Belgiens Fußball-Nationalmannschaft Multikulti mit System

England geschlagen, Brasilien ausgeschaltet, Fans entzückt: Nie war Belgien so gut wie heute. Dass so viele Spieler einen Migrationshintergrund haben, ist kein Zufall. Sondern Ergebnis eines staatlichen Versuchs.

Lukaku spricht zum Team
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Lukaku spricht zum Team

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Achtelfinale, 2:2, vorletzte Minute Nachspielzeit. Die Multikulti-Show geht los. Torwart Thibaut Courtois, Flame mit wallonischen Vorfahren, fängt die Ecke der Japaner ab. Er wirft den Ball dem Flamen Kevin De Bruyne in den Lauf. De Bruyne dribbelt über das halbe Feld, spielt nach außen zu Thomas Meunier. Der Wallone passt am Strafraum in die Mitte; Romelu Lukaku, Stürmer mit kongolesischen Vorfahren, lässt den Ball durch. Der Halb-Marokkaner Nacer Chadli schiebt ihn ins Tor. Der spanische Trainer Roberto Martinez jubelt. Dann liegen sie sich in den Armen: die jungen Männer auf dem Rasen des Stadions von Rostow. Und sogar die Menschen vor Großbildleinwänden in Brüssel, Antwerpen oder Charleroi. In diesem Moment sind sie alle: Belgier.

Nie zuvor hat Fußball den zerrissenen, vom Nationalitätenkonflikt zwischen Flamen und Wallonen geprägten Staat im Herzen Europas so elektrisiert wie in diesen Tagen. Hunderttausende werden sich an diesem Dienstag Abend auf Marktplätzen und Fanmeilen versammeln, um gemeinsam ihre Roten Teufel anzufeuern im WM-Halbfinale gegen Frankreich. Das wäre normal in vielen Ländern. Nicht aber in Belgien, einer Nation ohne echtes Nationalgefühl, in der niederländischsprachige Flamen, französischsprachige Wallonen und Zuwanderer meist nebeneinanderher leben.

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WM 2018: Belgiens goldene Generation

Es ist nicht das erste WM-Halbfinale für Belgien: 1986 erreichten sie schon einmal die Vorschlussrunde - dienten dann aber als Slalomstangen für Argentiniens Diego Maradona. Verglichen mit den heutigen Ballkünstlern waren die damaligen Teufel Rumpelfußballer. Und sie waren längst nicht so eine bunte Truppe wie die von 2018.

Multikulti sei gescheitert, selbst im Fußball. So versuchen rechte Kreise das Debakel der deutschen Nationalmannschaft zu verkaufen. Belgiens Kicker beweisen: Diese Behauptung ist Unsinn. Zwölf der 23 Spieler im aktuellen WM-Kader haben einen Migrationshintergrund. Kein Zufall. Sondern das Resultat von gezielter Förderung - und dem Versuch des Staates, Migranten über Sport besser in die Gesellschaft zu integrieren.

Johan Leman
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Johan Leman

Johan Leman, 71, hohe Stirn und Nickelbrille, ist Dominikaner-Pater, Anthropologe - und ein Urvater des belgischen Fußballwunders. Dies begann in den Neunzigerjahren, als Belgien seine erste große Migrationskrise erlebte. Die Eingliederung vieler Zuwanderer aus Nordafrika, der ehemaligen Kolonie Kongo, und von Bürgerkriegsländern aus dem zerfallenden Jugoslawien schienen den überschuldeten Staat zu überfordern. Einerseits entstanden in Großstädten soziale Brennpunkte wie Brüssel-Molenbeek, andererseits feierte der rechtsextreme Vlaams Blok große Wahlerfolge. Kriminalität und Drogenhandel blühten in einigen Vierteln, mehrmals kam es sogar zu gewaltsamen Unruhen.

Pater Leman, der damals für die belgische Regierung in Migrationsfragen arbeitete, musste Vorschläge liefern, um die Lage in den Problemvierteln zu verbessern. Einer seiner Ansätze war der Fußball. "Natürlich funktioniert Integration vor allem über Bildung. Aber man kann nicht aus jedem Menschen einen Ingenieur machen", sagt Leman im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Sport kann Struktur in das Leben von Menschen bringen, sie von der Straße holen. Er kann nachbarschaftlichen Zusammenhalt fördern und Rollenvorbilder hervorbringen." Entsprechend viel Geld stellte die Regierung für soziale Projekte rund um Jugend und Sport bereit. Zahllose Bolzplätze entstanden in Problemvierteln von Städten wie Brüssel, Lüttich, Genk oder Antwerpen. Oft waren es Kleinspielfelder, wo technische Fähigkeiten, Gewandtheit und Schnelligkeit besonders gefragt sind.

Nach dem Vorrunden-Aus bei der Heim-EM 2000 begann die Revolution

Nach einiger Zeit fand Leman einen mächtigen Verbündeten: den belgischen Fußballverband. Dessen Spitzenfunktionäre erkannten das fußballerische Potenzial der Jugendlichen in den Brennpunkten. Zunächst führte der Verband Anti-Rassismus-Kampagnen, schickte Trainer in Problemviertel. Und nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2000 im eigenen Land startete der Verband unter der Ägide des Technischen Direktors Michel Sablon ein revolutionäres Nachwuchsförderprogramm.

Der Verband stellte den Vereinen mehr Geld für Jugendausbildung bereit, sodass viele Klubs die Kids mit kostenlosem Training locken konnten. Sablon beauftragte eine Universität, 1500 Jugendfußballspiele zu filmen und systematisch zu analysieren. Heraus kam, dass schon Kindermannschaften viel zu sehr auf kurzfristigen Erfolg statt auf technische Fähigkeiten und Einbeziehung aller Mitspieler setzten.

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Daraufhin schaffte der Verband Rankings für unter Achtjährige ab - und forcierte das Training auf Kleinspielfeldern mit kleinen Mannschaften: 2 gegen 2, 5 gegen 5, 7 gegen 7, wo Einzelne mehr Ballkontakte kriegen. Parallel baute Sablon im Umfeld der großen Städte Förderzentren für herausragende Talente auf: mit Unterstützung des Staates und in enger Zusammenarbeit mit Vereinen und Schulen. Unter diesen besonders begabten Jugendlichen waren auffallend viele Straßenkicker aus den Problemvierteln.

Es wäre eine Lüge, zu behaupten, die Integration von Migranten sei in Belgien besonders gut gelungen. Nach wie vor gibt es Parallelgesellschaften - etwa in Brüsseler Gemeinden wie Molenbeek oder Anderlecht, wo Dealer auf offener Straße harte Drogen verkaufen und radikale islamistische Prediger zum Dschihad aufgerufen haben.

Aber Brüssels Westen hat nicht nur Terroristen wie den Bataclan-Attentäter Salah Abdeslam und Abdelhamid Abaaoud produziert, sondern auch reihenweise Ausnahmefußballer. Gleich acht WM-Teilnehmer sind durch die Nachwuchsförderung des RSC Anderlecht gegangen. Weitere drei (De Bruyne, Courtois und Ersatztorwart Koen Casteels) haben ihr Handwerk in der Fußballschule des flämischen Vereins KRC Genk gelernt, vier in Beerschot bei Antwerpen, einer in Droixhe bei Lüttich. Sie sind der Kern der "Goldenen Generation". Und fast alle sind schon vor Jahren ins Ausland gegangen, um besser zu werden und besser zu verdienen. Die belgische Liga kann ihnen das nicht bieten.

Belgiens Startelf gegen Brasilien
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Belgiens Startelf gegen Brasilien

Besonders verehrt werden in Brüssels Problemquartieren Romelu Lukaku und Abwehrchef Vincent Kompany sowie die marokkanischstämmige Marouane Fellaini und Eden Hazard. "Kongolesische und marokkanische Familien, die sich nie mit diesem Staat identifiziert haben, ziehen bei dieser WM plötzlich mit der belgischen Trikolore auf die Straße", erzählt Johan Leman. "Sie haben nun ihre Helden." Und diese Helden verleugnen ihre Wurzeln nicht. Lukaku, der einen vielbeachteten Artikel über seine Kindheit in bitterer Armut geschrieben hat, nennt sich selbst einen "Belgier" und rühmt das Land wegen seiner ethnischen Vielfalt. Kompany hat den lokalen Verein FC Bleid Molenbeek gekauft - und ihm einen weniger vorbelasteten Namen gegeben: BX Bleid Brussels.

Diese Fußballer sind die Rollenvorbilder geworden, die sich Johan Leman einst erhofft hatte. Der Anthropologe leitet heute ein Integrationszentrum für Jugendliche in Molenbeek. Er freut sich, wenn Menschen hier nach den großen Siegen über England, Japan oder Brasilien gemeinsam feiern: Marokkaner und Kosovo-Albaner, Kongolesen und Türken, Flamen und Wallonen.

Mit dem Trainer wird Englisch gesprochen

Aber wird das neue Miteinander die WM überdauern? Werden Belgier nun im Alltag offener gegenüber Zuwanderern - und Migranten integrationsbereiter? Sorgen die Erfolge der Roten Teufel gar für so etwas wie nationale Einheit?

Leman ist skeptisch. Integration sei ein langwieriger Prozess - und Belgien werde ein von Spannungen geprägtes Land bleiben. "Aber wenn es etwas mehr Gemeinschaftsgefühl gibt, wenn Menschen erkennen, dass sie zusammen mehr erreichen als jede Gruppe für sich, ist das ein Fortschritt."

Eben das machen ihnen die Nationalspieler vor, wenn sie nach Siegen noch einmal auf dem Feld einen Kreis bilden und sich selbst stark reden. Trainer Martinez spricht mit ihnen übrigens weder Französisch noch Niederländisch, Spanisch, Arabisch, Lingala oder Albanisch. Nein, er redet Englisch. Die einzige gemeinsame Sprache, die alle im Team verstehen. Und Fußball, natürlich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, 13 der 23 Spieler im belgischen WM-Kader hätten einen Migrationshintergrund. Dazugezählt wurde fälschlicherweise auch Eden Hazard, da er marokkanischstämmig sei.



insgesamt 39 Beiträge
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!!!Fovea!!! 10.07.2018
1. Ist doch egal,
Hauptsache es wird guter Fußball gespielt. Mein Traumfinale heißt: Belgien - England. Hier in Deutschland sieht man in der aktuellen DFB Debatte doch, wie schrecklich weit wir hier im Denken zurückliegen, in Bezug auf Özil u.a. Andere Mannschaften spielen Fußball, hier wird sich aufgeregt, wenn ein Spieler die Hymne nicht mitsingt. Geht es hier um einen Gesangswettbewerb oder Fußball? Und ehrlich, wenn ich mir manche Stimmen anhören (egal von welcher Nation), wenn die Hymne gesungen wird, denke ich mir, bitte still sein.... oder nur Lippen bewegen....
okonski 10.07.2018
2. Eden Hazard
Ich denke nicht, dass Eden Hazard marokkanischstämmig ist. Seine Eltern Thierry und Carine sind jedenfalls Belgier und auch in Belgien geboren. Davon abgesehen ist es ein interessanter Artikel. Es scheint tatsächlich so, dass die Belgier eine richtige Mannschaft auf dem Platz haben. Das war in der Vergangenheit sicher nicht immer der Fall.
TheBear 10.07.2018
3. Verwechselung.
"Natürlich funktioniert Integration vor allem über Bildung. Aber man kann nicht aus jedem Menschen einen Ingenieur machen"" Da wurde leider, wie so oft, Bildung mit Ausbildung verwechselt. Beides ist wichtig, aber um Menschen mit "Migrationshintergrund" gut integrieren zu können braucht es beides. Dabei ist die Bildung der "Eingeborenen" besonders wichtig, denn gute Bildung verhindert unter anderem auch rassistisches Denken, Denken in simplen Kategorien. Für die Migranten ist Ausbildung wichtig, um einen Job zu finden, Bildung hingegen um zu erkennen, dass sie nun in einer neuen Kultur sind und nicht ihre Ursprungskultur einfach beibehalten können.
moe.dahool 10.07.2018
4. Belgien vs Frankreich
wäre mein Traumfinale. Schon allein aus politischen Gründen. In Frankreich behaupten Le Pen und andere Ewiggestrige, dass Multikulti der Grund für das Versagen der N11 in den letzten beiden Jahrzehnten war. Jetzt können die beiden Mannschaften zeigen was Sportsgeist, aber auch was feiner Fußball sind. Özil mal außen vor gelassen, der kartoffeldeutsche Rumpeltruppe hätte es gut getan, wenn ein Sané dabei gewesen wäre. Ein Nationalspieler sollte mit Stolz gefüllter Brust auf den Platz laufen, dass er sein Land vertreten darf. Er ist einer der auserwählten 11/82000000. Ein Özil, ob nun türkischstämmig oder nicht, ist das beste Beispiel für Wohlstandsübersättigung. Wie Mario Basler schon konstatierte, gegen große Mannschaften hat er stets versagt, in BuLi, der PL, oder der N11.
Maler 10.07.2018
5.
Ist doch egal, wie bunt die Truppe ist. Ich drücke den Belgiern die Daumen und hoffe das sie Weltmeister werden!
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