Drei Thesen zur WM Der Ballbesitzfußball ist am Ende

Spaniens Tiki-Taka-Fußball ist schon im Achtelfinale an der russischen Defensive zerschellt. Eine Lehre dieser Endrunde lautet: Dominanz wird immer wertloser.

Artem Dzyuba jubelt, Spanien trauert
Getty Images

Artem Dzyuba jubelt, Spanien trauert

Von und Philip Dehnbostel


1. Das Ballbesitzspiel ist am Ende

Das Viertelfinale der WM 2018 wird ohne die beiden Finalisten von 2014 stattfinden, Argentinien und Deutschland sind früh ausgeschieden. Auch der amtierende Europameister Portugal und der Weltmeister von 2010, Spanien, fehlen in der Runde der letzten acht. Wie kann das sein?

Nach dem Ausscheiden der Argentinier und Portugiesen haben wir bereits das unflexible und behäbige Spiel der beiden Mitfavoriten kritisiert. Auch Deutschland und Spanien fehlte es vor allem an Tempo, um die Defensive des Gegners zu überraschen. Die Spanier kamen in ihrem Achtelfinale nicht gegen das russische Abwehrbollwerk an. Dabei konnten sie noch nicht einmal auf ein besonderes Abschlusspech verweisen. Es gab ganz einfach nur sehr, sehr wenige Tormöglichkeiten für die Spanier.

Die spanische Nationalmannschaft, die im vergangenen Jahrzehnt wie keine andere für das Auseinanderspielen der gegnerischen Defensive stand, wirkte ideenlos, zeigte so gut wie keine Kreativität. Außer Isco suchte niemand das Dribbling, riskante Aktionen gab es kaum. Stattdessen wurde der Ball lange in den eigenen Reihen gehalten, dabei auf die individuelle Klasse vertraut. Wie beim DFB-Team mutete die alleinige Konzentration auf das Ballbesitzspiel altbacken an. Auch die vermeintlich kleineren Teams können ein solches Ballgeschiebe inzwischen ohne Probleme verteidigen. Deswegen ist nach Deutschland auch Spanien verdient aus dem Turnier ausgeschieden. Es könnte das Ende einer Epoche sein.

2. Entscheidend ist zwischen den Pfosten

Große Turniermannschaften brauchen große Torhüterleistungen. Das wissen wir nicht erst seit Danijel Subasics und Igor Akinfeevs Leistungen in den Elfmeterschießen ihrer Teams. 2010 rettete Iker Casillas mit seiner legendären Parade gegen Arjen Robben im WM-Finale, Spanien wurde Weltmeister. 2014 erfand Manuel Neuer das Torwartspiel in gewisser Hinsicht neu, Deutschland wurde Weltmeister. Fazit: Ohne überragenden Torhüter wird es nichts mit dem WM-Pokal.

Matchwinner Igor Akinfeev
AFP

Matchwinner Igor Akinfeev

Das mussten bei dieser WM auch die Spanier erfahren. David De Gea ist einer der besten Torhüter der Gegenwart, bei Manchester United zeigt er starke Leistungen am Fließband und soll nun sogar zum bestbezahlten Torhüter der Welt aufsteigen. Eine WM ist aber noch einmal etwas ganz Besonderes - das musste De Gea schmerzhaft erfahren. Zehn Gegentore bei elf Torschüssen - Elfmeter unfairerweise eingerechnet - werden seinem Ruf nicht gerecht.

Wenn der eigene Angriff stottert und auch mal ein 1:0 über die Zeit gerettet werden muss, braucht es manchmal einen herausragenden Schlussmann. Bestes Beispiel dafür ist: Portugal. Bei der EM in Frankreich vor zwei Jahren hielt Rui Patrício überragend, spielte in sieben Spielen viermal zu null. Portugal schoss im ganzen Turnier während der regulären Spielzeit nur sieben Tore - und wurde Europameister.

3. Der feine Unterschied

In der 115. Minute des Achtelfinals zwischen Kroatien und Dänemark schickte Luka Modric seinen Angreifer Ante Rebic allein auf das Tor zu. Der umkurvte Kasper Schmeichel und stand vor dem leeren Tor. Als Rebic gerade einschieben wollte, rauschte Matias Jørgensen heran, grätschte den Kroaten von hinten um. Kein Tor, aber Elfmeter.

Matias Jørgensen foult Ante Rebic
AFP

Matias Jørgensen foult Ante Rebic

Die einzige Frage war: Gelbe Karte oder doch Rot? Schiedsrichter Néstor Pitana zeigte Jørgensen Gelb, die Regeln geben das her. Der dänische Innenverteidiger hatte die Intention, den Ball zu spielen. Hätte Jørgensen Rebic am Trikot gerissen, wäre es Rot gewesen. Aber ist das fair?

Das Tor war leer, der Treffer also nicht mal mehr eine Frage des fußballerischen Geschicks. So ähnlich war es auch im WM-Viertelfinale 2010 zwischen Ghana und Uruguay. Ghanas Dominic Adiyiah köpfte damals in der 120. Minute auf das Tor, in dem nur noch Uruguays Stürmer Luis Suárez stand. Der schlug den Ball mit der Hand aus der Gefahrenzone, kassierte Rot und Ghana bekam einen Strafstoß, den Asamoah Gyan vergab. Uruguay gewann Minuten später im Elfmeterschießen.

Beinahe wäre es auch Kroatien in Nischni Nowgorod so ergangen. Nur dass Jørgensen mit der Gelben Karte sehr milde davonkam. Zu milde. Wer ein klares Tor verhindert - nicht eine bloße Großchance mit Torhüter im Tor - gehört des Feldes verwiesen. Die Regularien sollten in einem solchen Fall zwischen Großchance und sicherem Tor differenzieren.



insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
solltemanwissen 02.07.2018
1.
Vollkommen richtige Analyse, das hat sich allerdings schon im Vereinsfussball abgezeichnet. Die Ballbesitzstatistik kann man getrost vergessen. Derzeit ist Antifussball wie der von Russland erfolgreich - also primärer Fokus auf Zerstören. Man muss natürlich auch so ehrlich sein, dass Spanien Russland den Ausgleich geschenkt hat, denn Offensiv hatte Russland überhaupt keine Idee. Also ist Spanien letztlich selbst Schuld. Und eins ist eben extrem wichtig: Man muss gefährliche Standards im Petto haben. Auch als Mannschaft, die das Spiel gestalten will - daran ist u.a. auch Deutschland gescheitert.
ge1234 02.07.2018
2. Stattdessen...
... lieber Fussball arbeiten statt Fussball spielen, grätschen und rennen statt tricksen und schlenzen! Currywurst statt Haute Cuisine, Bauerntheater statt Oper, Niko Kovac statt Pep! Mir wird schlecht!
birdie21 02.07.2018
3. Unfair.
"Wer ein klares Tor verhindert - nicht eine bloße Großchance mit Torhüter im Tor - gehört des Feldes verwiesen. Die Regularien sollten in einem solchen Fall zwischen Großchance und sicherem Tor differenzieren." Das war wirklich unfair. Vielleicht hätte man zusätzlich zu der gelben Karte für den Dänen (wenn es denn schon kein Rot gab) Ante Rebić per Elfmeter nochmal schießen lassen sollen: OHNE Schmeichel im Tor. Denn der wurde ja bereits überwunden.
jasuly 02.07.2018
4. Ballbesitzfußball ist nicht am Ende.
Ballbesitzfußball ist nicht am Ende. Solange er mit überraschenden Steilpässen in die Tiefe (und Stürmern, die diese Wege auch gehen) kombiniert wird, stellt er eine durchaus erfolgversprechende Strategie. Wenn es so ideenlos praktiziert wird wie heute, dann nicht. Es ist ja nicht so, dass sich die Waagschale nun immer zu Gunsten der Maurer und Konterer, wie z. B. Chelsea oder Manchester United, neigen würde, es ist nicht so, dass Russland jetzt Favorit auf den WM-Titel wäre oder das Spiel gegen Spanien souverän gewonnen hätte ... Mannschaften, die durchaus viel Ballbesitz haben, wie Belgien oder Frankreich, sind weiterhin Topfavoriten. Auch Spanien hatte vor dieser schwachen WM (möglicherweise auch durch den Trainerwechsel bedingt) seit etwa zwei Jahren kein einziges Spiel mehr verloren. Die Champions League wird regelmäßig von spanischen Ballbesitzmannschaften gewonnen (gelegentlich von der Ballbesitzmannschaft Bayern München unterbrochen).
peeweesg 02.07.2018
5. Auch schon bemerkt?
Endlich haben es auch einige „Fachjournalisten“ bemerkt. Die letzte Championsleagesaison hat doch schon gezeigt, dass der Ballbesitzfußball vorbei ist. Bayern ist daran gescheitert, aber immer noch ist dieser Fußball in den Köpfen der Verantwortlichen und der Beobachter. Unser Bundestrainer hätte diesen Wandel erkennen müssen. Der von ihm 2010 kreierte Fußball ist wieder angesagt. Das setzt jedoch technisch versierte Spieler voraus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.