Schon wieder gescheitert Brasilien braucht einen anderen Neymar

Brasilien wurde zuletzt 2002 Weltmeister. Den sechsten Titel schafft die Seleção seitdem aber nicht, jetzt war Belgien die Endstation. Woran lag es diesmal? Eine Spur führt zu ihrem Superstar.

Enttäuschter Neymar
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Enttäuschter Neymar

Aus Kasan berichtet


Die Voraussetzungen waren so gut wie lange nicht. Brasilien, diese stolze Fußballnation mit ihrem jogo bonito, hatte mit Tite den richten Trainer, mit Neymar einen fitten Superstar, mit dem Schwerpunkt auf die Defensive die richtige Taktik und mit Frankreich nur noch einen echten Gegner im Turnier. Der sechste WM-Titel war realistisch - und dann kommen diese konterstarken Belgier und zerstören den Traum.

"Wer Fußball liebt, muss dieses Spiel gesehen haben", sagte Tite, den alle nur Professor nennen und der Brasilien vor dieser 1:2-Niederlage das Selbstvertrauen zurückgegeben hatte: "Bei allem Schmerz, es war ein wunderbares Spiel." Es war ein Spiel, bei dem Kleinigkeiten den Ausschlag gegeben haben, wie so oft im Fußball.

In der ersten Halbzeit lag die Seleção früh zurück, ließ vorher aber zwei Großchancen durch Thiago Silva (8. Minute) und Paulinho (10.) ungenutzt. Nach dem Rückstand folgte die schwächste halbe Stunde bei dieser WM. In dieser Phase hätten die Belgier mit ihren Umschaltaktionen mehr als ein weiteres Tor erzielen können. Doch nach der Pause beherrschte Brasilien das Spiel wieder, erhöhte die Anzahl der Torschüsse auf insgesamt 27 und hätte nach einem Foul von Vincent Kompany an Gabriel Jesus einen Elfmeter bekommen können, vielleicht sogar müssen.

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Belgiens Party, Brasiliens Aus: Und plötzlich sind die Europäer unter sich

"Ich glaube nicht an Glück", sagte Tite und schob alle Verschwörungstheorien beiseite. Torhüter Thibaut "Courtois war stark und deshalb hat der belgische Sieg nichts mit Glück zu tun". Unmittelbar nach dem Spiel wollte der Trainer nicht über seine Zukunft sprechen, mit der Copa América 2019 im eigenen Land und der WM 2022 in Katar warten aber große Aufgaben, die er vonseiten des Verbands wird angehen dürfen. Ähnlich wie bei Joachim Löw in Deutschland liegt die Entscheidung beim Trainer.

In der Fehleranalyse fallen dann aber doch drei Punkte auf, an denen Tite - so er denn weitermachen möchte - arbeiten sollte:

Brasilien braucht einen Torjäger

Unter Tite wurde bis zum Aus gegen Belgien nur ein Spiel verloren, dabei erzielten die Gegner innerhalb von zwei Jahren ganze sechs Gegentore. Hinten stimmt es also, sowohl in Sachen Taktik als auch in Sachen Disziplin. Stattdessen schaffte es Brasilien nicht, die vielen Torchancen auszunutzen.

Tite setzte auf Jesus als zentralem Stürmer, doch der Angreifer von Manchester City erzielte in Russland kein Tor. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Jesus erst 21 Jahre alt und seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Die Seleção wird erst wieder um Titel mitspielen können, wenn den spielstarken Neymar und Philippe Coutinho ein abschlussstarker Torjäger zur Seite gestellt wird.

Brasilien braucht Ersatz für Casemiro

Casemiros Wichtigkeit für das System von Tite ist bekannt. Der Sechser von Real Madrid ist laufstark, taktisch diszipliniert und entscheidet viele Zweikämpfe für sich. Dabei geht es nicht immer fair zu, deshalb fehlte Casemiro gegen Belgien wegen zwei Gelber Karten. Als Ersatz sprang Fernandinho ein und der Mittelfeldspieler von Manchester City fand nur schwer ins Spiel. Sein Eigentor zum 0:1 war unglücklich, aber in der Entstehung des zweiten Gegentreffers kam Fernandinho zu spät in den wichtigen ersten Zweikampf mit Romelu Lukaku und ließ ihn dann am Mittelkreis im Laufduell ziehen.

Fernandinho, 33, steht wie seine 1988 geborenen Mannschaftskollegen Paulinho und Renato Augusto nicht für die Zukunft im zentralen Mittelfeld. Casemiro hat in Zukunft einen sicheren Stammplatz, dahinter braucht es aber eine Erneuerung.

Brasilien braucht den vollen Fokus von Neymar

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WM-Aus: In weiter Ferne Neymar

Eines vorweg: Neymar ist ein außergewöhnlicher Fußballer, der mit seinen Fähigkeiten in der Lage ist, jedes Spiel zu entscheiden. Umso unverständlicher ist, dass er bei der WM seine Bestleistung gar nicht abrufen konnte. Stattdessen war er mit Nebensächlichkeiten beschäftigt: Neymar diskutierte in den fünf Partien mit den Schiedsrichtern, bauschte harmlose Fouls auf, nahm seinem Team so vereinzelt den Spielfluss und versuchte gegen Belgien mit einer nicht geahndeten Schwalbe einen Elfmeter herauszuholen.

Um Sympathie soll es hier nicht gehen. Solange Neymar seinen Job in größtmöglicher Konzentration ausüben würde, hätten seine Extravaganzen keine Auswirkungen. Er steht sich aber selbst im Weg. Anders als Cristiano Ronaldo, der seine Gier auf Erfolg trotz ähnlicher Spielereien nie verliert, scheint Neymar das in Russland etwas gehemmt zu haben.

insgesamt 46 Beiträge
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falleray 07.07.2018
1. Können wir mal aufhören...
... bei Belgien von einen vermeintlich kleinen Gegner zu sprechen? Wenn man sich diesen Kader anschaut, dann waren Sie von Anfang an einer der klaren Favoriten zumindest für die Top Vier dieses Turniers. Der Sieg gestern war daher keineswegs eine Überraschung...
Currie Wurst 07.07.2018
2. Neymar
sollte Eiskunstläufer werden. Doppeltulup mit Aufschrei beherrscht er perfekt, an den anderen Figuren muss er noch arbeiten, damit die Schiedsrichter auf ihn hereinfallen. Ansonsten braucht niemand diese Heulsuse. Brasilien war mal sympathisch mit Zico, Sokrates und tollem Fußball. Gestern haben sie auch gut gespielt, nur hält sich wegen der Heulsuse das Mitgefühl in Grenzen. Wenn man auf der anderen Seite die Belgier sieht mit Eden Hazard, de Bruyne, Lukaku und allen voran Courtois, dann bin ich nicht sicher, ob der eine Star für eine Mannschaft besser ist als ein homogenes Team. Immerhin: ab jetzt sind nur noch sympathische Teams im Wettbewerb :-)
Steffen Gerlach 07.07.2018
3. Hindsight Bias
Wenn die ganzen superschlauen Experten jetzt so wunderbar schlussfolgern können, warum BR verlieren musste, wieso haben sie dann vorher nichts davon verrlauten lassen? Warum ist man nicht bereit, die einfachste aller Erklärungen zu akzeptieren: Pech!
schehksbier 07.07.2018
4. Neymar
"Um Sympathie sollte es nicht gehen" ist aber recht kurz gegriffen. Neymar, zweifellos ein hervorragender Kicker, aber mit mehr als zweifelhaftem Verhalten! Seine miesen Schauspieleinlagen sind doch letztlich nichts anderes als versuchter Betrug und in höchstem Maße unsportlich. Wenn dieser Typ mit seinem Verhalten das angestrebte Ziel nicht erreicht hat, nehmen das sicherlich Viele genüsslich zur Kenntnis - auch wenn die Brasilianer ansonsten attraktiven Fußball spielen und damit durchaus begeistern.
Mr Bounz 07.07.2018
5. Superstars raus
Es ist schön zu sehen das alle "Superstars" schon Zuhause sind. Dieses armselige beten nach dem einen Heilsbringer nervt nur noch. In einem Mannschaftssport mit 11 Spielern ist es NIEMALS einer der den Sieg garantiert! Aber leider ist es in den letzten Jahren Hip geworden im Sport oder auch in der Politik den einen starken Mann zu suchen. Gewinnen wird immer die beste Mannschaft, mit oder ohne Superstar.
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