Belgiens Erfolg gegen Japan In zwölf Sekunden zum Sieg

Das gab es seit 48 Jahren in keinem K.-o.-Spiel einer WM: Belgien drehte einen 0:2-Rückstand noch zum Sieg. Ein perfekter Konter warf Japan aus dem Turnier.

Belgien Siegtreffer durch Nacer Chadli (r.)
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Belgien Siegtreffer durch Nacer Chadli (r.)

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Der Konter des Turniers: In der vierten Minute der Nachspielzeit fing Belgiens Torhüter Thibaut Courtois eine Flanke ab und warf den Ball schnell zu Kevin De Bruyne. Der trieb ihn mit hoher Geschwindigkeit nach vorne und spielte im entscheidenden Moment rechts raus zu Thomas Meunier. Der flankte dann scharf in die Mitte, wo Romelu Lukaku den Ball mit Nerven wie Drahtseilen durchließ, so dass der hinter ihm positionierte Nacer Chadli einschieben konnte. Vom Abwurf Courtois' bis zum Tor Chadlis vergingen exakt zwölf Sekunden.

Das Ergebnis: Belgien besiegte Japan nach 0:2-Rückstand noch 3:2. Hier geht's zur Meldung.

Japans vier Minuten: Der russische Spieler Wladimir Granat soll vor seiner Einwechslung beim gestrigen Achtelfinalspiel gegen Spanien an einem mit Ammoniak beträufelten Wattebausch geschnüffelt haben. Wir wissen nicht, in was die japanischen Spieler in der Halbzeitpause ihre Nasen gesteckt haben, gewirkt hat es auf jeden Fall. In der 48. Minute nutzte Genki Haraguchi das schlechte Zweikampfverhalten von Jan Vertonghen, um aus halbrechter Position satt ins lange Eck zu vollstrecken. Vier Minuten später wurde Shinji Kagawa vorm Strafraum nicht angegriffen, legte kurz ab zu Takashi Inui, der mit einem punktgenauen Schuss ins rechte Eck traf.

Die erste Hälfte: Nach flottem Beginn der Japaner übernahmen die favorisierten Belgier die Initiative, kamen aber trotz 26 Ballkontakten im gegnerischen Strafraum nicht zu Torchancen. Das sah auf der gegenüberliegenden Seite etwas anders aus: Der nur 169 Zentimeter große Inui kam in der 31. Minute gegen die zahlreichen Hünen in der belgischen Abwehr zum Kopfball, konnte das Tor von Courtois allerdings nicht entscheidend in Gefahr bringen. Das übernahm der Schlussmann des Chelsea FC in der 44. Minute dann selbst: Eine an sich harmlose Verlängerung von Yuya Osako ließ Courtois durch die Beine, griff aber rechtzeitig vorm Überqueren der Torlinie doch noch zu. Durchatmen, Halbzeit!

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Die zweite Hälfte: Der Doppelpack durch Haraguchi und Inui sorgte für wacklige Knie bei den Belgiern. Eine gute Viertelstunde später brachte sie eine Standardsituation zurück ins Spiel. Japans Torhüter Eiji Kawashima zeigte sich zum wiederholten Mal unsicher nach einer hohen Flanke, so dass der Ball auf dem Kopf des unbedrängten Vertonghen landete, der aus obskurer Position und reichlich Entfernung eine Bogenlampe ins lange Eck vollenden konnte (69. Minute). Fünf Minuten später der Ausgleich. Nach einer Flanke von Eden Hazard traf Marouane Fellaini erneut per Kopf (74.). Zwei belgische Kopfballtreffer in einem WM-Spiel? Das gab's zuletzt 1970. Dann kam dieser wunderbare Konter.

Goldenes Händchen: Nach dem 0:2 ähnelte Belgiens Trainer Roberto Martínez auf frappierende Weise einem gewissen Joachim L. aus Schönau im Schwarzwald. Die Verzweiflung legte sich wie ein Schatten auf sein Gesicht. Doch ein geglückter Doppelwechsel ließ den Spanier im Dienst der "Roten Teufel" wieder aus dem sportlichen Grab heraushüpfen. In der 65. Minute brachte er Chadli und Fellaini, beide trafen. Jetzt wartet am Freitag Brasilien (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Turnierbaum: Nun also Neymars Brasilianer, bei einem Sieg gegen den Titelfavoriten würde der Gewinner aus Frankreich-Uruguay warten. Schwerer geht es nicht. Mit einem weinenden Auge wird man auf Seiten der Belgier auf die schattig kühle Seite des Turnierbaums schauen: Russland, Kroatien, Schweden, Schweiz und Kolumbien sind die Kontrahenten des Vorrundengegners England auf dem Weg ins Finale. Andererseits: "Wer Weltmeister werden will, muss alle schlagen." (Kevin De Bruyne). Recht hat der Mann.

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Wie 1970 (und ein bisschen wie 1982): Nach 0:2 noch gewinnen? Das gab es bei einem K.-o.-Spiel der Weltmeisterschaft zuletzt zwischen England und Deutschland am 14. Juni 1970. Damals lag die DFB-Elf bis zur 68. Minute mit zwei Toren hinten und gewann durch Treffer von Franz Beckenbauer, Uwe Seeler und Gerd Müller noch 3:2. Allerdings fiel dieser erst in der Verlängerung, die Belgier schafften es bereits in der regulären Spielzeit. Im Halbfinale 1982 lagen die Deutschen in der Verlängerung 1:3 gegen Frankreich zurück, bevor ihnen der Ausgleich und der Sieg im Elfmeterschießen gelang.

Belgien- Japan 3:2 (0:0)
0:1 Haraguchi (48.)
0:2 Inui (52.)
1:2 Vertonghen (69.)
2:2 Fellaini (74.)
3:2 Chadli (90.+4)
Belgien: Courtois - Alderweireld, Kompany, Vertonghen - Meunier, De Bruyne, Witsel, Carrasco (65. Chadli) - Mertens (65. Fellaini), E. Hazard - Lukaku
Japan: Kawashima - H. Sakai, Yoshida, Shoji, Nagatomo - Shibasaki (81. Yamaguchi), Hasebe - Haraguchi (81. Honda), Kagawa, Inui - Osako
Schiedsrichter: Malang Diedhiou (Senegal)
Gelbe Karte: - / Shibasaki

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
weiterso 02.07.2018
1. Frankreich - Uruguay ...
kleine Verbesserung Argentinien ist leider schon raus, also Gewinner Frankreich-Uruguay nicht ... Turnierbaum: Nun also Neymars Brasilianer, bei einem Sieg gegen den Titelfavoriten würde der Gewinner aus Frankreich-Argentinien warten.
CancunMM 02.07.2018
2.
schade! Leider wollte Japan in der letzten Minute zu viel. Fast alle Ecken führten sie richtigerweise kurz aus und hatten danach fast immer Chancen. Bloß die letzte Ecke Flanken sie unsinnigerweise lang.
CitizenK2 03.07.2018
3. ?
"Wir wissen nicht, in was die japanischen Spieler in der Halbzeitpause ihre Nasen gesteckt haben, gewirkt hat es auf jeden Fall." Sollte es ein schlechter Witz sein, oder möchten Sie hier etwas implizieren? Die Japaner sind so schlecht, sie konnten es nur mit Doping und unlauteren Mitteln geschafft haben? War auch die 2:2 gegen Senegal wohl einem Ammoniakwattepad zu verdanken, wenn es nach dem Spiegel ginge? Würden Sie es über andere Nationen genau so schreiben? Wenn nicht, woran liegt es wohl?
hansriedl 03.07.2018
4. Knapp, aber doch
Ein mitreisendes Spiel. Beide hätten den Sieg verdient.
um-1914 03.07.2018
5. Schade
Ich hätte es den Japanern gegönnt. Sie haben mutig und gewitzt gespielt. Bravo Samurais!
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