Duell der B-Teams von Belgien und England Mit dem Fußballspielen hatten sie es nicht so

Belgien gegen England, darauf hatte unser Redakteur Danial Montazeri hingefiebert. Und dann das! Die Teams spielten mit der Reserve - die Engländer sogar ohne großen Siegeswillen. Eine Leidensgeschichte.

Eine der wenigen Torraumszenen im Spiel England gegen Belgien
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Eine der wenigen Torraumszenen im Spiel England gegen Belgien


Selbst das Traumtor war irgendwie lächerlich.

Adnan Januzaj wackelt seinen Gegenspieler im Strafraum aus, dann schlenzt er den Ball mit links ins lange Eck, ein wirklich hübscher Treffer für Belgien. Natürlich wird er ironisch gebrochen. Januzajs Mitspieler, Noch-BVB-Stürmer Michy Batshuayi, versucht nämlich, den Ball wegzudreschen, trifft dabei aber den wenige Zentimeter breiten Pfosten. Der Ball prallt zurück, mitten in Batshuayis Gesicht. Eine Szene wie aus einem Slapstick-Film.

England gegen Belgien, das hätte ein Highlight der WM-Vorrunde sein können. Die Engländer hatte ich bereits beim 6:1 gegen Panama erlebt, ich wusste, wie geschickt sich Harry Kane im Strafraum bewegt, sah manch perfekt getimten Spielzug. Belgien aber kannte ich nur vom Bildschirm. Die Laufwege von Romelu Lukaku, die Pässe von Kevin De Bruyne, Eden Hazards Dribblings, das versprach pure Magie. Auf SPIEGEL ONLINE kündigte ich die Partie als vielleicht attraktivste des Turniers an. Wie naiv.

Auf 17 Positionen hatten die Trainer ihre Teams verändert

Statt Hazard spielt Marouane Fellaini, ein Turm von einem Mann, gut im Kopfball und Zweikampf, nur mit dem Fußballspielen hat er es nicht so. Auf insgesamt 17, ja, siebzehn Positionen hatten Belgien und England ihre Mannschaften vor diesem Vorrundenfinale verändert. Sie spielten mit B-Teams, am Ende gewinnt Belgien 1:0 (0:0).

Dazu muss man wissen, dass der Gruppensieger im Turnierverlauf den deutlich schwierigeren Weg gehen würde. Der Unterlegene müsste Kolumbien schlagen, dann noch den Sieger aus dem Duell Schweden gegen Schweiz, schon wäre er im Halbfinale. Das Motto der Partie lautete also: Gewinner verliert. Es ist daher nachvollziehbar, dass die Trainer nicht voll auf Sieg spielen lassen.

"Wir wollen unsere Spiele gewinnen, wir sind also nicht glücklich mit dieser Niederlage", sagt Gareth Southgate nach der Partie. Er habe sicherstellen wollen, dass seine Schlüsselspieler im Achtelfinale fit seien. Er wisse um die Kritik, die es nun geben werde, sagt er, und dann, fast entschuldigend: "Unsere Fans wissen schon, was das Wichtigste ist."

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Zumindest die im Stadion wissen es nicht. Zunächst singen und feiern sie noch, dann werden sie leiser, dann wütend. Nach 20 Minuten gibt es erstmals Pfiffe. Als die erste Hälfte vorbei ist, pfeifen nicht mehr nur die Engländer. Menschen strömen von den Rängen in Richtung Wurst- und Bierstände. Ob sie wiederkommen werden?

Währenddessen mache ich mir noch Notizen zur Taktik: zu den unterschiedlichen Rollen der belgischen Doppelsechs; wie anders die Spitzen ihre Rollen im Vergleich mit Belgiens Stammspielern interpretieren; was England ändern müsste, um hinter die belgische Pressinglinie zu kommen. Doch je länger das Spiel dauert, desto klarer wird, wie unsinnig das ist. Die Teams werden so kein zweites Mal antreten.

Dabei hätte das Spiel so viele Erkenntnisse bringen können. Kaum ein WM-Teilnehmer spielt so offensiv wie Belgien. Ob das gegen eine konterstarke Mannschaft wie England funktioniert? Und die Engländer, die bislang so unterhaltsam gespielt hatten: Würde ihre Defensive einem Sturm wie dem der Belgier standhalten?

Sie schießen ja nicht absichtlich nicht aufs Tor

Es ist nicht so, dass die Spieler absichtlich keine Tore schießen. Nur stehen sie in dieser Anordnung auch zum ersten Mal auf dem Feld. Viele Profis wittern zudem ihre Chance: Wenn nur ein Tor gelänge, vielleicht wäre ich dann auch im Achtelfinale in der Startelf, so der Gedanke. Hilft nur dem Teamerfolg wenig.

Marcus Rashford zum Beispiel. Im letzten Test vor dem Turnier war dem Stürmer von Manchester United ein unglaubliches Tor gelungen, er trickste, wirbelte, wurde von den Zuschauern gefeiert. Bei der WM stand er dann trotzdem nicht in der Startelf, bis jetzt.

In der 66. Minute läuft er aufs belgische Tor zu, neben ihm sein ebenso ungedeckter Mitspieler, Ruben Loftus-Cheek. Ein Querpass, und dieser könnte den Ball ins leere Tor schieben. Doch da kommt kein Querpass, Rashford versucht es selbst und schießt daneben.

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Belgiens Sieg gegen England: Ein Treffer gegen die Langeweile

Die englischen Fans haben sich damit abgefunden. Ab irgendeinem Punkt in der zweiten Halbzeit fangen sie an zu feiern, und das ziehen sie durch. Die Schlussphase, Southgate will einen Stürmer einwechseln. Er winkt aber nicht Superstar Kane heran, sondern Danny Welbeck. Welbeck ist der letzte Feldspieler gewesen, der zuvor noch keine Minute gespielt hatte. Ich muss daran denken, wie ich als Schüler zum Julklapp mal ein Scherzpaket erhielt, außen hübsch, innen hohl.

20 Minuten nach dem Abpfiff sind die Tribünen menschenleer, bis auf eine. Dort sind einige Hundert belgische Fans, die nicht aufhören wollen zu feiern. Es ist das dritte Mal in der Geschichte der Belgier, dass sie eine WM-Vorrunde als Erster abschließen.

Nach dem Spiel wird Belgiens Trainer Roberto Martínez gefragt, ob er sich, Hand aufs Herz, freuen könne über den Sieg. "Ehrlich, ich bin glücklich", sagt er. Alle Planspiele seien ohnehin nicht hilfreich, denn das gehe nun mal nicht, so ein Turnier durchzuplanen. "Wir haben ja gesehen, dass große Nationen ausgeschieden sind", sagt Martínez. Eigentlich war es nur eine. Aber das ist die Geschichte einer anderen Enttäuschung.



insgesamt 24 Beiträge
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uffta 29.06.2018
1. Taktik im Turnier
War für die Zuschauer natürlich nicht so schön. Aber wie wäre der Bericht ausgefallen, wenn Deutschland die ersten beiden Spiele gewonnen, das Achtelfinale schon sicher gehabt und im dritten Spiel dann die Kräfte zu Lasten der Zuschauer geschont hätte? Dann wäre es die goldrichtige Taktik gewesen.
Jan B. 29.06.2018
2.
War doch fast zu erwarten. Sowohl England als auch Belgien waren bereits weiter, also warum die eigenen Spieler einem unnötigen Verletzungsrisiko aussetzen oder sich verausgaben? Aus meiner Sicht haben beide Teams vollkommen logisch gehandelt.
Weltbürger-EU 29.06.2018
3. Geht's noch?
Bis Mittwoch haben wir, wie bei jeder EM und WM nur eine Mannschaft verfolgt. Deutschland. Seit Mittwoch haben wir 2 Spiele gesehen und beide waren spannender als Spiele von Deutschland. Was wollt ihr mit solchen Artikeln erreichen? Nur schlecht reden? Ist es schwer Spaß an einem Spiel, nochmal, SPIEL, zu haben? Wenigstens waren die B's hungrig und nicht übersättigt. Und ja, das sie noch unerfahren uns adrenalin gefüllt waren hat man auch angesehen. Doch alle spielen besser als ich und es macht Spaß Neulinge zu sehen.
Mr T 29.06.2018
4.
Zitat von Weltbürger-EUBis Mittwoch haben wir, wie bei jeder EM und WM nur eine Mannschaft verfolgt. Deutschland. Seit Mittwoch haben wir 2 Spiele gesehen und beide waren spannender als Spiele von Deutschland. Was wollt ihr mit solchen Artikeln erreichen? Nur schlecht reden? Ist es schwer Spaß an einem Spiel, nochmal, SPIEL, zu haben? Wenigstens waren die B's hungrig und nicht übersättigt. Und ja, das sie noch unerfahren uns adrenalin gefüllt waren hat man auch angesehen. Doch alle spielen besser als ich und es macht Spaß Neulinge zu sehen.
Hungrig und nicht uebersaettigt? Die haben sich zum Schluss noch weniger bemueht als die deutsche Elf. Ob da der Trainer, die Anordnung gibt bloss nicht zu gewinnen oder unentschieden zu spielen
M. Vikings 29.06.2018
5. So schlecht fand ich die belgische B-11 nicht.
Da war es einigen der Spieler offensichtlich egal, dass ihr Trainer im Viertelfinale lieber nicht auf Brasilien treffen will. Hätten alle Spieler unserer A-11 so einen Willen gezeigt, hätte man sagen können: "O.K. sie konnten es nicht besser." So bleibt nur zu sagen: "Schimpf und Schande über unsere Loser-Bande."
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