Brasiliens Nationaltrainer Tite Der Professor der Superstars

Vor zwei Jahren war Brasilien am Boden, dann kam Tite. Der Nationaltrainer hat die Seleção zum größten WM-Favoriten neben Frankreich geformt - vor allem durch die Art, wie er das Team aus Superstars führt.

Tite (r.), Neymar
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Tite (r.), Neymar

Aus Kasan berichtet


Man stelle sich vor, Bundestrainer Joachim Löw wäre bei der WM nicht alleine auf Pressekonferenzen erschienen. An seiner Seite stets ein Assistent, und bei Fragen zu Taktik oder statistischen Werten hätte Löw gesagt: "Fragen Sie doch mal den Miroslav." Und dann hätte Assistent Klose in seinen Aufzeichnungen geblättert und geantwortet.

Diese Vorstellung fällt schwer, auch wenn Löw Medienarbeit als lästig empfindet und er seine Co-Trainer Markus Sorg und Thomas Schneider zumindest an den spielfreien Tagen vorschickt. Bei der brasilianischen Mannschaft läuft das gänzlich anders. Hier tritt Nationaltrainer Tite grundsätzlich nicht alleine vor die Journalisten. Assistent Sylvinho, der als Außenverteidiger für Corinthians, Arsenal, Celta Vigo, Barcelona und Manchester City aktiv war, wird dann von Tite ab und zu ins Gespräch eingebunden: "Fragen Sie doch mal Sylvinho."

Im Video: "Tite könnte auch Präsident sein"

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Die Fragerunden dauern nur wenige Minuten, sagen aber sehr viel über Tite aus. Der 57-Jährige ist ein Teamplayer, das Mannschaftsgefüge spielt bei ihm eine entscheidende Rolle, für manche Spieler gilt er sogar als väterlicher Freund. Alle Profis und Mitarbeiter sollen wissen, wie wichtig sie für den Erfolg sind.

Gleichzeitig ist Tite aber auch eine Respektsperson, zwischen ihm und Sylvinho bleibt wie ein Symbol stets ein Stuhl frei. Der von Spielern und brasilianischen Journalisten Professor genannte Tite kann bisweilen auch autoritär auftreten, wenn ihm ein Thema wichtig ist. So wie bei den Diskussionen um die Theatralik von Neymar: "Er hat großen Druck und den Mut, das zu zeigen", sagte Tite nach dem 2:0-Sieg gegen Costa Rica in der Gruppenphase.

Tite statt Dunga - und der Erfolg kehrt zurück

Brasilien ist neben Frankreich der letzte Top-Favorit, der im Viertelfinale noch vertreten ist. Die bisherigen Partien haben gezeigt, dass die Seleção nach dem 1:7-Trauma von Belo Horizonte und zwei schlechten Jahren unter Carlos Dunga wieder ein echter Titelkandidat ist. Professor Tite hat das möglich gemacht, denn das Gerüst des Kaders war schon vor vier Jahren bei der Heim-WM dabei.

Adenor Leonardo Bachi, genannt Tite, hat seinen Spitznamen durch eine Verwechslung erhalten. Sein Vor-Vorgänger Luiz Felipe Scolari hatte ihn bei einem Probetraining fälschlicherweise mit diesem Namen eines anderes Spielers vorgestellt. Der Name ist geblieben: Als der Coach im Sommer 2016 als Nationaltrainer verpflichtet wurde, hieß er immer noch Tite - und die Verwunderung in Europa war groß. Ein Trainer, der als Spieler keine große Karriere hingelegt und im Anschluss fast ausnahmslos in heimischen Ligen gearbeitet hatte, soll diese Mannschaft voller begabter Individualisten zurück zum Erfolg führen?

In Brasilien ist und war die Stimmung anders. Tite gewann auf Klubebene diverse Titel, herausragend waren die Copa Sudamericana mit Porto Alegre sowie die Copa Libertadores und die Fifa-Klub-WM mit Corinthians. Im Land des fünffachen Weltmeisters hat Tite einen sehr guten Ruf und er ist sehr beliebt. Schon 2014 wurde er als Nachfolger von Scolari gehandelt, damals entschied sich der Verband mit Dunga für den größeren Namen.

Zwei Jahre später korrigierten die Verantwortlichen ihre Entscheidung und sehen sich nun bestätigt. "Tite ist ein fantastischer Trainer", sagte Brasiliens Legende Zico schon vor Monaten. "Er weiß alles über das Spiel und ist viel besser vorbereitet als Dunga. Für die Seleção war dieser Wechsel fundamental."

Schlüsselspieler Casemiro fehlt gegen Belgien

Tite hat mit der Seleção erst ein Spiel verloren. Das hat er geschafft, weil er mit seiner autoritär-einfühlsamen Art die Mannschaft hinter sich gebracht hat und diesen exzellenten Fußballern ein System an die Hand gibt, das sehr gut funktioniert. Besonders wichtig ist die Ordnung, mit Casemiro hat er einen Spielertyp zur Verfügung, der Lücken zuläuft, Bälle erobert und nie die von Tite geforderte Absicherung vergisst.

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Im Viertelfinale gegen Belgien (20 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird Casemiro wegen einer Gelbsperre fehlen. Das tut den Brasilianern weh, denn kein anderer Mittelfeldspieler bringt diese taktische Disziplin mit. Aber Tite wird die richtige Antwort haben, denn er hat auch seinen offensiven Mittelfeldspielern die Wichtigkeit der Defensivarbeit beigebracht. Alle müssen mitmachen, sogar Neymar.

Und wenn die Pflichten erledigt werden, lässt Tite seinen Spielern alle Freiheiten, um ihrer eigentlichen Bestimmung nachzugehen: dem jogo Bonito. Das schöne Spiel blitzt bei dieser WM immer wieder auf, wenn Neymar zu seinen Dribblings ansetzt, wenn Philippe Coutinho Doppelpässe spielt oder wenn Willian mit Tempo zum Tor zieht.

Wenn die Ordnung stimmt, guckt der Trainer voller Genugtuung zu: "Unser Erfolg und unsere Tore haben nichts mit dem Trainer zu tun, es ist das Repertoire meiner Spieler", sagt Tite. Er ist eben ein Teamplayer.



insgesamt 2 Beiträge
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Papazaca 06.07.2018
1. Tite scheint ein guter und sympathischer Trainer zu sein.
Und Brasilien ist - trotz aller Probleme - eines meiner Lieblingsländer. Trotzdem hoffe ich, das Lukaku diesen unsäglichen Neymar aus der WM rausballert. Wer hat gesagt, das wir freundlich und großzügig sein müssen? Nö, Neymar, ab in die Ecke .... und Tschüss ...
rjb26 06.07.2018
2. ich freue mich auf schönen Fussball
ganz ohne Löw.
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