Sportliche WM-Bilanz Viel mehr als ein 7:1

Für Fifa-Boss Gianni Infantino ist es die beste WM der Geschichte - dem muss widersprochen werden. Aus sportlicher Sicht wird das Turnier aber in Erinnerung bleiben, das liegt auch am Mut der Außenseiter.

Kylian Mbappé
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Kylian Mbappé

Aus Moskau berichtet


Gianni Infantino war in seinem Element. Nach schwierigen Monaten mit viel Gegenwind für seine Alleingänge kann der Fifa-Präsident in Russland wieder lachen. Ein Jahr vor einer möglichen Wiederwahl trat Infantino vor die Presse, umschiffte alle kritischen Themen mit einer Leichtigkeit, die Sepp Blatter erblassen lassen müsste und setzte einen Meilenstein.

"Ich habe es schon vor dem Turnier gesagt, aber jetzt kann ich es mit noch größerer Überzeugung wiederholen: Es war die beste Weltmeisterschaft der Geschichte", sagte Infantino. Und dann zählte der König des Eigenlobs auf: die Auslastung in den Stadien, der Videobeweis, die Sicherheit, die Infrastruktur, die Party in Russland, das Anti-Doping-Programm der Fifa bis hin zur spielerischen Qualität des Turniers. "Wir können Fußball wieder leben und atmen", sagte Infantino.

Nun ist es aber so, dass die Gesamtbewertung einer Weltmeisterschaft nicht losgelöst vom politischen Umfeld des Gastgebers vorgenommen werden kann. Das war 1978 in Argentinien schon so, das gilt umso mehr für eine WM in Russland. Es kann nicht das beste Turnier der WM-Historie sein.

Aus sportlicher Sicht war es allerdings tatsächlich ein Turnier, das in Erinnerung bleiben wird. Es wurden keine Taktik-Trends gesetzt, das spielerische Niveau hinkt den Top-Begegnungen der Champions League hinterher, es blieben erstaunlich viele Favoriten auf der Strecke. Und doch hat die WM 2018 viel Spaß verbreitet. Das sind die Gründe:

Belgiens Romelu Lukaku beim 3:2-Sieg gegen Japan
AFP

Belgiens Romelu Lukaku beim 3:2-Sieg gegen Japan

  • Spiele, die in Erinnerung bleiben

Es mag am deutschen Fokus liegen, aber bei der WM 2014 überstrahlte der 7:1-Sieg der DFB-Elf im Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien alle anderen K.-o.-Spiele - und der kam nur zustande, weil sich die Seleção in einem desolaten Zustand präsentierte. In Russland war das anders. Schon in der Gruppenphase gab es mit dem 3:3 zwischen Spanien und Portugal einen spielerischen Höhepunkt, der in Erinnerung bleiben wird und mit dem französischen 4:2-Finaltriumph über Kroatien eine eindrucksvolle Klammer bildete.

Das Achtelfinale lieferte mit dem 4:3-Sieg Frankreichs gegen Argentinien und dem 3:2-Erfolg der Belgier gegen Japan zwei weitere bemerkenswerte Spiele. Belgiens siegbringender Konter wird dank Romelu Lukakus Laufweg tatsächlich in die WM-Geschichte eingehen. Die Roten Teufel waren dann im Viertelfinale am besten Spiel der WM beteiligt, als sie selbst Brasilien eine Halbzeit lang mit Konterfußball übertölpelten, der Favorit aber stark zurückkam und das Weiterkommen ebenso verdient gehabt hätte. Und dann sind da noch die Kroaten, die in drei K.-o.-Spielen zurücklagen, dreimal den Ausgleich schafften und dreimal im Elfmeterschießen oder in der Verlängerung gewannen.

Paolo Guerrero
Getty Images

Paolo Guerrero

  • Mutige Außenseiter

Mit Russland und Schweden standen zwei Mannschaften im Viertelfinale, für die - bei den Russen in der Runde davor, bei Schweden im gesamten Turnier -, defensive Absicherung über allem stand. Doch es gab auch andere Ansätze, weniger erfolgreich, aber schön anzuschauen. Peru, Marokko, Tunesien, Iran und Senegal spielten mutig nach vorne, drängten Favoriten ihrerseits in die Defensive, erspielten sich sehr viele Torchancen, erzielten zusammen 15 Treffer - und schieden doch alle nach der Vorrunde aus.

  • Das Spiel dauert nicht mehr 90 Minuten

Es ist nicht überliefert, wie viele Spielberichte umgeschrieben werden mussten, wie viele fast fertige Zeitungsseiten nicht gedruckt werden konnten. Bis zum Finale fielen 19 Tore in der Nachspielzeit, die aufgrund großer Theatralik und langen Diskussionen mit Schiedsrichtern - ein ärgerlicher Negativtrend dieser WM -, häufig bei fünf oder sechs Minuten lagen. Hinzukamen vier Elfmeterschießen und der kroatische Sieg über England in der Verlängerung. Das ist aus fußballerischer Sicht kein Qualitätsmerkmal, steht aber für einen Geist, den Kroatiens Trainer Zlatko Dalic wie ein Mantra wiederholt: "Niemals aufgeben."

Kylian Mbappé (links) im Laufduell
AFP

Kylian Mbappé (links) im Laufduell

  • Mehr als Messi und Ronaldo

Ein Blick auf die vier Halbfinalisten zeigt: Es war nicht die WM der Individualisten, mannschaftliche Geschlossenheit hat wieder an Bedeutung gewonnen. Argentinien scheiterte, weil Messi verschwand. Portugal scheiterte, weil außer Cristiano Ronaldo kaum ein Spieler torgefährlich war. Brasilien scheiterte, weil Neymar nicht zu 100 Prozent auf Fußball konzentriert war.

Und doch gab es Spieler, die aus den Kollektiven herausragten und in Zukunft den Weltfußball mitbestimmen werden. Bei Frankreich ist das Kylian Mbappé, dessen Sprints wie Wettbewerbsverzerrung wirken und der zum Nachwuchsspieler des Turniers gewählt wurde. Belgien bietet mit Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku gleich drei außergewöhnliche Offensivspieler. Und den Goldenen Ball, die Auszeichnung für den besten Spieler der Weltmeisterschaft, bekam mit dem kroatischen Kapitän Luka Modric ein Spieler, der wie kaum ein Zweiter Teamgeist und den Willen, andere glänzen zu lassen, verkörpert.

Lesen Sie hier eine gesellschaftliche Bilanz zur WM
insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
gerechtzz 16.07.2018
1. WM 14 nicht spektakulär???
Äh, war da nicht noch das 5:1 der Niederländer gegen Spanien in der Gruppenphase der WM 14? Die Siege Uruguays gegen England und Italien?
hbb258 16.07.2018
2.
Zitat von gerechtzzÄh, war da nicht noch das 5:1 der Niederländer gegen Spanien in der Gruppenphase der WM 14? Die Siege Uruguays gegen England und Italien?
..das scheint der Autor wohl verdrängt zu haben. Ich stimm ihnen voll zu, die WM14 hatte viele sportliche Höhepunkte und gute Spiele. Insgesamt finde ich die Berichterstattung von dieser WM ohnehin ziemlich übertrieben. Ich habe sie bis auf die paar spannenden Spiele (Japan-Belgienz.B.) nicht so spektakulär und klasse empfunden wie überall berichtet wird. Auch die Stimmung ist für eine WM wichtig, und da wir mir die letzte WM in Südamerika deutlich stimmungsvoller. In Russland hingegen gab es ja sogar halb leere Stadien in der K.O. Phase. Ich habe das Gefühl die Sportjournalisten sind ein wenig zu arg im Fußballfieber.. das hochgelobte England fand ich längst nicht so gut, die hatten eine katastrophale Abwehr.. Frankreich sehe ich auch längst nicht vor einer goldenen Zukunft.. das ist noch Luft nach oben.
sischwiesisch 16.07.2018
3. Also
dazu fällt mir nichts mehr ein. Die WMs 2014, 2010 und 2006 waren allesamt spannender und interessanter. Das der Fifachef so redet ist ja klar. Ein Witz.
roger09 16.07.2018
4. sportliche Bilanz
Wo zeigten sich die deutschen Tugenden, wo zeigte sich die Fussballnation Deutschland als Turniermannschaft? Die deutschen Tugenden wurde explizit von den Aussenseitern uebernommen. Die Millardenbevoelkerungen Chinas etc. werden sowieso zukunftsorientiert Messis, Ronaldos in Serie "produzieren" und den sogenannten Weltfussball kraeftig durcheinanderwirbeln werden. Formel 1 Hero Hamilton wird dabei mit der Aussage "Money wins" ins Schwarze getroffen haben..........
hnf0506 16.07.2018
5. Zum Teil gruseliges, defensives Gekicke
Die EM 2016 war schon eine Zumutung, insbesondere das gruselige Gekicke des späteren Siegers Portugal. Bei dieser WM wurde es, von Ausnahmen abgesehen, nicht besser. Überwiegend Spiele mit wenig Torchancen aus dem Spiel heraus und 10 Spieler in der Defensive. Fußball zum Abgewöhnen! Habe das erste Mal (seit Jahrzehnten) ein Finale verpasst. Katar wird nicht besser werden!
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