Ägyptens Pleite gegen Russland Warum Salah nicht wie Salah spielte

Für Ägypten ist das WM-Aus nah, trotz Mo Salah. Der Stürmerstar konnte seine Qualitäten gegen Russland nur andeuten. Das lag vor allem an der falschen Taktik. Anderen Teams sollte das eine Warnung sein.

Mohamed Salah
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Mohamed Salah

Aus Sankt Petersburg berichtet


Als das Spiel vorbei und Ägyptens frühes WM-Aus so gut wie besiegelt war, wollte Mohamed Salah nur eines: allein sein. Nachdem der Schiedsrichter die Partie gegen Russland (1:3) beendet hatte, ging Salah in Richtung Spielertunnel, erst langsam, dann, je mehr Menschen ihm begegneten, immer zügiger. Teamkollegen, Betreuer und Trainerteam tätschelten seinen Kopf, sprachen zu ihm. Salah ignorierte sie.

Es ist keine vier Wochen her, da verletzte sich Salah, 26, im Champions-League-Finale nach einem Foul von Sergio Ramos an der Schulter. Die Bilder des auf dem Boden sitzenden Stürmers, der seine Tränen nicht zurückhalten kann, gingen um die Welt. Es wäre also nur allzu verständlich, wollte Salah nicht erneut vor einem Millionenpublikum trauern, sondern ganz für sich.

Der Grund für Salahs Frust war nicht die Niederlage gegen Russland allein, sondern die sich daraus ergebende Konsequenz: Wenn kein Fußballwunder geschieht, war es das für Ägypten bei dieser WM, und das in einer der leichtesten Gruppen des Turniers. Ohne Punkt nach zwei Spielen zu sein, heißt, dass Saudi-Arabien hoch bezwungen werden muss, was zwar möglich ist; allerdings müsste zugleich Uruguay seine beiden verbliebenen Spiele verlieren, auch das gegen Saudi-Arabien am Abend (18 Uhr; TV: ARD; Liveticker SPIEGEL ONLINE). Das klingt weniger realistisch.

Salah dribbelt vorbei

Eigentlich hätte das Spiel für Salah zum Fest werden müssen. Er ist einer der schnellsten Stürmer bei dieser WM, mit dem Ball am Fuß vielleicht sogar der schnellste. Seine Gegenspieler aufseiten der Sbornaja waren Yuri Zhirkov, 34, bei dem erst am Dienstagmorgen klar geworden war, dass er trotz anhaltender Fußprobleme nicht ausfallen würde; und Sergey Ignashevich, der einen Tag vor dem WM-Finale seinen 39. Geburtstag feiern wird. Beide sind weder besonders schnell noch beweglich.

Doch Salah dribbelte kaum an ihnen vorbei. Nachwirkungen seiner Schulterverletzung? Vielleicht. Es brauchte mehrere Anläufe, ehe Ägyptens Trainer Héctor Cúper nach dem Spiel sagte, Salah sei tatsächlich nicht in bester körperlicher Verfassung gewesen. "Drei Wochen hat er uns in der Vorbereitung gefehlt. Natürlich hätte ich ihn gerne dabei gehabt", sagte Cúper auf die ihm eigene zurückhaltend-höfliche Weise.

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WM 2018: Das russische Viertel

Zu Salahs Stärken zählt neben seinem Tempo und seinem Weltklasse-Abschluss, wie er sich an seinen Mit- und Gegenspielern orientiert. Er bewegt sich intuitiv richtig, wenn es darum geht, auf engem Raum zu kombinieren; auch sein Timing für Läufe in die Tiefe ist herausragend. So kam er in der abgelaufenen Saison beim FC Liverpool auf 60 Torbeteiligungen in 52 Einsätzen.

Gegen Russland stand er jedoch meist völlig allein bei Zhirkov, ohne Spieler, mit denen er hätte kombinieren können, ohne Teamkollegen, die ihn schickten. Der erste Fehler der Ägypter: Salahs Hintermann, Rechtsverteidiger Ahmed Fathi, stand meist zu tief. Wäre er in eigenem Ballbesitz vereinzelt so weit aufgerückt, dass Zhirkov ihn hätte im Auge behalten müssen, hätte sich für Salah ein Freiraum ergeben.

Das Team arbeitete zu wenig für Salah

Der zweite Fehler: Wenn dribbelstarke Spieler wie Salah am Ball sind, sind Sprints der Teamkollegen elementar. Sie müssen die Aufmerksamkeit der Verteidiger auf sich ziehen und Pfade für den Dribbler öffnen. Ein Sprint des Stürmers in die Tiefe führt dazu, dass der Abwehrspieler im folgt, schon ergibt sich ein Pfad. Das geschah zu selten.

Es mag ausgesehen haben, als hätte Salah, der oft in der Spitze auf Bälle wartete, zu wenig für seine Mannschaft gearbeitet. Tatsächlich aber arbeitete sie zu wenig für ihn.

Auch Argentinien litt beim 1:1 gegen Island unter diesem Superstarproblem, als Lionel Messi zu oft mit dem Ball alleingelassen wurde. Jener Messi, der im Klub, bei Barcelona, stets weltklasse zu spielen scheint, um dann in der Nationalelf zu enttäuschen. In Wahrheit wird bei der Albiceleste nicht genug für den 30-Jährigen gearbeitet.

Wie es hätte gehen können, zeigte Ägypten nach etwas mehr als einer Stunde. Da stellte Trainer Héctor Cúper von seinem 4-2-3-1 auf ein 4-2-4 um, mit Salah als zweiter Sturmspitze statt als Rechtsaußen. Die Rolle übernahm Amr Warda, der sich nah an der Seitenlinie hielt und Russlands Abwehrreihe in die Breite zog. Zudem stießen vereinzelt Mittelfeldspieler nach vorne, sogar der so zurückhaltende Rechtsverteidiger Fathy wagte sich nun nach vorne.

Plötzlich war Salah im Spiel. Er wurde häufiger gefunden, kombinierte in engen Räumen mit seinen Teamkollegen. Drei seiner sechs Torschussbeteiligungen erreichte er in den 30 Minuten nach der Umstellung, darunter das Elfmetertor zum 1:3. Doch da war das Spiel schon längst entschieden.

Russland - Ägypten 3:1 (0:0)
1:0 Ahmed Fathi (47., Eigentor)
2:0 Cheryshev (59.)
3:0 Dzyuba (62.)
3:1 Salah (73., Elfmeter)
Russland: Akinfeev - Mario Fernandes, Kutepov, Ignashevich, Zhirkov - Gazinsky, Zobnin - Samedov, Golovin, Cheryshev - Dzyuba
Ägypten: M. El Shenawy - Fathi, Gabr, Hegazy, Abdel-Shafy - Elneny, Hamed - M. Salah, El-Said, Trezeguet - Mohsen
Zuschauer: 68.134
Schiedsrichter: Caceres (Paraguay)
Gelbe Karten: Smolov - Trezeguet

insgesamt 3 Beiträge
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hileute 20.06.2018
1. er kann es doch nicht alleine reißen,
wenn die Mitspieler allesamt zu schlecht sind. Und er ist eben noch nicht so ein Superstar wie etwa Ronaldo, dem durchaus zuzutrauen ist im Alleingang ein Spiel zu entscheiden, wenn es nötig ist.
ge1234 20.06.2018
2. Nun ja...
.... Salah hat mit seinen bereits 26 Jahren erst eine überragende Saison hinter sich. Vielleicht soll er erst mal beweisen, dass er tatsächlich das Zeug zur dauerhaften Weltklasse hat und nicht nur ein fußballerisches "One-Hit-Wonder" ist.
Kapute Medien 20.06.2018
3. Teamsport...
Vielleicht hat das alles damit zu tun, dass es ein Teamsportart ist?
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