Matchwinner Hummels Plötzlich Chef

Er erzielte das Siegtor und entschärfte zahlreiche gegnerische Angriffe: Mats Hummels war beim Viertelfinalsieg gegen Frankreich der Matchwinner - weil er sich in eine neue Rolle gefügt hat.

Aus Rio de Janeiro berichten und


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Mats Hummels ging bis zur Eckfahne der gegnerischen Mannschaft. Immer wieder ließ er seinen Kopf hängen, wuschelte sich mit seiner Hand durch seine Haare. Er baute sich vor der steilen Tribüne des neuen Maracanã-Stadions auf, sein Blick suchte die Zuschauerreihen ab. Er stand ganz allein da, klopfte sich auf sein Herz und machte eine werfende Geste. Hummels wirkte glücklich, müde und erleichtert.

Dazu hatte der robuste Innenverteidiger auch allen Grund. In der 13. Minute erwischte er einen perfekt getretenen Freistoß von Toni Kroos mit dem Kopf und erzielte die Führung für das DFB-Team. Eine Führung, die Gold wert war, weil sie dem deutschen Team früh die Möglichkeit gab, sich in die eigene Hälfte zurückzuziehen und auf Konter zu lauern. Dass diese Führung am Ende auch das Siegtor sein würde, konnte zu diesem Zeitpunkt allerdings niemand ahnen.

"In der Bundesliga war ich zuletzt sehr unzufrieden mit meiner Kopfballausbeute. Umso besser, dass es bei dieser WM läuft", sagte Hummels, der in der vergangenen Ligaspielzeit für Borussia Dortmund insgesamt so viele Treffer erzielte wie bisher bei diesem Turnier: zwei.

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Deutschland besiegt Frankreich: Hummels trifft, Schürrle scheitert
Defensiv-Tandem mit Boateng

Allein für dieses so eminent wichtige Tor gegen Frankreich hätte sich Hummels am Ende des Spiels zu Recht vom Weltverband Fifa als "Man of the Match" feiern lassen können. Doch das würde die Leistung des Abwehrmanns von Borussia Dortmund nur zu einem kleinen Teil abbilden. Denn in dem Duell mit den Franzosen war Hummels auch an der Bereinigung zahlreicher brenzliger Szenen beteiligt, war in der Defensive fast fehlerfrei. Und das, obwohl er erstmals bei diesem Turnier eine völlig neue Rolle ausfüllen musste.

Denn Hummels, der vor dem Viertelfinale gegen Algerien noch grippekrank passen musste, wurde von Trainer Joachim Löw diesmal zu einem Defensiv-Tandem mit Jérôme Boateng zusammengeschweißt. Die beiden Innenverteidiger, die sich bei dieser WM bislang als Partner an der Seite des etablierten Abwehrchefs Per Mertesacker abgewechselt hatten. Löw entschied sich für dieses Gespann, weil es schneller ist als der Hüne Mertesacker.

Doch diese Umstellung rüttelte auch unweigerlich an den bestehenden mannschaftsinternen Hierarchien. Boateng, der eher ruhige, schüchterne Innenverteidiger, ist kein Führungsspieler. Keiner, der auf dem Platz Kommandos gibt. Er macht seinen Job bislang konzentriert, egal ob ihn Löw im Abwehrzentrum oder auf der rechten Außenposition aufbietet. Einen Anspruch, die Mannschaft auch zu führen, hat Boateng nie gestellt.

2012 noch der Buhmann

Bei Hummels sieht das anders aus. Der Abwehrspieler vom BVB sehnt sich nach Verantwortung, benötigt das Gefühl, gebraucht zu werden. Trainer wie Jürgen Klopp, die Hummels uneingeschränkt vertrauen und ihm auch mal einen Aussetzer verzeihen, bekommen langfristig sehr viel Leistung zurückgezahlt.

Löw hingegen hat diese Gefühle bei Hummels nicht immer erzeugen können. Als Deutschland 2012 im Halbfinale ausschied, gab Löw auch Hummels die Schuld dafür. Der heute 25-Jährige hatte damals einen Stellungsfehler begangen und dadurch eine Flanke von Antonio Cassano zugelassen. Auch nach dem Freundschaftsspiel gegen Paraguay 2013 ließ Löw Kritik an Hummels durchblicken.

Zudem - und das war ein leidiges Thema zwischen den beiden - verbot Löw Hummels, lange Bälle aus dem Abwehrzentrum zu spielen. Dies gehört in Dortmund zu Hummels stärksten Waffen, für Löw war es nichts.

Oberschenkel, Schenkel, Kopf - Hummels blockt alle Bälle

Dass Hummels trotz dieser atmosphärischen und inhaltlichen Differenzen nun bei dieser WM zum uneingeschränkten Stammspieler werden würde, war vor dem Turnier auch unter Experten umstritten. Doch Löw baute bereits im Trainingslager auf den intelligenten Abwehrspieler des BVB. Gleichzeitig reduzierte der Trainer das Aufgabenfeld von Hummels. Den Spielaufbau übernahmen andere, zudem hörte Hummels auf, seine Außenverteidiger beim Pressing zu unterstützen. Auch dies gehört in Dortmund zu seinem Tätigkeitsfeld.

In den Gruppenspielen wirkte er durch diese Reduktion klarer, stringenter in seinem Spiel. Seine Konzentrationsfehler, die ihn in den vergangenen Jahren begleiteten, blieben bislang aus. Möglicherweise ist auch dies ein Grund, warum Löw sich nun dazu entschlossen hat, Hummels mit noch mehr Verantwortung auszustatten. Gegen Frankreich agierte der Innenverteidiger wie ein klassischer Abwehrchef. Er blockte etliche Schüsse des Gegners mit seinem Oberkörper, seinen Schenkeln, seinem Kopf. Er grätschte brenzlige Situationen gegen Karim Benzema im letzten Moment weg. Er gab mit seiner Körpersprache, seiner Souveränität auch seinen Mitspielern - insbesondere Boateng - Sicherheit.

Löw wird genau registriert haben, dass Hummels seine neue Rolle sehr gefiel.

Frankreich - Deutschland 0:1 (0:1)
0:1 Hummels (13.)
Frankreich: Lloris - Debuchy, Varane, Sakho (ab 72. Koscielny), Evra - Pogba, Cabaye (ab 73. Rémy), Matuidi - Valbuena (ab 85. Giroud), Benzema, Griezmann
Deutschland: Neuer - Lahm, Boateng, Hummels, Höwedes - Khedira, Schweinsteiger - Müller, Kroos (ab 90.+2 Kramer), Özil (ab 83. Götze) - Klose (ab 69. Schürrle)
Schiedsrichter: Nestor Pitana (Argentinien)
Zuschauer: 74.240
Gelbe Karten: - Khedira, Schweinsteiger

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Klartext_2Punkt0 05.07.2014
1. hummels ist einer der besten innenverteidiger der welt!
ich verstehe den artikel nicht ganz. da wird von konzentrationsfehler bei hummels gesprochen, differenzen mit dem bundestrainer etc.... lasst den jungen doch spielen! klopp lässt anders spielen als löw! kein problem! weder für klopp. löw, noch hummels dass löw seine spieler harsch kritisiert, kenne ich nicht! da wird eine mücke zum elefanten gemacht. übrigens ist das alles sehr kurz gegriffen. gegen algerien wurde an bastian schweinsteiger wegen konditioneller probleme rumgemäckelt. aber was musste der arme kerl auch laufen und sprinten um die abspielfehler und ballverluste von ösil, kross usw. zu kompensieren. bei hummels ist es ähnlich! spielt das mittelfeld gut, hat die abwehr weniger druck und kann sich besser 'konzentrieren' oder 'stellen'. es passieren dann plötzlich keine kontentrations- und stellungsfehler
coppsi 05.07.2014
2. Löw und Hummels und Özil
Löw sollte dich erst mal an die eigene Nase fassen. Blind zu erkennen, das sein Lieebling Özil in allen Spielen bisher sich nicht einmal Aktiven Kampfgeist gezeigt hat. Körperloses Spiel , Fehlpässe und jeden Zweikampf beim Angriff verloren, wenn ef mal vergass zuvor schnell einen Rückpass zu machen. Löw zeichnet sich durch mangende Flexibilität aus, wenn sein Konzept nicht aufgeht. Özil tauscht er erst 5 Minuten vor Spielende aus anstatt zur Halbzeit. nur als Beispiel. Eine Null in Sachen Feingefühl im Vergleich zu Klopp.
nemensis_01 05.07.2014
3. Endlich
wieder Tore aus Standards. Man hat fasst das Gefühl, Löw hat sich nach den vergangenen Turnieren doch eines besseren Belehren lassen. In manchen Dingen. So kann man Weltmeister werden. Und ab Halbfinale muss natürlich auch das Glück passen.
Ausfriedenau 05.07.2014
4. Frage ist zu stellen:
Zitat von sysopGetty ImagesEr erzielte das Siegtor und entschärfte zahlreiche gegnerische Angriffe: Mats Hummels war beim Viertelfinal-Sieg gegen Frankreich der Matchwinner - weil er sich in eine neue Rolle gefügt hat. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-mats-hummels-gegen-frankreich-der-matchwinner-a-979345.html
Ist Löw noch der richtige Trainer? Löw ist zu unflexibel, um sich mit seiner Mannschaft auf die Spielweise der gegnerischen Mannschaft einzustellen. Er hält stur an seinem Konzeptfussball mit seinen bewährten Kickern fest und lässt sie spielen, selbst wenn einige sichtbar außer Form sind. Er meint, dem "Gegner" ohne wenn und aber sein Spiel aufzwängen zu müssen! Er merkt nicht, dass dies bei südamerikanischen Mannschaften nicht zum Erfolg führen kann. Diese Mannschaften sprengen mit ihrer Dynamik und Körperlichkeit das Löwsche System. Zur ersten Einsicht und Umstellung der Mannschaft gegen Frankreich wurde er von außen gezwungen. Dies war gut so, basiert aber offensichtlich nicht auf seiner Einsicht. Löw sollte nach der WM zurücktreten.
axelmueller1976 05.07.2014
5. Hallo Klartext Hummels hat Super
Zitat von Klartext_2Punkt0ich verstehe den artikel nicht ganz. da wird von konzentrationsfehler bei hummels gesprochen, differenzen mit dem bundestrainer etc.... lasst den jungen doch spielen! klopp lässt anders spielen als löw! kein problem! weder für klopp. löw, noch hummels dass löw seine spieler harsch kritisiert, kenne ich nicht! da wird eine mücke zum elefanten gemacht. übrigens ist das alles sehr kurz gegriffen. gegen algerien wurde an bastian schweinsteiger wegen konditioneller probleme rumgemäckelt. aber was musste der arme kerl auch laufen und sprinten um die abspielfehler und ballverluste von ösil, kross usw. zu kompensieren. bei hummels ist es ähnlich! spielt das mittelfeld gut, hat die abwehr weniger druck und kann sich besser 'konzentrieren' oder 'stellen'. es passieren dann plötzlich keine kontentrations- und stellungsfehler
gespielt und uns ins das Halbfinale gebracht .Wer da noch kritisiert sollte die Vereinsbrille absetzen.Bin zwar kein BVB-Fan weil ich Klopp nicht mag aber Hummels hat Deutschland weitergebracht und ein Super Spiel abgeliefert. Gratulation von einem Schalke-Fan.
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