WM als Projektionsfläche Alles andere als harmlos

Dass Frauen - wie ZDF-Journalistin Claudia Neumann - Fußballspiele kommentieren, sorgt für Aufregung. Leider keine Überraschung: Die WM zieht Ressentiments aller Art an.

Claudia Neumann
Witters

Claudia Neumann

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Die Fußball-WM ist das größte Sportereignis der Welt. Und damit automatisch für viele Menschen eine große Projektionsfläche für Sehnsüchte. Sehnsüchte nach einer Welt, die scheinbar so ist wie früher.

Hier spielen Frauen nur Nebenrollen. In eher dekorativer Funktion werden sie toleriert, zum Beispiel in Einblendungen von weiblichen Fans auf den Tribünen. Die geben Kommentatoren dann Gelegenheit, vermeintlich geistreiche Dinge zu sagen wie: "Das sind schöne Aussichten für die zweite Halbzeit."

Kaum vorstellbar, dass Claudia Neumann so über männliche Fans sprechen würde. Kaum vorstellbar, dass Claudia Neumann überhaupt besonders umstrittene Dinge sagen würde. Das entspricht nicht dem Stil der ZDF-Kommentatorin. Trotzdem ist gerade ein Sturm der Entrüstung darüber ausgebrochen, dass erstmals eine Frau in Deutschland ein WM-Spiel kommentiert. Neumann ist gemeinsam mit sieben Männern für ARD und ZDF im Einsatz.

Das ist kein rein deutsches Phänomen: Bei der BBC war gerade Vicki Sparks die erste Frau, die ein WM-Spiel im britischen Fernsehen kommentierte. Die User-Kommentare zumindest in der Boulevardpresse waren einhellig ablehnend.

736 heterosexuelle WM-Spieler?

Und diese Sichtweise ist nicht nur auf das Thema Frauen im Fußball beschränkt. Denn während Frauen zumindest in bestimmten Rollen toleriert werden, ist offene Homosexualität im Profifußball völlig unsichtbar. Ehemalige Profis wie Thomas Hitzlsperger haben sich vereinzelt geoutet, aber unter den 736 Fußballern, die bei der aktuellen Weltmeisterschaft vertreten sind, ist keiner als offen schwul bekannt.

Das WM-Turnier, wie man es fünf Wochen lang verfolgen kann, ist nicht nur eine Welt, in der Frauen nur am Rande und Schwule gar nicht vorkommen. Es ist auch eine Welt, in der alles nach Nationen sortiert ist: die Mannschaften, die Trainer, die Zuschauer. Hier spielt - anders als in den Vereinen - jeder für das Land, "aus dem er stammt".

Aber lohnt sich diese Debatte überhaupt? Ist das nicht alles harmlos? Ein großes Spiel wie der Eurovision Song Contest, in dem die Zugehörigkeiten halt zufällig anhand der Verbände und die Verbände halt zufällig anhand der Nationen organisiert sind?

Leider nicht. Die Vehemenz, mit der in den vergangenen Wochen verlangt wurde, Mesut Özil und Ilkay Gündogan müssten sich dafür entschuldigen, dass sie Fotos mit Recep Tayyip Erdogan machen ließen; die Forderung, sie müssten Frank-Walter Steinmeier als "ihren Präsidenten" anerkennen, bevor sie für den DFB spielen dürften: Das zeigt, wie sehr die symbolische Welt des Fußballs hier mit gesellschaftlichen Fragen verknüpft ist.

Die Welt ist nicht mehr zu Gast bei Freunden

Und diese gesellschaftlichen Fragen sind nicht mehr die gleichen wie im Jahr 2006, als das sogenannte Sommermärchen das vermeintlich freundliche Gesicht des Nationalismus zeigte. In einer Zeit, in der die "America first"-Doktrin von US-Präsident Donald Trump weltweit Nachahmer findet und in der der bayerische Ministerpräsident fordert, Deutschland müsse seine Interessen wieder selbst durchsetzen und nicht im europäischen Rahmen - da ist der Wunsch nach einer Welt, in der Menschen nach Nationen sortiert werden und genau einem Heimatland zugeordnet werden können, mehr als ein harmloser Spaß.

Kein harmloser Spaß ist die WM in einem Land, in dessen Teilrepublik Tschetschenien Homosexuelle misshandelt werden und in dem in den vergangenen Jahren Gesetze gegen "homosexuelle Propaganda" erlassen worden sind. Kein harmloser Spaß ist eine WM, an der Länder wie Saudi-Arabien und Iran teilnehmen, in denen Homosexuellen die Todesstrafe droht. In Iran dürfen Frauen bis heute keine Fußballspiele besuchen.

Das empört in Europa viele Menschen, die darin einen Beleg für die Rückständigkeit bestimmter Auslegungen des Islam sehen. Nicht weniger rückständig ist allerdings die Auffassung, Frauen dürften keine Fußballspiele im Fernsehen kommentieren.



insgesamt 56 Beiträge
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cruisemissile 20.06.2018
1.
Ich finde es angenehm, bei Fußballübertragungen eine Frauenstimme zu hören. Und C. Neumann macht sich doch gut. Keine Ahnung, was es daran überhaupt auszusetzen gibt. Im Übrigen reden die Herren Fußballkommentatoren selbst oft genug Stuss daher. Also Frauen traut euch. Die Konkurrenz ist überschaubar.
lwet 20.06.2018
2.
Bela Rethy wird nicht kritisiert, weil er ein Mann ist, sondern weil er unerträglich als Kommentator ist. Und bei der Dame ist es nicht anders.
monikaeltohami 20.06.2018
3.
Erstaunlich, wie hier ein frauenfeindliches Thema daraus gemacht wird. Persönlich teile auch ich die Kommentare in anderen Foren, daß Frau Neumann nicht nur eine unangenehme Stimme und Tonlage hat, sondern unentwegt redet, was ausgesprochen anstrengend ist. Das mag auch auf den einrn ider anderen Kommentator zutreffen, daß ändert aber nichts daran daß Frau Neumann nervt.
schwultra 20.06.2018
4.
Mir ist es eigentlich egal, wer da kommentiert. Einige Stimmen mag ich einfach nicht mehr hören.Da ist mir auch zu oft Sprücheklopferei dabei. Ich würde aber die wählbare Option den Kommentar auszuschalten und dafür nur die Stadionatmosphäre zu hören wunderbar finden.Technisch kein Problem für die Sender.
bammbamm 20.06.2018
5.
Man sollte wirklich nicht jede Kritik an Frauen gleichsetzen mit Sexismus. Ja ein paar gestrige Idioten wird es immer geben, vielleicht unter Fussballfans sogar mehr wie normal, aber inzwischen ist doch einfach jede Kritik an Frauen Sexismus, und das alles begann damit das Sony jede vernünftige Kritik an einem wahnsinnig schlechtem Ghostbusters reboot als Sexismus hinstellte. Und ja ich finde Claudia Neumann gut, aber Kritik von Andersdenkenden muss auch berechtigt sein so lange sie nicht beleidigend ist oder einfach nur weil sie eine Frau ist vorgebracht wird. Bisschen mehr Verstand und weniger Herz wäre von allen Seiten nicht nur bei diesem Thema angebracht
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