Belgiens Nationalspieler Fellaini Plan F

Hazard, de Bruyne, Lukaku: Samtfüßige Stars gibt es bei Belgien genug. Marouane Fellaini ist der Gegenentwurf, ein Fremdkörper im Spielsystem - aber in wichtigen Momenten genau deshalb besonders wichtig.

Marouane Fellaini
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Marouane Fellaini

Aus Moskau berichtet Raphael Honigstein


Bevor Abdellatif Fellaini seinen Sohn Marouane beim RSC Anderlecht einschreiben konnte, wurde er von dem Brüsseler Verein erst einmal ins Stadtamt geschickt. Der Junge war mit acht Jahren schon so auffallend groß, dass der Klubsekretär auf eine Geburtsurkunde bestand. Die Zweifel an dem mittlerweile 1,94 Meter langen Mann mit der Pusteblumen-Frisur und an seiner sehr eigenen Art von Wucht-Fußball sind seitdem nie ganz verflogen.

Bei Anderlecht durfte er trotz offensichtlicher Begabung nicht mit der Elite-Jugend spielen, sondern nur in der zweiten Mannschaft, die aus vielen sozial schwächer gestellten Kindern bestand. Sein aus Marokko eingewanderter Vater, der als Busfahrer arbeite, aber in seiner Heimat Profitorhüter gewesen war sowie ein glühender Verehrer von Hans-Peter Briegel, vermutete, dass Anderlecht sich an Fellainis Herkunft störte. Doch laut Jugenddirektor Paul Schraepen bevorzugte der Verein "explosivere, schnellere, technisch bessere Typen."

Nachdem die Familie nach Mons umzog, landete Marouane Fellaini mit 15 Jahren bei Sporting Charlerois und brachte seinen Jugendtrainer zur Verzweiflung: Er fand nirgends Fußballschuhe in Größe 47 für ihn. Standard Lüttich erkannte sein Potenzial, aber auch seine Schwächen. Johan Boskamp, sein erster Profitrainer, ließ ihn Stundenlang Seilhüpfen, damit er seine Koordination verbesserte.

Obwohl der als defensiver Mittelfeldspieler oder Strafraum-Rammbock verwendbare 30-Jährige vor wenigen Tagen seinen Vertrag bei Manchester United bis 2020 verlängerte und danach Belgien als Einwechselspieler mit einem typisch kraftvollen Kopfball zum 2:2-Ausgleich gegen Japan (Endstand 3:2) mit ins Viertelfinale hievte, wird er ob seiner ungelenken Spielweise weiterhin sehr kritisch beäugt, weswegen Nationaltrainer Roberto Martinez vor dem Match gegen Brasilien mal wieder zu einer großen Verteidigungsrede anheben musste.

Belgiens Trainer Roberto Martinez und Marouane Fellaini
AFP

Belgiens Trainer Roberto Martinez und Marouane Fellaini

"Er ist einer dieser Spieler, mit denen man zusammenarbeiten muss, um zu erkennen, was er wirklich mitbringt", sagte der Spanier dem Internetportal Goal.com. "Seine technischen Fähigkeiten werden unterschätzt. Er ist ein Teamspieler, der in jeder Aktion sein Letztes gibt; ein Krieger, den jeder Trainer in seiner Mannschaft haben will."

Fellaini (85 Länderspiele, 18 Tore) hat als Spezialist für wilde Strafraum-Momente eine höllische Effektivität entwickelt, die ihn auch für Mannschaften mit weitaus kultivierteren Gangarten unverzichtbar macht. Das ist sein Trumpf und zugleich sein großes Dilemma. Er wird als Anti-System-Spieler gebraucht, als fußballerischer Fremdkörper, der sich in seiner eisernen Sperrigkeit im Nebenjob auch als Auflaufblock am Atlantikwall verdingen könnte. Sein Erscheinen auf dem Rasen ist oft ein Zeichen von höchster Not: Plan F, die fleischgewordene Brechstange, kommt zum Einsatz, wenn der Ball nicht mehr wie geplant in schönen Bahnen läuft, sondern kreuz und quer durch die Gegend fliegt.

Viele Manchester-United-Fans waren alles andere als glücklich, als am Wochenende seine Weiterbeschäftigung im Old Trafford verkündet wurde. Sie sehen in ihm eine Symbolfigur des spielerischen Verfalls seit dem Abschied von Sir Alex Ferguson vor fünf Jahren.

"Das Einzige, das du von ihm hörst ist: 'Danke, Trainer'"

David Moyes, der Nachfolger des Schotten, hatte sich zusammen mit Uniteds Geschäftsführer Ed Woodward vor Beginn seiner ersten Saison im Sommer 2013 wochenlang um Stars wie Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Cesc Fabregas bemüht, am Ende aber für 32 Millionen Euro nur den weitaus weniger glamourösen Ellbogen-Kicker aus dem Brüsseler Vorort Etterbeck verpflichtet, mit dem er zuvor fünf Jahre lang erfolgreich beim FC Everton zusammengearbeitet hatte. "Marouane macht alles, was du von ihm verlangst, und das Einzige, das du nach einer Übungseinheit von ihm hörst ist: 'Danke, Trainer'", lobte ihn Moyes.

Er blieb auch nach Moyes' Demission im Frühjahr 2014 unter Louis van Gaal und José Mourinho ein gern genommener Teilzeit-Faktor, der allerdings bei den Schiedsrichtern auf der Insel unter besonderer Beobachtung steht. 86 Gelbe und fünf Rote Karten hat er seit 2008 in der Premier League gesehen, sein Stil ist selbst für den eher toleranten Unparteiischen eine Spur zu ruppig. Fellaini glaubt, dass seine Größe und die extravagante Frisur ihn nur leichter auffallen lassen. "Bei mir ist das erste Foul immer eine Verwarnung", klagte er.

"Ich bin der Bösewicht"

Nachdem er im Dezember 2016 wenige Sekunden nach seiner Einwechslung gegen Everton zwei Minuten vor Schluss einen Elfmeter zum 1:1 verschuldete, entlud sich die latente Unzufriedenheit des United-Anhangs über seine mitunter grobe Ballbehandlung in einem Pfeifkonzert beim nächsten Heimspiel. "Ich bin der Bösewicht, der Mörder; wenn ich all das glauben würde, was die Leute über mich sagen, hätte ich schon längst in Rente gehen müssen", sagte Fellaini der "Daily Mail". "Aber das wird nicht passieren. Die Kritik spornt mich nur an, es allen zu zeigen."

Im Viertelfinale gegen Brasilien (20 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) bietet sich dafür eine schöne Gelegenheit, vielleicht zur Abwechslung sogar von Anfang an. Im Duell mit den kombinationsstarken Südamerikanern kann Fellaini als Spielfluss-Zerstörer und Kampfmaschine Briegelscher Prägung endlich mit dem glänzen, was ihm sonst gerne vorgeworfen wird.



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halverhahn 06.07.2018
1. Kenne ihn von einigen Spielen in der Premier League bzw Championsleaque
Und mein Fazit zu ihm: Ich mag ihn null, da er immer wieder zu Nickeligkeiten neigt. Und hinterher dann gerne das Unschuldslamm spielt! Solche Spieler liebe ich wie kalte Füße!!
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