Frankreichs Nabil Fekir Weiche Knie

Frankreich hat den teuersten Kader der WM. Deswegen sitzen selbst Supertalente wie Nabil Fekir nur auf der Bank. Aber wer den Spielmacher von Lyon kauft, geht ein Risiko ein.

AFP

Von


Von Zeit zu Zeit gibt es ein Spiel, in dem ein Fußballer der Welt zeigt, dass er zur Weltklasse gehört. Am 28. Mai bei der Partie zwischen Frankreich und Irland war es für Nabil Fekir so weit: Der kleine bärtige Spielmacher mit dem starken linken Fuß dribbelte durch die dichte Abwehr der Iren, immer auf der Suche nach der Chance zum tödlichen Pass. Das erste Tor der Franzosen durch Oliver Giroud bereitete er vor, das zweite erzielte er selbst.

Vor dieser Nacht von Paris hatten der 24-jährige Fekir und Frankreichs 19 Jahre alter Stürmer Kylian Mbappé (der beste U20-Spieler der Welt) nur 25 Minuten zusammen für ihr Land gespielt. Doch nun harmonierten die beiden so miteinander, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.

Etwa eine Woche später flog Fekir nach Liverpool, um beim Champions-League-Finalisten einen Vertrag zu unterschreiben. 60 Millionen Euro sollte Fekir kosten, heißt es. Doch der Transfer kam nicht zustande. Sein bisheriger Klub Lyon sagte, er habe den Wechsel noch verhindert. Doch es deutet alles darauf hin, dass Liverpool feststellte, dass Fekir sich noch mit den Folgen einer Knieverletzung von vor drei Jahren herumplagt.

Fotostrecke

8  Bilder
Frankreichs Spielmacher Nabil Fekir: "Unser Messi"

Derzeit wohnt Fekir mit der französischen Nationalmannschaft in einem Vier-Sterne-Hotel außerhalb Moskaus. Bei jeder anderen Auswahl wäre er wahrscheinlich als Spielmacher für die Weltmeisterschaft in Russland gesetzt, bei den Franzosen hat er es nur knapp in den Kader geschafft. Vermutlich wird er bei der WM meist auf der Bank sitzen. Frankreich hat viele Talente, viele besondere Spieler. Die Fußballseite "transfermarkt.de" bilanziert den Wert des französischen Kaders auf 1,08 Milliarden Euro - mehr als jede andere Nation.

Warum das so ist, lässt sich mit Fekirs Geschichte gut erklären.

1993 wurde er in Villeurbanne geboren, einer kleinen Industriestadt in der Nähe von Lyon. Er ist der älteste von vier Söhnen, seine Eltern kamen aus Algerien nach Frankreich. Sein Vater Mohamed, ein Metallarbeiter, arbeitete ehrenamtlich als Trainer in einem kleinen Fußballklub. Robert Mouangué war Jugendtrainer von Nabil Fekir, er erinnert sich: "Manchmal rief mich Mohamed mit einer einzigen Frage an: 'Hat Nabil sich gut benommen?'"

Von den Straßen der Banlieues ins Nachwuchszentrum von Lyon

"Nabilon", wie ihn enge Vertraute noch heute nennen, war ein introvertierter Junge, der Zinédine Zidane anhimmelte, seinen Vorgänger als Frankreich-Spielmacher mit algerischen Wurzeln. Ein Leben als Blaupause des französischen Fußballers der Neuzeit: Auch Mbappé und Paul Pogba wuchsen in Kleinstädten auf und wurden von ihren aus Afrika stammenden Vätern trainiert. Pogbas Vater benutzte beim Coaching seiner drei Söhne Bälle, die er steinhart aufgepumpt hatte, weil er dachte, das würde die Schusskraft stärken. Alle drei Söhne wurden später Profis.

In den Banlieues kicken die Kinder bis tief in die Nacht, aber inzwischen profitieren sie auch vom ausgeklügelten, zentralisierten Trainingssystem des Landes. Egal wo in Frankreich: Der lokale Fußballverein verfügt über ausgebildete Trainer. "Nabilon" schaffte es in Lyons Nachwuchsleistungszentrum. Eine Institution, die schon Karim Benzema (Real Madrid), Samuel Umtiti (Barcelona), Corentin Tolisso (Bayern München) und Alexandre Lacazette hervorgebracht hat.

Als Fekir 14 Jahre alt war, ließ Lyon ihn ziehen. "Es fehlte ihm an Kraft", sagte der Scout des Vereins, Gérard Bonneau, der Zeitung "Libération". Diese Einschätzung stammt aus einer Zeit, in der in der Trainerlehre vor allem auf Körperlichkeit Wert gelegt wurde. Antoine Griezmann, jetzt der größte Star der Nationalmannschaft, wurde als Jugendlicher ebenfalls gleich von mehreren Vereinen in seiner Heimat abgelehnt, weil er als zu zerbrechlich galt, ehe er in Spanien bei Real Sociedad unterkam.

Die Favoriten, die Stars, die Außenseiter - alle Gruppen in der Analyse

Kurz danach fand ein Umdenken im französischen Fußball statt, fortan stand wieder die spielerische Qualität im Vordergrund. Lyon bat Fekir, inzwischen 18 Jahre alt, zurückzukommen, wenn auch zunächst nur für ein Jahr. Er setzte sich schnell durch. Er treffe den Ball "monumental", schwärmt Zidane, "unser Messi" nennt ihn Lyons Sportdirektor Bernard Lacombe.

Vor drei Jahren stand Fekir vor einer Entscheidung, die viele junge Talente in Frankreich treffen müssen: Sollen sie für Frankreich spielen oder für die Heimat ihrer Eltern? In Fekirs Fall gibt es viele Gerüchte, er soll zunächst Algerien gewählt haben, ehe ihn ein wutentbrannter Lacombe davon abbrachte. Kurz darauf wurde er von Frankreich berufen. Und so wurde er nicht von französischen Nationalisten als Abtrünniger beschimpft, sondern von algerischen Nationalisten. Jeder arabisch-französische Mann, der es zu Ruhm bringt, bekommt schnell zu spüren, dass er sofort auch zum umstrittenen Symbol wird. Fekir hat sich eingerichtet in der Rolle des "guten Migranten", vielen in Frankreich ist er aber zu fromm.

Als ihm im September 2015 in einem Freundschaftsspiel gegen Portugal die Bänder in seinem Knie rissen, schien Fekirs Entscheidung für Frankreich hinfällig. Er verpasste die EM 2016 im eigenen Land, und viele befürchteten, er werde nie sein Potenzial ausschöpfen können. Er schaffte trotzdem das Comeback, die vergangene Saison war die beste seiner Karriere.

Als Lyons Kapitän kam er auf 18 Liga-Tore und sieben Vorlagen, und das, obwohl er erneut mehrere Wochen mit Knieproblemen ausfiel. Der Höhepunkt der Saison war der 5:0-Sieg im Derby bei St. Etienne. Seine Gegenspieler versuchten hartnäckig, ihn zu foulen, und nachdem er das fünfte Tor für Olympique geschossen hatte, zog er sein Shirt aus und schwenkte es triumphierend in Richtung der tobenden Heim-Fans. Es folgte ein Platzsturm und die Partie musste lange unterbrochen werden, aber das war es vermutlich wert.

Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps war von Beginn an ein großer Bewunderer von Nabil Fekir. Und dann fiel vor Kurzem auch noch Konkurrent Dimitri Payet verletzt aus. Ob das aber für eine Berufung von Fekir in die Startelf reicht, gilt als unwahrscheinlich.

Und dann ist die Frage, ob sich ein großer Verein findet, der das Risiko eingeht und ihn verpflichtet. Vielleicht ist es ja doch Liverpool. Lyon könnte "Nabilons" Abgang gut verkraften - es findet sich sicher bald ein neues geniales Eigengewächs.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.