Iniestas letztes Spiel für Spanien Abschied vom Schweiger

Andrés Iniesta geht - das Aus Spaniens gegen Russland war das letzte Länderspiel für den genialen Mittelfeldlenker. Selbst seine Gegner verehren den 34-Jährigen - weil Spieler wie er immer seltener werden.

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Seinen letzten großen Auftritt hat Andrés Iniesta als Elfmeterschütze. Spanien gegen Russland im Achtelfinale der WM, Iniesta tritt als erster an und verwandelt sicher, er ballt kurz die Faust, dann trottet er zurück in Richtung Mittellinie zu seiner Mannschaft. Jetzt heißt es: Warten. Die Teamkollegen Gerard Piqué und Sergio Ramos treffen, Koke nicht, dann ist Iago Aspas an der Reihe, es wird der entscheidende Elfmeter sein.

Iniesta kehrt dem Schützen den Rücken zu, er schaut schräg hoch in den Himmel, so als ertrage er die Spannung nicht. Vielleicht erträgt er auch bloß nicht, dass er nicht helfen kann. Beim Elfmeterschießen aber ist jeder auf sich selbst gestellt. Aspas verschießt. Adiós, Weltfußball.

Kurz nach Spaniens WM-Aus gegen Russland hat Iniesta, 34, seinen Abschied aus der Nationalmannschaft bekannt gemacht. Es war sein zweiter Abschied binnen wenigen Wochen, erst im Mai hatte er Barcelona verlassen, nach 22 Jahren. Er wird seine Karriere in Japan ausklingen lassen.

Der Fußball hat viele große Spieler hervorgebracht, Iniesta zählt zu den größten. Ihm ist gelungen, was wenigen gelang: Er wird verehrt, obwohl er weder viele Tore schießt noch sich zu inszenieren versteht wie die Superstars der Branche. Womöglich auch gerade deshalb.

Iniesta? "Excellent Player"

Fragt man bei der WM in Russland Fans nach ihm, lächeln sie und recken den Daumen. Iniesta? "Excellent Player". Er ist einer der wenigen Spieler, die über die Grenzen des eigenen Klubs und Landes hinweg geachtet werden. Vielleicht, weil er für eine seltene Art von Fußballer steht: den intelligenten, nicht den athletischen. Iniesta war nie stärker als seine Gegner, sondern schlauer.

Spielintelligenz ist etwas, das im Fußball nicht leicht zu erkennen ist. Bei Iniesta aber war sie einfach zu begreifen gewesen, auch für diejenigen, die dem Spiel nicht Woche für Woche folgten. Die filigranen Bewegungen auf dem Platz, die Pässe aus dem Fußgelenk, das wirkte und wirkt noch immer erhaben. Zumal alles andere an ihm so unscheinbar ist. Die fahle Haut lässt ihn fast geisterhaft wirken, es scheint, als schwebe er über den Platz.

Iniestas wohl genialste Fähigkeit war es stets, wie er Tempo und Richtung des Spiels veränderte. Legendär ist sein Pass im EM-Finale 2012, als er den Ball vor Spaniens erstem Treffer ansatzlos in die Tiefe spielte und damit selbst italienische Abwehrexperten verblüffte. Er beherrschte diese Rhythmuswechsel sogar ohne Ball.

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Andrés Iniestas Abschied aus der Nationalmannschaft: Titeljahre

Bei Spaniens WM-Auftakt gegen Portugal stellte sich Iniesta oft direkt zu einem Gegenspieler - und wartete. Die Mitspieler schoben sich den Ball zu, aus der Mitte nach außen, zurück ins Zentrum, Iniesta aber stand einfach still. Um sich dann mit einem Ruck vom Verteidiger zu entfernen; für seine Teamkollegen war dies das Signal zum Tempowechsel.

Iniesta kommuniziert auf dem Spielfeld vor allem mit seinen Bewegungen, seinen Pässen. Sein ehemaliger Mitspieler Eric Abidal sagte über ihn: "Andrés sagt niemals etwas auf dem Platz. Er spielt einfach nur Fußball."

Iniestas Ruhe strahlt ab auf seine Mitspieler. Und weil er nie den Ball verliert, fühlen sie sich sicher. Alles wird gut, ich bin ja da, sagt Iniesta ihnen dann, nur eben nicht mit Worten. Eine Anekdote aus Iniestas Biographie beschreibt das sehr gut. Darin sagt Lionel Messi, dass er sich, wenn er sich auf dem Spielfeld unsicher fühlte, stets an Iniesta wandte. Insbesondere in großen Spielen, wenn es um Titel ging und jeder Fehler den Pokal kosten konnte, wollte er Iniesta ganz nah bei sich wissen. "Andrés, komm näher", sagte er dann.

Iniesta wurde Weltmeister, zweifacher Europameister, vierfacher Champions-League-Sieger, es gibt keinen wichtigen Wettbewerb, in dem er angetreten ist und ihn nicht zumindest einmal gewonnen hat. In Barcelona prägte er das Spiel eines Klubs, der den Weltfußball prägte wie nur wenige andere. Und dann ist da noch das Tor, im WM-Finale 2010, als er in der 116. Minute der Verlängerung die Niederlande in die Knie zwang.

Die dunkle Phase in Iniestas Karriere

Beim Torjubel zog er das Trikot aus, darunter kam ein Unterhemd zum Vorschein mit den Worten: "Dani Jarque, für immer bei uns", eine Widmung an den ein Jahr zuvor verstorbenen Fußballer, mit dem Iniesta eng befreundet gewesen war. Jahre später erzählte Iniesta, wie ihn Jarques Tod aus der Bahn geworfen hatte. Er habe die Freude am Fußball verloren und nicht nur an ihm. Als "dunklen Ort" beschrieb er diese Phase seines Lebens.

In seiner Biographie wird erzählt, wie jeder in La Masia, Barcelonas Nachwuchsakademie, wusste, wer Iniesta war, als dieser bloß ein Knabe war. Kein Verteidiger konnte ihm folgen, Technik und Talent waren für jeden offenbar, nur die Frage nach der Athletik besorgte seine Trainer. "Wir wussten nicht, ob sein schmaler Körper dem würde standhalten können, was da kommen würde", heißt es. Geändert hat sich das eigentlich nie.

Auch im Achtelfinale wirkt er schmächtig zwischen all den kantigen russischen Verteidigern. Erwischt haben sie ihn selten. Für seine Gegenspieler war er meist unberührbar; rauschten sie heran, war der Ball schon weg.

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Russland besiegt Spanien: Tausend Pässe, aber schwache Nerven

Doch die Leichtigkeit, mit der er jahrelang an seinen Gegenspielern vorbeidribbelte, schwindet. Auf den ersten Metern hat er an Tempo eingebüßt, unter die Freude des Spielens hat sich auch Schmerz gemischt. In Barcelona spielte Iniesta zuletzt fast nie über 90 Minuten.

Er hätte gerne weitergemacht, sagte Iniesta vor der WM dem "Guardian". Aber "mein Körper will nicht mehr, er bittet mich, aufzuhören. Ich habe alles aus ihm herausgepresst, bis auf den letzten Tropfen. Es ist nichts mehr übrig."

Titel kann die spanische Nationalmannschaft wohl auch ohne ihn gewinnen, für Barcelona gilt das sowieso. Doch ohne Iniesta werden sich Spaniens Fußballer auf dem Spielfeld ein wenig einsamer fühlen. Uns Zuschauern wird es ähnlich gehen.

insgesamt 17 Beiträge
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jasuly 02.07.2018
1.
Mein absoluter Lieblingsspieler, Iniesta, hat sich nun von der internationalen Fußballbühne verabschiedet. Ich denke, man kann es ihm nicht anlasten, dass Spanien so ideenlos gespielt hat und zu Recht ausgeschieden ist - er hat es ein paar Mal versucht, aber erstens war das gesamte Team viel zu behäbig und zweitens schwinden mit 34 Jahren langsam seine Kräfte und die Geschwindigkeit, um ein Spiel im Alleingang beleben zu können. Es war mir eine Ehre, diesem - überdies sehr fairen (er sah, soweit ich weiß, nie eine rote Karte und zeigte keinerlei Starallüren) - Künstler über die Jahre zusehen zu dürfen.
roninger2000 02.07.2018
2. Einer der größten
Fußballer und Personen, von allen geschätzt u. verehrt. Es gab Spiele, in denen Barça haushoch im Bernabéu oder im Calderón gewann. Und die Leute standen auf um Iniesta zu applaudieren. Um den Artikel zu vervollständigen müsste man noch seinen kongenialen Mitspieler Xavi erwähnen. Danke für so viele wunderbare Spiele!
mephistofeles12 02.07.2018
3. Wunderbar.
Ein wunderbarer Nachruf auf einen wunderbaren Spieler, der zeigt, dass es in der Branche auch ohne Narzissmus und ohne Haargel geht.
Clubmaster 02.07.2018
4. Schöner Text...
...über einen begnadeten und sympathischen Sportler. Vielen Dank (an Iniesta und den Autor)!
mocoseco 02.07.2018
5. Schön geschrieben....
Das Schlimmste, was man über ihn sagen kann ist, dass er so langweilig ist. Das ist mir jedenfalls alle mal lieber, als die vielen Lautsprecher und Extroverts der nächsten Generation! Toller Spieler, netter Mensch!
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