Belgiens Sieg gegen Brasilien Die Konterkönige

Mit atemberaubenden Kontern begeistert Belgien bei der WM. Trainer Roberto Martínez überraschte Brasilien mit seiner Taktik - benötigte aber auch etwas Glück.

Jubelnde Belgier
AFP

Jubelnde Belgier

Aus Kasan berichtet


Jede Mannschaft hat bei dieser Weltmeisterschaft von der Fifa einen Song zugewiesen bekommen, der einmal vor den Spielen und im Falle eines Siegs direkt nach Schlusspfiff gespielt wird. Bei Belgien ist das "Freed from Desire" von Gala, und man fragt sich, ob es tatsächlich kein Lied mit etwas mehr Bezug zu dieser Fußballnation gibt. Aber nun ist es so, und deshalb wummerte nach dem historischen 2:1-Sieg über Brasilien dieser Song aus den Boxen der Kasan-Arena, als Spieler und Betreuer auf dem Rasen eine so enge Jubeltraube bildeten, dass beim Zuschauen die Luft wegblieb.

"Want more and more, people just want more and more", heißt es in dem Lied und das taugt zum Motto nach diesem - von beiden Mannschaften - hinreißenden Spiel. Die statistischen Daten belegten mit 27:9-Torschüssen, knapp 59 Prozent Ballbesitz und einer Passquote von fast 90 Prozent eine Überlegenheit Brasiliens. Doch vor allem in der ersten Hälfte war es das belgische Team, das begeisternden Konterfußball zelebrierte.

Schon beim 3:2-Sieg gegen Japan im Achtelfinale brachte einer dieser Konter die Entscheidung. Das Tempo des gesamten Angriffs, der Pass von Kevin De Bruyne, der Laufweg und die Täuschung von Romelu Lukaku, der Abschluss von Nacer Chadli - all das hatten die Brasilianer vor wenigen Tagen gesehen. Sie waren gewarnt, wussten um diese belgische Stärke und konnten es doch nicht verhindern. "Als die Spieler vor dem Anpfiff im Tunnel standen, habe ich in die Augen gesehen und wusste, dass sie bereit sind", sagte Belgiens Trainer Roberto Martínez.

Der Spanier hatte großen Anteil an dem Erfolg, denn seine Umstellungen in der Startelf überraschten die Brasilianer und gaben seinem Team den Platz für die im Eiltempo vorgetragenen Gegenstöße. Zunächst war es jedoch, passend zu dieser WM, wieder eine Standardsituation, die Belgien in Führung brachte (13. Minute). Nach einer Ecke von Chadli irritierte Vincent Kompany mit seinem verfehlten Kopfball gleich zwei Gegenspieler und von Fernandinhos Arm sprang der Ball ins Tor.

Doch das 2:0 entsprang erneut einem Konter, der so simpel wie makellos war (31.). Nach einem Eckball der Seleção kam Lukaku im Mittelfeld vor Fernandinho an den Ball und schüttelte seinen Schatten ab. Der Stürmer drehte sich, beschleunigte, zog mehrere Gegenspieler auf sich und ließ Fernandinho und Paulinho mit einem simplen Schritt zur Seite aussteigen. Im richtigen Moment folgte das Abspiel auf die rechte Seite zu De Bruyne, der nur noch Marcelo vor sich hatte. Dank der abwartenden Haltung des Linksverteidigers bot sich dem Mittelfeldspieler von Manchester City die perfekte Lücke für einen platzierten Flachschuss ins linke Eck.

Es war eine von diversen Kontergelegenheiten, die sich Belgien boten. Martínez hatte in der Abwehr von Dreier- auf Viererkette umgestellt. Chadli spielte dafür im Mittelfeld, die beiden Angreifer Lukaku und Eden Hazard kamen über Außen und De Bruyne rückte an deren Seite ins Sturmzentrum. Das hatten die Brasilianer so nicht erwartet und war der Schlüssel für diese außerordentliche erste Hälfte. "Wenn Du an die Stärken der Spieler glaubst, kannst du auch flexibel sein", sagte der Trainer zu seinen Veränderungen.

Erst Taktik, dann Mentalität

In der zweiten Hälfte drohte das Spiel aus belgischer Sicht zu kippen. Mit den Einwechslungen von Roberto Firmino, Douglas Costa und Renato Augusto sowie einigen Umstellungen wurde das Spiel der Brasilianer zielstrebiger, und die Roten Teufel schafften es nicht mehr so gut, ihre Konter vor das Tor von Alisson Becker zu bringen. Und so musste sich auf der anderen Seite Thibaut Courtois zur Bestform aufschwingen, um Belgien im Spiel zu halten.

Außerdem blieb es bei dem einen Gegentor von Augusto (76.), weil der China-Legionär wenig später freistehend aus 16 Metern eine zweite Großchance vergab - und weil Schiedsrichter Milorad Mazic bei einem Foul von Vincent Kompany an Gabriel Jesus gemeinsam mit seinem Video-Assistenten Daniele Orsato nicht auf Elfmeter entschied. Es war eine umstrittene Szene, denn das Foul war klar erkennbar, womöglich hatte der Ball beim Kontakt aber bereits die Torauslinie überschritten. Hier hatte Belgien Glück, für Martínez war aber etwas anderes entscheidend:

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"In so einer Phase ist es kein Spiel der Taktik mehr", sagte der 44-Jährige: "Dann geht es um Mentalität, um Willen, um Leidenschaft, um Kommunikation auf dem Platz." Belgien machte längst nicht mehr alles richtig, stemmte sich aber gegen ein zweites Gegentor, was vermutlich die Wende gebracht hätte. "Fehler passieren im Fußball, wir haben Fehler gemacht", sagte Martínez: "Es ist wichtig, wie man als Mannschaft darauf reagiert."



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
jamguy 07.07.2018
1. interessant
beide Manschaften absoluter Profifussball da können sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden !
desmoulins 07.07.2018
2. Ballbesitzfussball, ade?
Wenn man Brasilien gestern gesehen hat und also eine bessere Mannschaft mit derselben Art des Fussballspielens, wie es Herr Löw dem deutschen Spiel angewöhnt hat, scheitern hat sehen, muss die Frage erlaubt sein, ob überfallartigem Spiel aus grundsolider Verteidigung heraus nicht doch die Zukunft gehört. Nur -- geht das überhaupt, wenn zwei Mannschaft wie Belgien gegeneinander spielen wollen?
odenkirchener 07.07.2018
3. Gratulation...
... an unsere westlichen Nachbarn. Nicht nur wg. der ähnlichen Fahne (so von wg ändern der eigenen Fanartikel), drück ich Belgien die Daumen. Belgien hat auch durch's Königshaus Verbindung zu Deutschland. Und zu guter letzt, vielleicht hilt's gegen den Spaltpilz, der ja auch in Belgien wächst. Jetzt noch ein Mittel gegen den Megastau um Anvers finden und ich bleib euer Fan. . .
gammoncrack 07.07.2018
4. Im Netz haben sich die Ereignisse wegen des
nicht gegebenen Elfmeters mal wieder überschlagen. Ich habe ja kein Problem damit, dass Urs Meier im ZDF rumwettert, weil es seiner Meinung nach ein Elfmeter war. Dass er aber ein Standbild als Beweis heranzieht, bei dem der Fuß des Gegenspielers noch 10 cm vom gegnerischen Bein entfernt war und der Ball da die Linie noch nicht überschritten hatte, spricht nicht gerade für Objektivität. Er hatte sich sofort aufgeregt und wollte seine Meinung erkennbar nicht ändern.
hooge789 07.07.2018
5. Freue mich fuer Belgien
Sie haben gut gespielt und die Mannschaft ist eine Einheit.
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