Platz drei. Ging also schon mal gut los im Himmel.

Und es wurden vier Wochen daraus, die oft nahe am Himmel waren, in denen man aber nie genau wusste, wie weit man von der Hölle entfernt ist. Brasilien machte es mir leicht, mich wie ein Kind zu fühlen, das Land und die Menschen haben etwas von Kindergeburtstag – einerseits. Andererseits sitzt dir immer die Angst im Nacken, etwas falsch zu machen und in Situationen zu kommen, die die Warnungen bestätigen, die dir im Kopf herumschwirren. Ich bin ein typischer Fußballfan, weil ich von Brasilien nicht mehr wusste, als alle die, die hier in weißen, blauen oder roten Trikots herumgelaufen sind. Das Buch "Gebrauchsanweisung für Brasilien" gelesen, mit ein paar Freunden geredet, ansonsten sich aber mehr mit Aufstellungssorgen, Formkurven und Hotelempfehlungen beschäftigt. Was ein Fan eben so macht, wenn er sich auf eine WM vorbereitet. Als es dann mal richtig ernst wurde, hat mir das alles nichts genutzt, aber dazu später mehr.

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