Argentinien zittert sich ins Achtelfinale Herz gegen Hirn

Beim 2:1 gegen Nigeria zeigte Argentinien eine Halbzeit lang seinen besten WM-Auftritt. Der Trainer lobte den Kampfgeist seiner Mannschaft. Vielleicht ist gerade das das Problem.

Argentinische Nationalmannschaft
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Aus Sankt Petersburg berichtet


Der Fußball, heißt es, sei eine Ersatzreligion. Wie wahr das ist, zeigt sich am Dienstagabend in Sankt Petersburg. Argentinien kämpft gegen Nigeria ums Achtelfinale der WM, es ist ein Endspiel. Die Ränge sind in Weiß und Hellblau gefärbt, den Farben der Nationalmannschaft und des Himmels. Viele Tausende Argentinier sind hierhergepilgert, um ihre Albiceleste in die nächste Runde zu bringen. "Wir hatten ein Heimspiel", wird Trainer Jorge Sampaoli nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft sagen, und Nigerias Trainer Gernot Rohr wird sagen: "Wir hatten ein Auswärtsspiel."

Die argentinischen Zuschauer beklatschen sogar Fehlpässe ihrer Mannschaft, nicht aus Hohn, sondern als aufrichtig gemeinte Unterstützung. Die Fans haben ein Gespür dafür, wie fragil ihre Mannschaft ist. Ein Rückschlag, und sie droht zu implodieren. Also sorgen sie für die bislang wohl großartigste Atmosphäre bei dieser WM.

Trainer warnen Spieler in vergleichbaren Situationen davor, bloß nicht zu überdrehen. Denkt an unsere Taktik! Manche Argentinier schaffen das. Gegen Nigeria lösen sie ihr größtes Problem aus der vergangenen Partie, dem 0:2 gegen Kroatien: Es gelingt häufiger, Lionel Messi freizuspielen. Und wenn Messi den Ball hat, wird meist alles gut.

Im Spiel gegen Kroatien hatte Messi fast nie den Ball, und wenn er ihn sich holen wollte, fand er dafür keine Räume. Argentinien hat die richtigen Lehren gezogen. Messi ist diesmal der Fixpunkt im Team, seine Laufwege formen die Anordnung aller elf Spieler. Eigentlich besetzt er Position rechts vorne in einem 4-3-3, doch nur er allein entscheidet, wo er tatsächlich spielt.

Hypnotisierender Gesang

Wenn Messi sich in Richtung Mittellinie fallen lässt, übernimmt ein Mitspieler seine ursprüngliche Position, er verhindert damit, dass Messi verfolgt wird. Wenn Messi ins offensive Mittelfeld zieht, läuft der zentrale Stürmer, Gonzalo Higuaín, nach rechts, der linke Stürmer, Ángel di María, bleibt auf seiner Seite, die beiden binden damit die nigerianische Abwehrkette so geschickt, dass Messi frei bleibt.

Nigeria spielt im 5-3-2; durch Messis Bewegungen entsteht nun Überzahl im Zentrum: die drei nigerianischen Mittelfeldspieler gegen die drei argentinischen - plus Messi. Es ist die taktisch beste Leistung der Argentinier bei dieser Weltmeisterschaft.

Das 1:0 durch Messi ist selbst ein kleines Wunder. Er nimmt einen hohen Pass mit dem linken Oberschenkel an, erster Kontakt, lässt den Ball im Laufen vom linken Fuß nach vorne prallen, zweiter Kontakt, und schießt ihn mit seinem rechten Fuß ins Tor. Messi schaut hoch zum Himmel, die Spitzen seiner Zeigefinger folgen dem Blick, die Zuschauer aber huldigen nur ihm, sie rufen seinen Namen im Chor, ein hypnotisierender Gesang.

Das mit dem kühlen Kopf gelingt schon in der Phase, in der es läuft, nicht jedem. Mancher Spieler stürzt sich in Tacklings, als gehe es um sein Leben. Balleroberung und Platzverweis trennen Sekundenbruchteile. Dabei sollte eine Grätsche eigentlich das letzte Mittel sein, das nur angewendet wird, wenn alles andere versucht worden ist. Geht sie nämlich ins Leere, liegt der grätschende Spieler am Boden, und bis er zurück auf den Beinen ist, ist sein Gegner auf und davon.

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Argentiniens Sieg gegen Nigeria: Ein Maradona, zwei Matchwinner

Viele Argentinier aber können nicht anders, als zu grätschen. Sie dürfen dieses Spiel nicht verlieren. Wegen der Fans im Stadion, der Millionen in der Heimat, und wegen Messi. Der Weltfußballer soll sich endlich auch Weltmeister nennen dürfen.

Nach Nigerias Ausgleich implodiert Argentinien tatsächlich. Die Spieler verlieren ganz und gar die Ruhe, sie wollen ein Tor erzwingen, für durchdachte Spielzüge bleibt keine Zeit. Wenn Messi nun ins Zentrum zieht, bleiben die Stürmer einfach stehen und starren ihn wie paralysiert an. Der gute Plan ist dahin. Nigeria verteidigt diszipliniert, eine taktisch starke Leistung einer jungen Mannschaft, die sich fast unbeeindruckt zeigt von der Kulisse, nur vor dem Tor müsste sie cooler werden.

Sampaoli tigert durch seine Coachingzone, er kann nicht stillhalten. Er ist ja selbst ein Fan, er leidet wie die Zuschauer auf den Rängen. Aber wenn den Trainer die Emotionen überkommen, wer coacht dann das Team?

Als Sampaoli nach dem Spiel über den Erfolg spricht, verwendet er Begriffe wie "Überzeugung", "Stärke", "Kampf", "Mut". Er sagt: "Mein Team hat mit Herz gespielt". Vielleicht war das das Problem. Denn wenn da nur noch Wille ist und Leidenschaft, kommt der Kopf zu kurz.

Hämmerndes Herz

Der argentinische Fußball habe seine Identität verloren, tadelte Jorge Valdano in dieser Woche im "Guardian". Valdano, der mit der Albiceleste 1986 Weltmeister wurde, beklagte, Argentinien habe es verlernt, intelligenten Fußball zu spielen. Es gehe nur noch ums Kämpfen und Rennen.

Für Außenseiter mag das ein Mittel sein, aber Argentinien?

Womöglich ist diese Mannschaft nicht gut genug besetzt, als dass sie ernsthaft um den WM-Titel mitspielen könnte; im Tor, in der Abwehr und im zentralen Mittelfeld. Vielleicht versucht sie das zu kompensieren mit noch größerem Einsatz, noch härterem Spiel. Doch die Spielweise führt zu Fehlern. Dem 1:1 geht ein Foul im Strafraum voraus, Elfmeter; einem zweiten Foulelfmeter entgeht Argentinien mit Glück.

Die Erlösung kommt in der 86. Minute. Marcos Rojo, ein technisch wenig talentierter, dafür umso härterer Verteidiger, drängt in die Mittelstürmerposition, es gibt jetzt keine Absicherung mehr, keine Struktur, alles stürmt. Der Ball fliegt in den Strafraum zu Rojo, er trifft. Das Stadion erzittert unter dem donnernden Jubel der Fans, es ist der wohl lauteste Moment dieser WM. Argentiniens Spieler fallen übereinander her, alle zusammen, die Ersatzspieler sind aufs Feld gerannt, hüpfen miteinander und bilden ein weiß-himmelblaues Knäuel.

Einer von ihnen wendet sich ab und sinkt auf die Knie, dann berührt er mit dem Kopf den Rasen, wie zum Gebet. Das Herz schlägt jetzt nicht mehr, es hämmert.

Diesmal ist es gutgegangen.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
ilja.albrecht 27.06.2018
1. Ich glaube...
...gezittert hat nur Maradona. Allerdings aus anderen Gründen.
experte123 27.06.2018
2.
... dem 0:3 gegen Kroatien...
viceman 27.06.2018
3. die mannschaft ist zu
einfach zu unausgeglichen besetzt bzw. zu viele spieler haben probleme bei den einfachsten "arbeiten"... wieso ein mascherano da noch mitspielen darf, verstehe ich überhaupt nicht...
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