Brasiliens erstes Spiel 50-Minuten-Weltmeister

Tricks, Traumtor, gute Taktik: 50 Minuten spielten die Brasilianer wie im Rausch. Dann brachte die Schweiz die Seleção mit einem Eckball völlig aus dem Takt. Den Titel holen die Südamerikaner vermutlich trotzdem.

Torschütze Coutinho
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Torschütze Coutinho

Aus Rostow am Don berichtet


Das Erste, was auffällt, wenn man die brasilianische Nationalmannschaft live im Stadion erlebt, ist das strahlende Gelb des Trikots. Es leuchtet viel stärker als am TV-Schirm.

Gelbes Shirt, dunkelblaue Hose, diese Kombination ist unverwechselbar, so spielen die Brasilianer seit einer Ewigkeit. Jeder Fußballfan ist mit dem Anblick vertraut, und wenn man den Dress das erste Mal live erlebt, kribbelt es, wie es früher kribbelte, als man im Kindesalter vor dem Fernseher saß und WM schaute.

Kein Sportevent zieht die Menschen so in den Bann wie die Weltmeisterschaft. Und keine Mannschaft fasziniert bei der Weltmeisterschaft mehr als Brasilien. Stets brachte das Land Spieler hervor, die aus Kindern Fußballfans machten. Pelé, Ronaldo, Ronaldinho - die Liste ist lang. Es waren auch nicht nur die Spieler selbst, sondern das, was sie in Brasilien Jogo Bonito nennen, die Ästhetik des Spiels.

Wenn der Atem stockt

Brasiliens Ronaldo der Gegenwart heißt Neymar. Der 26-Jährige hat allein bei Instagram fast 100 Millionen Follower. Warum, zeigt er auch beim 1:1 (1:0) gegen die Schweiz, obwohl er nach überstandenem Mittelfußbruch noch nicht bei einhundert Prozent sei, wie die Brasilianer betonen. Aber Neymar liefert, und mit ihm seine Teamkollegen.

Die vielen brasilianischen Fans im Stadion von Rostov singen nicht, als das Spiel angepfiffen wird, auch die Schweizer schweigen nahezu, da ist nur Anspannung. Dann beginnt die Show.

Granit Xhaka (l.), Neymar
AFP

Granit Xhaka (l.), Neymar

Brasiliens Rechtsaußen Willian wird von drei Gegenspielern umzingelt, doch er passt den Ball durch sie alle hindurch, indem er ihn mit den Stollen streichelt. "Ooohh", macht das Publikum. Marcelo nimmt einen Pass über das halbe Spielfeld mit der Schuhsohle an. "Ooohh", machen Tausende. Und Neymar tut die Dinge, die Neymar eben tut.

Er beschleunigt aus dem Stand, ändert ständig die Richtung, er dribbelt, trickst, lässt Gegenspieler stehen, die 80, die 100 Länderspiele hinter sich haben. Schnell haben die Schweizer genug davon. 19 Fouls begehen sie in 90 Minuten, zehn davon gegen Neymar. Nach dem Abpfiff humpelt er durch die Mixed Zone, gezeichnet von der harten Spielweise der Schweizer. Auf dem Rasen aber steht der teuerste Fußballer der Geschichte stets wieder auf und dribbelt einfach weiter. O jogo bonito.

Traumtor von Coutinho

Verglichen mit den meisten WM-Teilnehmern ragt bei Brasilien technisch nahezu jeder Spieler heraus. Was das Team wirklich auszeichnet, ist aber, wie komplett es auftritt. Die Mannschaft kann langsam angreifen und den Gegner so in die Defensive zwingen; sie kann das Spiel aber auch schnell machen, wenn es sein muss. Sie beherrscht das geordnete Verteidigen und das Umschalten auf Abwehr, wenn vorne der Ball verloren geht. Eine weltmeisterhafte Mischung.

Und dann fällt auch noch dieses Tor.

Marcelo, Neymar und Coutinho schwirren durch die Schweizer Hälfte. Am Strafraum angelangt, umkreisen vier Verteidiger Neymar, Marcelo bleibt also frei; seine Flanke wird zwar geblockt - doch der Nachschuss! Coutinho schießt aus rund 20 Metern, fast vom linken Strafraumeck fliegt der Ball in den rechten Torwinkel, er beschreibt dabei eine unwirkliche Kurve, so wie beim legendären Freistoßtor von Roberto Carlos 1997. Der ist natürlich auch Brasilianer. Eine Flugbahn wie aus einem Videospiel, deus ex machina. Es ist der Höhepunkt der Darbietung in der ersten Hälfte.

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Brasilien gewinnt trotzdem nicht. Nach 50 Minuten fällt der Ausgleich, fast heimtückisch quasi, nach einem schnöden Eckball. Brasilien wird nervös. Neymar dribbelt zwar weiter, aber er tut es hastig und ohne den Hintersinn, der die Aktionen der Mannschaft zuvor ausgezeichnet hatte. Die Schweiz kommt plötzlich zum Kontern, weil die Absicherung hinter Neymar und Coutinho nicht mehr greift, die Lücken zwischen den Mannschaftsteilen werden größer, die Abwehrspieler kommen nicht hinterher, so schnell dribbeln die Angreifer in Richtung Schweizer Tor.

Das Kribbeln ist längst verschwunden, da ist jetzt nur noch Ernsthaftigkeit. Als Zuschauer wird man streng mit sich, aus Ärger darüber, dass man sich der Schwelgerei hingegeben hat. Traumtore können sie, aber einen simplen Eckball kriegen sie nicht verteidigt, die Brasilianer. Denen fehlt die Effizienz, möchte man tadeln, die Spieler und sich selbst.

21 Schüsse, ein Tor

Das mit der Effizienz stimmt. 21-mal schießt die Seleção aufs Tor, nur ein Ball geht rein. Manchmal gelingt es der Schweiz, Brasiliens Rechtsverteidiger Danilo aus seiner Position zu locken; er ist die Schwachstelle im Team. Sie nutzen auch aus, dass Neymar defensiv nicht gut mitarbeitet.

Für die Schweiz ist das Unentschieden trotzdem glücklich angesichts ausgelassener Großchancen und dem Hinzutun des Schiedsrichters, der es beim 1:1 durch Steven Zuber (Schubser gegen Miranda) und einem elfmeterreifen Zweikampf (Manuel Akanji hält Gabriel Jesus) gut meint mit den Eidgenossen. Was sie aber selbstständig hinkriegen, ist, Brasilien aus dem Takt zu bringen.

Brasilien-Trainer Tite
REUTERS

Brasilien-Trainer Tite

Trainer Tite, 57, sitzt auf dem Podium bei der Pressekonferenz. Der Raum gehört ganz ihm. Tite spricht klar, er fixiert die Journalisten mit Blicken. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie die Superstars ihrem Trainer in der Kabine an den Lippen hängen.

Es sei Furcht gewesen, die seine Mannschaft nach dem 1:1 beschlichen habe, sagte Tite. Die Furcht habe zur Hast geführt, und "wenn du zu schnell spielst, werden deine Aktionen ungenau". Daher seien auch nur fünf der 21 Schüsse aufs Tor gekommen. Die Spieler hätten sich zu viel Druck auferlegt. Taktik soll aber nicht von Emotionen bestimmt werden. Dann sagt Tite noch, dass er bis zum nächsten Spiel am Freitag gegen Costa Rica genau daran arbeiten werde. Man traut ihm zu, dass das gelingt.

Und dann ist Brasilien tatsächlich der heißeste Titelkandidat bei dieser WM.

Brasilien - Schweiz 1:1 (1:0)
1:0 Coutinho (20.)
1:1 Zuber (50.)
Brasilien: Alisson - Danilo, Thiago Silva, Miranda, Marcelo - Casemiro (60. Fernandinho) - Paulinho (67. Renato Augusto), Coutinho - Willian, Neymar - Gabriel Jesus (79. Roberto Firmino)
Schweiz: Sommer - Lichtsteiner (87. Lang), Schär, Akanji, Rodriguez - Behrami (71. Zakaria), G. Xhaka - Shaqiri, Dzemaili, Zuber - Behrami, Schär, Seferovic (80. Embolo) Schiedsrichter: Cesar Arturo Ramos Palazuelos
Gelbe Karten: Casemiro - Lichtsteiner, Schär, Behrami
Zuschauer: 45.000



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Max Super-Powers 18.06.2018
1.
"Den Titel holen die Südamerikaner vermutlich trotzdem." Dem Autor ist aber schon bewusst, dass just nach wie vor der erste Spieltag anliegt und die Brasilianer, wenn überhaupt, einmal mehr bewiesen haben, wie unfassbar sie sich auf einen einzigen Spieler stützen, oder? Da dürfte wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens gewesen sein. Die WM dauert noch einen knappen Monat. Bis dahin fließt noch eine Menge Wasser den Don hinunter...
norgejenta 18.06.2018
2. Hat da jemand ein anderes Spiel gesehen.?
Zugegeben das 1:0 war grosses Kino.. Das wars aber auch schon. Daraus zu schließen das Brasilien Weltmeister wird ist schon kühn. Da haben mir die Spanier schon besser gefallen.. Aber man sieht, wie schwierig es ist für eine Mannschaft ein Tor zu machen, wenn die andere Elf nur hinten drin steht.. Das 1:1 war meiner Meinung nach ein korrektes Tor. Schieberei gehört immer dazu, und man weiss ja wie schnell die Brasilianer fallen.
mwroer 18.06.2018
3.
"Verglichen mit den meisten WM-Teilnehmern ragt bei Brasilien technisch nahezu jeder Spieler heraus. Was das Team wirklich auszeichnet, ist aber, wie komplett es auftritt. Die Mannschaft kann langsam angreifen und den Gegner so in die Defensive zwingen; sie kann das Spiel aber auch schnell machen, wenn es sein muss. Sie beherrscht das geordnete Verteidigen und das Umschalten auf Abwehr, wenn vorne der Ball verloren geht. Eine weltmeisterhafte Mischung." Und das reicht eben, im Moment, für ein Unentschieden gegen die Schweiz. Mal ganz realistisch gesagt. Wenn ein Gegentor reicht um Brasilien so komplett aus dem Tritt zu bringen, nein, dann bleibe ich bei meiner Prognose: Frankreich oder Deutschland. Also rein gefühlt ist das Ergebnis ein Desaster wie Eure Niederlage gegen Mexiko.
olsen59 18.06.2018
4. Och nöh ....
... da spielen die Brasilianer 50 Minuten gut (und selbst in dieser Phase schaffen sie nur einen Treffer, durch einen Kunstschuss - alle anderen "Schüsse" aufs Schweizer Tor waren mal wieder für den obersten Tribünenrang) und schon werden sie Weltmeister .... Leuteleute! Sie selbst schreiben doch, wie das Gegentor die Mannschaft aus dem Tritt brachte - und das gegen eine solide, aber per se limitierte Schweizer Mannschaft! Brasilianer berauschen sich bestenfalls an sich selbst, wenn sie sich nicht gerade halbtot auf dem Rasen wälzen wie ihr Spaghettimonster Neymar, die eitelste und überschätzeste Witzfigur des aktuellen Fußballzirkus. Für Deutschland im jetzigen Zustand wird es im AF noch locker reichen, aber wenn der erste starke Gegner kommt, werden bei den Fußballkünstlern wieder die Nerven flattern, und dann werden sie zerlegt.
nadennmallos 18.06.2018
5. Ich bin wirklich Brasilien-Fan, aber den Titel ...
... werden sich die Jungs so nicht sichern. Das reicht definitiv nicht. Da tippe ich momentan eher auf Portugal oder Spanien.
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