WM-Arena in St. Petersburg Russlands Mega-Baustelle

In St. Petersburg wird eine bombastische Arena errichtet, eine Milliarde Euro könnte das Prestigeprojekt der WM 2018 verschlingen. Der Vize-Gouverneur verteidigt den Gigantismus: "Wir bauen für ganz Russland."

DPA/ 2018 FIFA WORLD CUP COMMITTEE

Aus St. Petersburg berichten und


Ein kühler Morgen auf Krestowskij Ostrow, einer Insel in der Newa-Bucht von St. Petersburg mit Nobelhotels und Segeljachten. Der Baukonzern Transstroj, der dem Milliardär und Oligarchen Oleg Deripaska gehört, treibt dort Russlands derzeit wichtigstes Bauwerk voran: ein Fußballstadion. Arbeiter aus Tadschikistan und Usbekistan schleppen Holzbalken über die Tribünen, inmitten der Arena steht ein Gewirr aus Pfeilern, die Schienen stützen - mit einer Art Hochbahn wird in diesen Tagen die Dachkonstruktion montiert.

Dieses Dach, klärt eine Broschüre auf, werde später einmal so viel wiegen wie 473 russische Kampfpanzer. Der Bauleiter erläutert, die Arena werde eine verschließbare Kuppel bekommen, schließlich sollen hier auch bei minus 30 Grad Celsius einmal Fußballspiele stattfinden. Ein Tribünenteil ist unten hohl, damit der mobile Rasen aus dem Stadion gefahren werden kann.

Seit 2007 wird auf der Insel gearbeitet. 2009 sollte eigentlich die Stadioneröffnung sein, seitdem verschoben die Konstrukteure den Termin 20-mal nach hinten. Pannen und Fehlplanungen trieben die Kosten in irrwitzige Höhen. 190 Millionen Euro sollte der Bau anfangs kosten, wie teuer er am Ende wird, weiß niemand so genau. Wissenschaftler der Universität Zürich rechnen mit fast einer Milliarde Euro - es wäre neben dem Londoner Wembley Stadion das teuerste Fußballstadion der Welt. (Bilder von der Baustelle sehen Sie hier in der Fotostrecke.)

Der Fußballpalast in St. Petersburg ist ein Politikum. Er soll nicht nur die neue Heimat des Klubs Zenit werden, die Multifunktionsarena gilt als Prestigeobjekt, als Symbol für Russlands Bestreben, zum Zentrum der Sportwelt aufzusteigen. Neben mehreren Spielen der Weltmeisterschaft 2018 werden hier auch vier Partien der Europameisterschaft 2020 ausgetragen.

"Das Stadion wird ein Unikat, eine Luxusarena", sagt Marat Oganesjan und lässt sich in seinen Chefsessel fallen. Das Büro des Vizegouverneurs der Stadt liegt im Inneren der Betonschüssel, seit anderthalb Jahren ist er für den Bau verantwortlich. Oganesjan übernahm schon öfter Projekte von nationaler Bedeutung, die zum Milliardengrab geworden waren. 2011 schloss er die kostenintensive Renovierung des Moskauer Bolschoi-Theaters ab.

Im Mai 2016 sei die Arena fertig, ohne Wenn und Aber

In St. Petersburg setzt er jetzt 2500 Arbeiter ein, 16 Stunden am Tag ist die Baustelle in Betrieb. Seit Anfang November wird sie beheizt, damit die Arbeiten im Winter weitergehen können. Man sei stolz, sagt Oganesjan, über 90 Prozent des Materials in Russland einzukaufen, die Wirtschaftssanktionen des Westens berühren ihn nicht. Im Mai 2016 sei die Arena fertig, ohne Wenn und Aber. Er spricht gerne über die Zukunft, über die Vergangenheit dagegen weniger.

Dreimal musste der Bau gestoppt werden. Nachdem Russland 2010 den WM-Zuschlag erhalten hatte, bekam das Stadion 68.000 statt 62.000 Plätze, mehr VIP-Logen und Super-VIP-Logen. Teile der Tribüne wurden zurückgebaut und neu errichtet. Der Baukonzern Transstroj behauptet, die Fifa habe einen steileren Neigungswinkel gefordert, damit die Zuschauer in den Oberrängen bessere Sicht hätten. Der Weltverband teilt auf Anfrage allerdings mit, solche Auflagen nie gestellt zu haben.

Voriges Jahr kam auf der Baustelle ein Arbeiter ums Leben, ein herabstürzendes Metallstück hatte ihn erschlagen. Ministerpräsident Dmitrij Medwedew bezeichnete die Misere rund um die neue Arena als Schande. Dem Staatskonzern Gazprom wurde das Projekt unheimlich, das Unternehmen stieg als Geldgeber aus, jetzt muss die Stadt alles selbst bezahlen.

"Das Land braucht dieses Stadion"

Vizegouverneur Oganesjan lehnt sich zurück. Die Fifa-Inspektoren, die im Herbst zu Besuch waren, seien "überaus zufrieden" gewesen, sie hätten "sogar gestaunt", sagt er. Im Übrigen rechne er mit Kosten von höchstens 10.000 Euro pro Sitzplatz, das sei nicht viel für so ein Vorhaben. "Wir bauen nicht nur für St. Petersburg", sagt Oganesjan, "wir bauen für ganz Russland. Das Land braucht dieses Stadion, es zeigt, wie ehrgeizig wir sind."

Russland will mit der Fußball-WM den Beweis antreten, dass es den westlichen Industrienationen mindestens ebenbürtig ist. Vor acht Wochen war Fifa-Chef Joseph Blatter in Moskau, Präsident Wladimir Putin hatte zu diesem Treffen die wichtigsten Minister seines Kabinetts am Tisch versammelt.

Das Turnier in Russland ist Chefsache, und die Stadien sind in Beton gegossenes Geltungsbedürfnis. Dabei ist es nebensächlich, was sie kosten oder was aus ihnen später wird. Es geht um den Effekt, nicht um Effizienz - für Effizienz gibt es im Russischen keinen Begriff.

Schon die Winterspiele im vergangenen Februar in Sotschi waren teurer als alle vorherigen zusammen. Die Gesamtkosten für die zwölf WM-Arenen haben sich seit 2010 mehr als verdoppelt, wegen der Wirtschaftskrise ist das Organisationskomitee inzwischen auf Spenden von Privatpersonen angewiesen.

"Ich warte bis heute auf einen Businessplan"

An den Plänen ändert sich deswegen aber nichts: Im Zuge des Turniers bekommt Russland knapp eine halbe Million neuer Zuschauerplätze, dabei sind die Stadien in der Premjer-Liga schon jetzt im Schnitt nur zu 60 Prozent gefüllt.

Für Alexej Kowaljow ist die St. Petersburger Arena ein "schwarzes Loch". Kowaljow ist im Stadtparlament Fraktionschef der Oppositionspartei Gerechtes Russland. Der Haushaltspolitiker verfolgt den Bau des Sporttempels. Besser gesagt: Er versucht es.

"Wir haben nie Dokumente erhalten, die uns die explodierenden Kosten erklären", sagt er, "ich warte bis heute auf einen Businessplan." Die wahren Zahlen würden wohl nie rauskommen. Als die Arena immer teurer wurde, hätten die Baufirma und die Regierung einen neuen Vertrag aufgesetzt. "Der bleibt geheim, damit unterm Strich eine größere Zahl stehen kann. Mit diesem Trick wird unser Volk beklaut", sagt Kowaljow. Er kämpft dafür, dass St. Petersburg kein WM-Spielort wird. Es ist ein vergeblicher Kampf.

Zusätzlich zur Arena sollen noch eine neue Metrolinie, eine Fußgängerbrücke zum Festland und eine Schnellstraße zum Flughafen gebaut werden. Stadtoberhaupt Georgij Poltawtschenko kam schon eine Idee, wie man etwas schneller fertig werden könnte: "Jeder Bürger, der den Fußball liebt, ist eingeladen, auf der Baustelle mit anzupacken."



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Seite 1
schmuella 06.01.2015
1. Mal gucken ...
ob Merkel und Co sich dort jemals blicken lassen werden. Sotchi haben sie ja boykottiert. Einen Vorteil hätte es: Man könnte die frei gewordenen Sitzplätze für Fans freigeben.
taglöhner 06.01.2015
2. Wege zum Wohlstand
Toitoitoi! Ist Russland nicht eher Eishockey-verrückt? Warum fällt mir gerade der ivorische "Petersdom" ein?
rudi_ralala 06.01.2015
3.
Wenn man bedenkt was die Elbphilharmonie kostet, ist das geradezu ein Schnäppchen
filos eleftherias 06.01.2015
4. Geplante Bauruine
Die Zuschauerzahlen in Russland sind nicht zuletzt wegen wirtschaftlicher Schwäche und extremer Ungleichverteilung des Einkommens auf Zweitliganiveau. Riesige WM-Stadien sind für eine derartiges wirtschaftliches Umfeld um mindestens zwei Größenstufen überdimensioniert. Das Stadion in St. Petersburg wird wohl genau wie das Lushniki-Stadion die meiste Zeit gähnend leer wirken, es sei denn, die Abdeckung mit Planen ist bereits im Plan vorgesehen.
mukulele 06.01.2015
5. Könnte in Deutschland nie passieren (Ironie)
Hamburg Elbphilharmonie, Berlin Flughafen, Kölner U-Bahn, Stuttgart Bahnhof usw..... Ganz zu schweigen von den ganzen extremen Fällen, die der Bund der Steuerzahler jedes Hahr veröffentlicht
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