WM-Titelkandidat Brasilien Aus Spaß wird Ernst

Eigentlich stand Brasilien immer für schönen Fußball, für Dribblings, für Kunststücke und Traumtore. In Russland überzeugt die Seleção mit seriösen Auftritten - und ist gerade dadurch ein Titelkandidat.

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Aus Moskau berichtet


Auf Tites Gesicht erschien ein zufriedenes Lächeln. Kein Wunder, ein Reporter hatte nach dem 2:0-Sieg gegen Serbien gerade das wohl größte Kompliment ausgesprochen, das man dem brasilianischen Nationaltrainer machen kann. Die Seleção habe "wie eine Klubmannschaft" gespielt.

Tite ist eigentlich ein ausgewiesener Spezialist für den Vereinsfußball. Er hat eine lange Karriere bei ganz unterschiedlichen Klubs hinter sich. Mit einigen Erfolgen, aber auch mit etlichen Rauswürfen. Nach der Partie gegen Serbien begann der Trainer zu erzählen.

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Brasilien im Achtelfinale: Mehr als Neymar

Genau 24 Partien sei er nun für die Mannschaft verantwortlich, die vor vier Jahren an Deutschland zerbrochen war, rechnete Tite vor. Und in vielen Nächten habe er "nicht einschlafen können, vor lauter Gedanken an die Chemie und die Balance im Spiel".

Das Problem: Der Umgang mit den Spielern, mit der Atmosphäre, ist im Vereinsfußball der Alltag. Aber bei einem Nationalteam ist diese Arbeit aufgrund der kurzen Phasen des Beisammenseins schwierig. Bei den Brasilianern droht sie zudem ständig überdeckt zu werden von einer ewigen Hysterie, von Emotionen, Erwartungen und historischen Bezügen. Das war der Seleção auch zu Beginn des Turniers in Russland deutlich anzusehen.

Arbeitssieg statt "jogo bonito"

Nun aber hat die hochtalentierte Auswahl Brasiliens tatsächlich einige der spielerischen Feinheiten entwickelt, die sonst eher in Klubs zu sehen sind. Und das kann als entscheidender Fortschritt betrachtet werden. Die Einschätzung Tites nach dem Spiel gegen die engagierten Serben hatte dann auch wenig gemein mit der Idee des brasilianischen "jogo bonito" (deutsch: das schöne Spiel). Brasilien zauberte nur selten, verteidigte aber seriös, presste gut sortiert und schaltete schnell um. Es gab einen klaren Plan des Kollektivs. "Arbeitssieg" ist der Begriff, der in Deutschland gerne für solche nüchternen Erfolge verwendet wird.

Noch im ersten Spiel gegen die Schweiz war Brasilien in der zweiten Hälfte fahrlässig geworden. Beim Sieg in der Nachspielzeit gegen Costa Rica hatte das Team ein Drama inszeniert. Gegen Serbien war von beiden Schwächen nichts zu sehen. Nicht einmal die ewige Debatte um Superstar Neymar, seine Form, seine Theatralik bei Fouls, seine Schwalben oder seine Frisuren, bekam ein neues Kapitel.

Die Tore schossen Paulinho und Thiago Silva, Neymar blieb ohne Treffer, war aber trotzdem einer der Besten. Torschützenkönig wird er kaum noch werden, nachdem Harry Kane schon fünf und Cristiano Ronaldo sowie Romelu Lukaku vier Treffer erzielt haben. Aber vielleicht ist auch das eher gut für die Brasilianer. Es geht um die Mannschaft.

Neymar profitiert von der Balance im Team

"Ich bin mit mir im Frieden, ich erlaube mir heute Abend einen Drink zu nehmen", sagte Tite dann auch. Brasilien hat die Emotionen etwas heruntergefahren - und damit ein höheres Niveau erreicht. Das Team wächst mehr und mehr zu einem aufregenden Kollektiv und damit zu einem echten Titelfavoriten zusammen. Davon profitiert auch Neymar, der gegen Serbien weniger als Individualist, dafür aber als konstruktiver Teil einer Mannschaft auftrat.

Zwar gab es diese Phase zwischen der 60. und der 70. Minute, in der die Südamerikaner mächtig unter Druck gerieten und Serbien dem Ausgleich nahekam. Aber auch Potenzial zur Weiterentwicklung braucht ein Team in so einem Wettbewerb. Bei Weltmeisterschaften gewinnt am Ende selten die Mannschaft, die in der Vorrunde den brillantesten Fußball zeigt.

Außerdem haben die Brasilianer mit dem Sieg in der Nachspielzeit gegen Costa Rica bereits einen besonderen, emotionalisierenden Moment erlebt. Einen Moment, wie ihn Deutschland vor vier Jahren beim knappen Sieg gegen Algerien schuf und vor Kurzem gegen Schweden erreicht zu haben glaubte. Der DFB-Elf half dieser Moment diesmal nicht, bei Brasilien hingegen scheint er Energie freigesetzt zu haben. Das hilft auch dem Zusammenhalt.

"Die WM besteht aus zwischenmenschlichen Beziehungen", sagte Tite. Daran zu arbeiten, das hat der Coach im Vereinsfußball gelernt. Und das Zwischenmenschliche ist besonders einfach, wenn die Arbeit am Spiel alle überzeugt.



insgesamt 3 Beiträge
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hileute 28.06.2018
1. Würde ich ihnen, vor allem dem so tollen neymar
nicht gönnen, hoffe aber, das sie zumindest den Sieg von Frankreich verhindern, die kann ich noch weniger leiden
heikenpeiken 28.06.2018
2. Ja so ein Schwachsinnsartikel
Vor 4 Jahren wurden genau die gleiche Lobhudelei auf Brasilien geschrieben und dann gab´s 7:1 auf die Fresse. Es gibt kaum weniger aussagekräftige Artikel als die selbstüberschätzter Sportschreiberlinge. Ebenso das 1. Spiel gegen die Schweiz. Ausgleich kassiert und dann ging nichts mehr. Hätte Serbien gestern auch nur eine Chance erfolgreich in ein Tor verwandelt, hätten es ziemlich sicher gegen Brasilien sogar gewonnen. Die Brasilianer können nur solange was, wie sie sich kein Tor einfangen. DIsziplin und Aufstehmentalität bei einem Rückstand oder Ausgleich ist bei denen kaum vorhanden.
gigi76 28.06.2018
3. Brasilien wird Weltmeister
In den drei Spielen ist eine klare Weiterentwicklung zu erkennen, vor allem sieht man, dass Neymar immer mannschaftsdienlicher spielt. Gestern ist er kaum noch "umgefallen" oder hat unnötig reklamiert. Brasilien hat extrem gute Qualität in der Mannschaft und kann relativ variabel spielen. Auch scheint das Team physisch in einer sehr guten Verfassung zu sein. Gestern gab es Phasen wo Serbien mehrere Minuten nicht mehr an den Ball gekommen ist. 2014 wurde Brasilien durch die WM im eigenen Land und der Erwartungshaltung förmlich erdrückt. Nach dem immer noch nachwirkenden 7-1 Trauma sind die Leute jetzt vorsichtiger und auch froh, dass sich Deutschland aus dem Turnier verabschiedet hat. Wäre es im Achtelfinale zu einem Aufeinandertreffen gekommen und wäre Deutschland früh 1:0 in Führung gegangen, Brasilien hätte gezittert. Aber so wartet mit Mexiko eine machbare Aufgabe.
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