Drei Thesen zum WM-Achtelfinale Für Argentinien beginnt die WM jetzt erst richtig

Schwache Auftritte gegen vermeintlich leichte Gegner: Argentinien wäre fast in der WM-Vorrunde gescheitert. Im Achtelfinale gegen Frankreich wird es die Albiceleste leichter haben.

Lionel Messi
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Lionel Messi

Von Michel Massing und Stephan Spiegelberg


1. Gegen tiefstehende Gegner tat sich Argentinien schwer, das Spiel zu machen

In den drei Vorrundenspielen gegen Island (77,9 Prozent Ballbesitz), Kroatien (57,4 Prozent) und Nigeria (66,6 Prozent) musste Argentinien jeweils das Spiel machen, konnte dabei aber nicht überzeugen. Gegen tiefstehende Gegner schaffte es die Albiceleste zu selten, sich hochkarätige Torchancen zu erspielen.

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Argentiniens Sieg gegen Nigeria: Ein Maradona, zwei Matchwinner

Eigentlich hätten sich die Argentinier gerade gegen Nigeria leichter tun müssen, nachdem sie früh in Führung gegangen waren. Doch bis auf einen Freistoß, bei dem Lionel Messi aus 20 Metern den Pfosten traf, kamen sie in der ersten Hälfte nicht zu nennenswerten Chancen.

Nach dem Seitenwechsel gelang ihnen sogar noch weniger (drei Abschlüsse, nur ein Schuss aufs Tor). Mit Glück kamen sie in der 86. Minute zum Siegtreffer durch den aufgerückten Verteidiger Marcos Rojo. Der Eindruck nach drei Spielen: Die Mannschaft hat kein funktionierendes Konzept, um mit Ballbesitz umzugehen. Vor allem die Stürmer hängen meist in der Luft.

2. Argentinien hat das personelle Potenzial, Umschaltfußball zu spielen

Im Achtelfinale gegen Favorit Frankreich ist die Ausgangslage eine andere: Die Argentinier stehen nicht mehr unter Zugzwang, das Spiel machen zu müssen. Und dass sie das Potenzial haben, Umschaltfußball zu spielen, haben sie schon gezeigt. Kein Kurzpass-Tiki-Taka sorgte für Messis ersten Turniertreffer gegen Nigeria, sondern ein langer Ball. In der 14. Minute schickte Éver Banega seinen Kollegen mit einem perfekt getimten Anspiel über 30 Meter, das der Barça-Star zur Führung nutzte.

Argentinien kann auch personell auf einen anderen Fußball umstellen. Die Hereinnahme des schnellen und vertikal agierenden Cristian Pavón sorgte für Belebung auf dem rechten Flügel. Ángel Di María hat seine Umschaltqualitäten in der Vergangenheit oft bewiesen. Messi kann - wie beschrieben - Steilpässe in höchstem Tempo verarbeiten. Und auch die bislang enttäuschenden Gonzalo Higuaín und Sergio Agüero agieren gerne aus der Tiefe und freuen sich, wenn sich ihnen mehr Räume bieten. Für die veränderte Konstellation vor dem Achtelfinale gilt: Ein Pluspunkt des Kaders der Albiceleste ist die Vielseitigkeit.

3. Sampaoli gilt als Trainer, der seine Stärken gegen den Ball hat

Nach der Niederlage Argentiniens gegen Kroatien schien Sampaoli der falsche Trainer für Argentinien zu sein, da er seine größten Erfolge mit Teams feierte, die als Underdogs galten und in erster Linie auf eine kompakte Grundordnung und schnelles Umschalten setzten. In seiner Zeit als Nationaltrainer Chiles konnte er unter anderem gegen Brasilien, Spanien und England Achtungserfolge in der Außenseiterrolle landen.

Gegen tiefstehende Gegner scheint Sampaoli das Konzept zu fehlen, für die geänderte Ausgangslage ab dem Achtelfinale könnte er nun der perfekte Trainer sein. Gegen Frankreich kann er endlich auf eben jenen Fußball setzen, durch den er sich einen Namen machte.

Doch inwieweit hat Sampaoli bei den Albiceleste überhaupt noch das Ruder in der Hand? Es heißt, die Mannschaft habe nach seinem missglückten Versuch, gegen Kroatien ein 3-4-3 zu implementieren, die Rückkehr zur 4-4-2-Formation durchgesetzt. Die Bilder aus der Halbzeitpause des Spiels gegen Nigeria lassen ebenfalls Zweifel aufkommen: Man sah, wie Messi seine Mitspieler um sich versammelte und eine Ansprache hielt. Der Verband dementiert atmosphärische Störungen zwischen Trainer und Team und hofft, dass Sampaoli gerade jetzt zeigt, dass er genau der Richtige ist.

insgesamt 9 Beiträge
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aurichter 27.06.2018
1. Ganz steile These
nachdem die Alten Herren aus Argentina gegen alle Teams in der Gruppe kein spielerisches Mittel gefunden hat. Dass Kroatien nur Defensiv ausgerichtet war, ist mir vollkommen entgangen. Dass Messi und Co ausgerechnet jetzt gegen taktisch und spielerisch besser aufgestellte Franzosen erfolgreicher spielen wird, halte ich für ein Gerücht. Ich wage zu behaupten, dass ein vergleichbares Kroatien-Ergebnis dabei herauskommen wird - mindestens.
-volver- 27.06.2018
2. Naja...
Gegen Kroatien reichen die paar prozent mehr ballbesitz nicht als ausrede, ein spiel aufgezwungen bekommen zu haben. Die kroaten spielten klasse mit und haben nicht nur auf konter gesetzt. Ein kompaktes team wie es die kroaten waren, lassen sich mit umschaltfussball allein nicht ins boxhorn jagen. Frankreich müsste sich schon so anstellen wie Deutschland gegen Mexiko, um das spiel wg. konteranfälligkeit zu verlieren.
neutralfanw 27.06.2018
3. Mieses Geschäft
Interessant ! Tags zu vor gab es in der Endphase eines Spieles einen Handelfmeter. Ein eindeutigeres Handspiel innerhalb des 16 Meterraumes eines Argentiniers wurde jedoch nicht bestraft. Das hätte das 2:1 für Nigeria bedeuten können. Argentinien wäre bei der WM ausgeschieden (berechtigt). Stattdessen schießt Argentinien in der 2. Halbzeit zum 1. mal auf das Nigerianische Tor und gewinnt mehr als glücklich. Gnadenfrist. Die Nigerianischen Spieler verabschieden sich fair und sind sich bewusst, dass sie betrogen wurden.
Korken 27.06.2018
4. Interessanter Fakt zu Island und den Punkten
Interessanter Fakt nebenbei: Das 1:2 von Argentinien war gleichzeitig das riskanteste Ergebnis, dass Argentinien und Nigeria hätten ausscheiden können. Island hätte in dieser Konstellation bei deren damaligen 1:1 Stand nur ein einziges Tor gebraucht und wäre auf Platz zwei gerutscht. Gut, es kam anders, das Tor fiel für die Kroaten aber die Reaktionen hätte ich (gerne) gesehen, wären plötzlich beide Teams aus Spiel 1 aus dem Turnier geflogen, obwohl sich Argentinien mit dem 2:1 sicher wähnte.
at.engel 27.06.2018
5.
"Eigentlich hätten sich die Argentinier gerade gegen Nigeria leichter tun müssen.." Warum - kann ich eigentlich nicht nachvollziehen. Nicargua spielt prinziell ziemlich gut und de facto mit fünf Abwehrspielern, und wenn sich die drei davor zurüfallen lassen, sind da acht Spieler hinten und natürlich permanent ein Bein im Weg. Auch Dänmark hat einfach 90 Minuten lang hinten dicht gemacht; die haben zwar kaum einen vernünftigen Pass nach vorne gebracht, aber es war fast unmöglich, da durchzukommen. So gesehen ist eine Mannschaft wie Frankreich schon einfacher zu spielen - einfach weil sich da zwangsweise Räume öffnen. Nur dass das halt in beide Richtungen stimmt, und Frankreich ist nicht nur vergleichsweise schnell, sondern braucht auch keine zwanzig Gelegenheiten.
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