Italiens WM-Aus Prandellis wütender Abschied

Italiens Fußball liegt nach dem WM-Aus in Trümmern. Nationaltrainer Cesare Prandelli trat nach der Niederlage gegen Uruguay zurück und rechnete mit seinen Kritikern ab. "Wir haben keinen Sinn für Patriotismus", schimpfte er.

Getty Images

Aus Natal berichtet


Natürlich sah Cesare Prandelli auch in seinem schwersten Moment als Nationaltrainer hervorragend aus. Der Anzug saß, die Frisur lag akkurat, selbst als die blanke Wut aus ihm herausbrach behielt der Trainer der italienischen Nationalmannschaft die Contenance. Er habe den Verbandschef darüber informiert, dass er zurücktreten werde, berichtete Prandelli zunächst noch sehr gefasst. Er sei "als Technischer Direktor verantwortlich für das sportliche Resultat", und das sei nach dem 0:1 gegen Uruguay und dem Vorrunden-Aus nun mal schlecht. Aber als ein Journalist die Hand hob, um eine Frage anzumelden, wurde Prandellis Stimme scharf. "Warten Sie bitte", sagte er ein paar Nuancen zu unfreundlich. Er war nämlich noch längst nicht fertig.

Prandelli wirkte deprimiert über die Zustände in seiner Heimat. "Wir haben keinen Sinn für Patriotismus", zürnte der 56-Jährige. Die Gründe für das Scheitern sieht er nicht allein auf dem Rasen, sondern auch im angeblichen Widerstand in Teilen der italienischen Gesellschaft. "Wir wurden mit einer Aggressivität kritisiert, als wären wir eine politische Partei", sagte Prandelli.

Die Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. Besonders getroffen hatte ihn offenbar, dass er für eine Gehaltserhöhung kritisiert worden war, die mit seiner Vertragsverlängerung verbunden war. Der italienische Verband wird mit öffentlichen Geldern subventioniert, was Prandelli den Vorwurf einbrachte, sein Millionengehalt werde aus der Staatskasse bezahlt. Das hat den Trainer schwer gekränkt.

Fotostrecke

20  Bilder
WM 2014: Italien nach dem Aus
Klar ist aber auch: Diese Störfaktoren waren nicht der Grund für die beiden 0:1-Niederlagen gegen Costa Rica und gegen Uruguay. Italien hat einfach nicht gut gespielt. Und dass Prandelli die Ursache für das sportliche Desaster weniger bei sich als beim Schiedsrichter suchte, der Claudio Marchisio nach einer Stunde die Rote Karte gezeigt hatte, war kein Zeichen von Größe. Man kann über den Platzverweis diskutieren, völlig unberechtigt war er aber nicht. "Bis dahin haben wir mehr Ballbesitz gehabt und das Spiel kontrolliert", sagte Prandelli, danach sei den Italienern das Spiel entglitten. Und dass die aberwitzige Bissattacke von Luis Suárez gegen Giorgio Chiellini nicht geahndet wurde, war tatsächlich eine Fehlentscheidung.

Prandelli hat das Nationalteam verändert

Wahrscheinlich wird Suárez für seinen Wahnsinn nachträglich bestraft, aber das hilft den Italienern natürlich nicht weiter. Und so befinden sie sich nun inmitten einer Zäsur, denn eigentlich hatte Prandellis Einfluss als Nationaltrainer sehr gut getan. Gegen Anfeindungen aus unterschiedlichen Richtungen machte er mit Mario Balotelli 2010 erstmals einen Schwarzen zum Nationalspieler, er forderte offen bürgerliche Aufrichtigkeit im moralisch angeschlagenen Land des Silvio Berlusconi, außerdem veränderte Prandelli das Spiel der Squadra Azzurra.

Den alten Catenaccio schaffte er ab, er wollte Leichtigkeit, spielerische Elemente und Schönheit sehen, von einer "Kulturrevolution" war die Rede. Nun ist Prandelli auch an den grundlegenden Widerständen gegen eine solche Entwicklung gescheitert. An einer Gesellschaft, die immer unsolidarischer geworden ist, in der jeder "ein Shareholder" sei, wie er in seiner Abschiedsrede sagte. "Es gibt so viele unterschiedliche Interessen da draußen, jeder denkt nur an seine eigene Sache, uns ist der Gemeinschaftssinn abhanden gekommen." Und da der Verbandspräsident Giancarlo Abete den Trainer zwar bat, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken, zugleich aber selbst zurücktrat, liegt Italiens Fußball in Trümmern. Er wolle "den Weg für einen Neuanfang frei machen", meinte der Funktionär. Wie die Zukunft ohne Abete und Prandelli aussehen könnte, wird sich vermutlich erst in den kommenden Wochen zeigen.

Die Spieler, die den Kompletteinsturz am Ende auslösten, waren nach der Partie erst mal zwei Stunden in der Kabine geblieben, nur der arme Gianluigi Buffon war von den Fans zum Spieler des Spiels gewählt worden, und musste nun die hässliche Trophäe für die an diesem Tag äußerst zweifelhafte Ehre entgegennehmen: "Das ist ein sehr, sehr trauriger Tag für mich, für die Mannschaft und für die ganze Nation". Der 36-jährige Torhüter hat möglicherweise auch sein letztes Länderspiel bestritten, aber das war angesichts der Dynamik, die dieser Abend genommen hatte, nur noch Nebensache.

Italien - Uruguay 0:1 (0:0)
0:1 Godin (81.)
Italien: Buffon - Barzagli, Bonucci, Chiellini - de Sciglio, Darmian- Verratti (75. Minute Motta) Pirlo, Marchisio - Balotelli (46. Minute Parolo), Immobile (71. Minute Cassano)
Uruguay: Muslera - Álvaro Pereira (63. Minute Stuani), Godin, Gimenez, Caceres - Lodeiro (46. Minute MaxiPereira) Arevalo Rios, Gonzalez, Rodríguez (78. Minute Ramirez) - Cavani, Suarez
Schiedsrichter: Rodriguez (Mexiko)
Zuschauer: 39.706
Gelbe Karte: Balotelli, De Sciglio - Arevalo Rios, Muslera
Rote Karte: Marchisio

insgesamt 166 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fessi1 25.06.2014
1. ach, das trifft nicht nur auf Bella Italia zu...
"Es gibt so viele unterschiedliche Interessen da draußen, jeder denkt nur an seine eigene Sache, uns ist der Gemeinschaftssinn abhanden gekommen." Wir denken und leben ja heute global. Wir müssen vorankommen, um irgendwie noch auf die Seite der Gewinner zu kommen, bevor es bergab geht. Was kümmern einen da die Probleme des direkten Umfeldes. Und nun schalten wir zum Fussball...
Tekky 25.06.2014
2. spät, aber doch nicht so spät...
"Gegen Anfeindungen aus unterschiedlichen Richtungen machte er mit Mario Balotelli 2010 erstmals einen Schwarzen zum Nationalspieler..." Giovanni Trapattoni berief bereits am 25. April 2001 Fabio Liverani zu einem Länderspiel gegen Südafrika als ersten Spieler mit dunkler Hautfarbe in das italienische Nationalteam.
franklempferdt 25.06.2014
3. Italiens WM Aus
wann endlich werden diese Trikot Reißszenen, abtsichtliche Tritte, ect. konsequent von der 1. bis zur letzten Minute bestraft. So geht der Fußball kaputt, Nettospielzeit gefühlte 40% !! Von Blatter bis zu den Schiedsrichter Verantwortlichen nur unfähige Leute. ... übrigens, was kann man von Italien und Urugay auch anderes verlangen,außer kloppen,treten und beißen. ich hoffe in 4 Jahren sehen wir beide nicht, dafür erfrischenden afrikanischen Fußball.
Vex 25.06.2014
4. kann den Ärger über den Schiri schon verstehen
"Man kann über den Platzverweis diskutieren, völlig unberechtigt war er aber nicht." Was soll das denn bitte bedeuten ? Klar war das ein Foul und man kann Gelb dafür geben aber es war eine völlig unberechtigte glatt Rote Karte. Wenn das der Maßstab für rot ist dann hätte es schon locker 20 bei der WM geben müssen. Und die Sache mit Suarez ist für mich Sonnenklar der sollte nie wieder einen offiziellen Fussballplatz betreten dürfen. Ich finde es schon enorm erbärmlich von seinen Mitspielern und dem Trainer das sie da nichts unternehmen oder ihn sogar noch decken ....
best1964 25.06.2014
5. fusball spielen....
....heisst, gestalten und nicht nur verwalten. Balotelli hatte einen rabenschwarzen Tag und wurde von seinen Kollegen quasi ignoriert. Ohne Sturm und Drang kommt man so nicht zum Erfolg. Schon gar nicht gegen Mittel- bzw. Südamerikanische Teams.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.