Russland und die Fußballweltmeisterschaft Wem diese WM wirklich gehört

Peter Ahrens ist Sportreporter. Während der WM reiste er durch Russland, erlebte große und schlechte Spiele, peinliche Fifa-Funktionäre - und traf wunderbare Menschen. War die Vergabe an dieses Land und seinen Machthaber richtig?

Fußballfans in Moskau
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Fußballfans in Moskau


Als die Weltmeisterschaft in Russland erst zur Hälfte gespielt war, hat Aleksej Sorokin bereits den Satz des Turniers gesagt. Der Cheforganisator der WM ist in der Lage, viele sehr glatte Sätze zu formulieren, darüber, wie perfekt Russland den Ablauf des Turniers gestalte, aber dann kamen von ihm diese Worte: "Die einfachen Leute, die kann man nicht organisieren."

Es ist ein Satz, den man als Banderole über das jetzt endende Turnier hängen sollte. Eher als "Here to create" oder "Welcome to the Games" oder gar "Best Never Rest", all diesen Unfug, den sich die Werbeagenturen in ihren Meetings erdacht haben. Die einfachen Leute, die kann man nicht organisieren.

Einen wie Igor zum Beispiel. Er besitzt ein kleines Restaurant in der zweiten Reihe hinter der Strandpromenade in Sotschi am Schwarzen Meer. Marina führt mit ihm die Geschäfte, sie kommt aus Abchasien. Eigentlich wollte Marina studieren, Lehrerin werden. Sie hat Englisch gelernt, dann war in ihrer Heimat Krieg. Sie floh, landete in Sotschi und hält Igors Laden am Laufen. Der Chef sitzt gerne mit Kumpels am Tisch und ist sein bester Kunde.

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Auch an diesem Abend, es ist der 22. Juni, der Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion, in jedem Fall ein Anlass zum Trinken. Irgendwann werden wir Deutschen vom Nebentisch dazu geholt. Igor findet, es ist ein guter Abend, um auf die Freundschaft zwischen Russen und Deutschen anzustoßen. Igor ist ein Meister im Nachschenken. Die Welt, sie schrumpft auf die Größe eines Wodkaglases.

Man kann sie nicht organisieren, die einfachen Leute

Nach dem sechsten Wodka findet Marina, dass es aller Historie zum Trotz vielleicht gut ist, die Deutschen zu schonen. "I love the World Cup, all the people from so many countries, now here in Russia. I wish you good luck", gibt sie uns auf den Weg. Sehr gute Wünsche für den Heimweg. Die Strandpromenade hat Serpentinen bekommen.

Auch einen wie Sergej kann man nicht organisieren. Er fährt Taxi, und die WM ist gut, "weil hier jetzt so viele Ausländer sind, die viel zu viel Trinkgeld geben". Wir lachen, und dann balanciert er sein Taxi durch die Moskauer Verkehrshölle, das Trinkgeld gibt er mir beim Bezahlen zurück.

Und auch Marija kann man nicht organisieren. Sie ist nicht mehr jung, ihr Mann ist tot, und sie geht regelmäßig auf den Moskauer Ehrenfriedhof Nowodewitschi, um die Skulpturen und Grabsteine der russischen Prominenz zu reinigen. Einfach so, weil es sonst keiner macht. Und weil Marija sie so verehrt, Sergej Eisenstein, den Regisseur, Nikolai Gogol, den Schriftsteller, Jekaterina Maximowa, die Primaballerina. Sie rückt ihnen mit Putzlappen und Gummihandschuhen zu Leibe, auf diese Weise ist sie ihnen noch einmal nah, "schade, dass sie tot sind. Russland könnte sie noch so gut gebrauchen".

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Man kann sie nicht organisieren, die einfachen Leute, auch nicht den Hotelbesitzer am Stadtrand von Samara, der noch nachts um drei mit den Gästen aus Mexiko und Brasilien zur Musik von Ed Sheeran auf dem Tisch tanzt und morgens um vier noch einem Mexikaner, der vor der Tür steht und noch keine Unterkunft hat, ein Zimmer andreht - 10.000 Rubel (zirka 140 Euro) die Nacht, das Doppelte des üblichen Preises. "It's business", es ist nur einmal WM, und wer weiß, wann sich wieder Touristen nach Samara verirren? Hier gibt es nur die Wolga und sehr viele Plattenbauten.

Lothar Matthäus gehört nicht mehr zu den einfachen Leuten, auch er hat seinen Auftritt bei dieser WM. Meistens sitzt er auf Einladung der Fifa im Stadion, er gilt als "Fifa-Legend", daher kann er sich eine gute Zeit machen. Einmal kickt er auf dem Roten Platz einen Fußball hin und her, seine Mitspieler sind Fifa-Boss Gianni Infantino und Russlands Präsident Wladimir Putin.

Putin hat Matthäus und ein paar andere ehemalige Fußballstars wie Marco van Basten und Peter Schmeichel in den Kreml eingeladen, sie sitzen im Anzug am Konferenztisch dem Präsidenten gegenüber. Matthäus sitzt neben Infantino, der die Zähne nicht weit genug auseinander bekommt bei jeder vermeintlich launigen Bemerkung Putins. Ansonsten sehen Matthäus und Co. aus wie Delegierte von einer Wirtschaftskonferenz, die mit Putin irgendetwas aushandeln, Getreidepreise oder Öllieferungen. Matthäus sieht jedenfalls nicht so aus, als hätte er noch irgendetwas mit Fußball zu tun.

Lothar Matthäus, Gianni Infantino, Wladimir Putin, Nikita Simonjan, Peter Schmeichel, Jorge Campos Navarrete (v. l. n. r.)
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Lothar Matthäus, Gianni Infantino, Wladimir Putin, Nikita Simonjan, Peter Schmeichel, Jorge Campos Navarrete (v. l. n. r.)

Matthäus, Putin und ein Trikot

Am Ende posieren sie für ein gemeinsames Foto, und die Fifa-Legenden überreichen Putin ein Fußballtrikot. Man muss daran denken, dass es in Deutschland viel Aufregung gibt, weil Mesut Özil dem türkischen Machthaber Erdogan ein Trikot übereicht hat, und es sehr viele Stimmen gibt, die ihn deswegen nicht mehr als Nationalspieler sehen wollen. Matthäus ist Ehrenspielführer des DFB, es gibt keinen, der verlangt hat, dass einer, der mit Putin in die Kamera lächelt und ihm ein Trikot überreicht, kein Ehrenspielführer mehr sein darf.

Diese am Sonntag zu Ende gehende Weltmeisterschaft ist eine WM des Wladimir Putin, sie ist eine WM des Gianni Infantino und des Lothar Matthäus. Es wäre schön, wenn man nicht völlig vergisst, dass es auch eine WM von Igor, Marina, Sergej und Marija war.



insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
Peter Friedrichs 15.07.2018
1. Nicht weniger richtig
"War die Vergabe an dieses Land und seinen Machthaber richtig?" und nicht weniger falsch als die dubiose Vergabe an Katar zur Winter-WM oder die Dreifaltigkeits-WM an Kanada, Mexiko und die USA.
Bergeshöh 15.07.2018
2. Ach, der Loddar...
Ist doch nichts Neues: die Autrokaten dieser Welt posen nun mal gerne medienwirksam. Mit wem? Am liebsten nach der Maxime, „Bekanntheit mal Naivität = maximaler Effekt“.
RuoTi 15.07.2018
3. Auf den Punkt gebracht!
Danke! Dieser Satz bringt es präzise zum Ausdruck: "Matthäus ist Ehrenspielführer des DFB, es gibt keinen, der verlangt hat, dass einer, der mit Putin in die Kamera lächelt und ihm ein Trikot überreicht, kein Ehrenspielführer mehr sein darf." In Deutschland messen viele immer noch mit zweierlei Maß.
thompopp 15.07.2018
4. Völkerverständigung
Das ist m.E. mal wieder so ein Versuch das Gute verbal in den Dreck zu ziehen. Diese Fußball WM ist gelungen. Warum auch nicht. Eine WM dient in erster Linie auch der Völkerverständigung --> Ziel erfüllt. Nebenbei: wir sind doch fast alle nur kleine Leute, oder!? Ich habe so langsam auch das Gefühl das die Realität, also z.B. das Verhältnis von 99,99 % der Völker in Europa untereinander gut bis sehr gut ist und das nur ein paar sog. Mächtige (nennt sich Elite) und vor Allem die Medienindustrie dier Welt ganz komisch sehen und sehen wollen. Der Obermächtige, Herr Putin, der in der Ukraine und in Syrien Krieg führt und sein Volk für dumm verkauft, hat sich immerhin zurückgehalten! Ich habe nicht wahrgenommen, daß Hr. Putin die WM zur Propadanda genutzt hätte, die westlichen Medien aber sehr wohl!
spon-facebook-10000608098 15.07.2018
5. Lustig ist es ja.
Wie man Widersprüche einfach so "wegspült" - via Psycho-Tricks, Framing genannt. Wie sonst soll man in der atlantischen Presse Karriere machen, wenn man Dinge anders darstellt - nämlich so, wie sie sind. Der Putin, der Putin. Was war am Jelzin denn so toll - bis auf dem Umstand dass Clintons Berater dem unfähigen Trinker zur Wiederwahl verhalfen - was aber keinen interessiert, da Wahleinmischung halt nur "die Anderen dürfen", Hörensagen-Vermutungen bezüglich russicher Einmischung aber so oft hochgekocht werden, dass man irgend wann fast davon ausgehen könnte, es wäre was dran. Bei der US-Einmischung muss man nichts vermuten- man weiss es, und es interessiert keinen, es dient nicht der erwünschten Meinungsmache. Nur will ich kein US-Frackinggas kaufen, da ist mir russisches Pipeline-Gas eben lieber. Ich will nicht aufrüsten - knapp 1 Bill. NATO-Länder-Rüstungsbudget ist nun mal das zigfache von den lächerlichen 70 Mrd. Russen-Armeegeld. Aber all da stellt kein Spiegel-Redakteur in Frage - weil er geframet ist. Sonst wäre er ja nicht Spiegel-Redakteur, wenn er eine andere Meinung hätte, als die , die er eben zu haben hat.
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