Brasiliens Superstar Neymar Der Theater-Mann

Seit der WM 2014 glaubt ganz Brasilien, Neymar müsse besonders geschützt werden. Schiedsrichter Björn Kuipers sah das gegen Costa Rica anders. In der Nachspielzeit triumphierte der Superstar dann aber doch.

Neymar und der niederländische Schiedsrichter Kuipers
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Neymar und der niederländische Schiedsrichter Kuipers

Aus Sankt Petersburg berichtet 


Das zweite Gruppenspiel der brasilianischen Nationalmannschaft gegen Costa Rica dauerte 96:49 Minuten. Schiedsrichter Björn Kuipers pfiff ab, und Neymar da Silva Santos Júnior sank auf die Knie. Am Mittelkreis schien die Zeit stehen zu bleiben, Neymar nahm die Hände vor das Gesicht, ob tatsächlich Tränen flossen, war schwer zu erkennen. Er wollte in seiner eigenen Welt sein. Es dauerte Sekunden, ehe die ersten Mitspieler nach dem in der Nachspielzeit herausgeschossenen 2:0-Sieg zu ihm kamen und Neymar gedanklich zurück auf den Rasen holten.

Die Szene passte zum Spiel an diesem frühlingshaften Nachmittag in Sankt Petersburg, sie passt sogar zu Neymars gesamter Karriere - zumindest in der Seleção. Immer etwas zu viel, mit einem deutlichen Hang zu Theatralik, die Fußballwelt soll stets von der immensen Wichtigkeit des gerade Passierten überzeugt werden. Neymar ist ein nationales Ereignis, nicht umsonst gab es nach seiner Verletzung bei der WM 2014, als er vom Kolumbianer Juan Zúniga im Luftzweikampf getroffen wurde, unzählige Sondersendungen zu seinem Gesundheitszustand. Vier Jahre später zählt nur der insgesamt sechste WM-Titel für Brasilien als Erfolg.

"Neymar hat großen Druck, und er hat den Mut, das zu zeigen", sagte Nationaltrainer Tite nach dem Spiel über den emotionalen Ausbruch seines Top-Stars. Der 57-Jährige war in der Folge darum bemüht, den Druck zu verteilen. "Wir dürfen nicht alles auf seine Schultern laden", sagte Tite. "Er war dreieinhalb Monate verletzt, und heute war erst sein viertes Match. Wir brauchen ein starkes Team und nicht nur Neymar."

Was Neymar, Messi und Ronaldo eint

Brasilien hat eine in fast allen Bereichen exzellent besetzte Mannschaft, nur Rechtsverteidiger Fagner fällt nach der verletzungsbedingten Absage von Dani Alves und dem kurzfristigen Ausfall von Danilo ab. Gerade die Offensive bietet Tite mit Philippe Coutinho, Gabriel Jesus, Roberto Firmino oder Douglas Costa so viele Möglichkeiten. Doch am Ende ist es wie im Negativen bei Argentinien mit Lionel Messi und im Positiven bei Portugal mit Cristiano Ronaldo - Neymar steht über allen.

Im ersten Gruppenspiel gegen die Schweiz war noch jeder zweite Angriff über dessen linke Seite aufgezogen worden, das konnte die Seleção dank der guten Leistung von Einwechselspieler Costa gegen Costa Rica auf 42 Prozent reduzieren. Und doch stand der teuerste Fußballer der Welt von Paris Saint-Germain häufig im Mittelpunkt, weil er sich eine Privatfehde mit Schiedsrichter Kuipers lieferte.

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Brasiliens Last-Minute-Sieg gegen Costa Rica: Neymar stiehlt allen die Show

Als der Niederländer zur Pause pfiff, wurde Neymar zum ersten Mal bei ihm vorstellig. Er solle doch bitte die aggressive Gangart seiner Gegenspieler unterbinden. Kuipers ließ sich auf keine Diskussion ein, schickte auch Marcelo, Miranda und Kapitän Thiago Silva fort. Im Kabinengang versuchte es Neymar erneut, und spätestens da war klar, dass sich zwei gefunden hatten, die ihre unterschiedlichen Auffassungen von Fußball nur schwer würden klären können.

Es gehört seit der WM 2014 zum Narrativ der brasilianischen Nationalmannschaft, dass Neymar geschützt werden müsse. Vor harten Fouls, vor Gegenspielern, die bewusst Ball und Gegner treffen, vor hinterlistigen Angriffen im Rücken des Superstars. Solche Diskussionen gibt es auch im Vereinsfußball immer wieder, nur war es an diesem Nachmittag so, dass die Costa Ricaner gar nicht so unfair in die Zweikämpfe gingen. Hart zwar und manchmal auch mit zwei oder drei Spielern gegen Neymar, aber immer im Rahmen.

Kuipers nimmt einen Elfmeter zurück

In der zweiten Hälfte gerieten Neymar und Kuipers in der 59. Minute erstmals aneinander, als der Schiedsrichter einen Zweikampf mit Cristian Gamboa nicht als Foul würdigte. Zwei Minuten später sprach Kuipers so etwas wie eine letzte Warnung aus, als Neymar im eigenen Strafraum ohne erkennbares Vergehen zu Boden ging.

Als der Schiedsrichter dann aber nach einem kurzen Kontakt von Giancarlo Gonzalez an Neymar auf den Elfmeterpunkt zeigte, schien das Lamento Wirkung gezeigt zu haben. Doch nach einem Hinweis des Video-Assistenten schaute sich Kuipers die Szene in der Wiederholung an und erkannte, wie schnell Gonzalez wieder losgelassen hatte und wie affektiert Neymar zu Boden gesunken war. "No Foul, no Penalty" stand auf der Videoleinwand, es gab keinen Elfmeter, dafür aber kurz darauf noch die Gelbe Karte wegen Meckerns für Neymar.

Ein Happy End gab es trotzdem, weil Costa Rica immer müder wurde, Coutinho eine der wenigen Unachtsamkeiten in der Abwehr zum 1:0 nutzte und Neymar selbst einen Konter vollendete. "Wir brauchen keine Hilfe vom Schiedsrichter", sagte Tite.

Neymar braucht etwas weniger Theatralik.



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ex_Kamikaze 22.06.2018
1. Für die plumpe Schwalbe
hätte Neymar ROT sehen müssen. Betrugsversuch, grobe Unsportlichkeit. Ohnehin ist Neymar einer der hinterhältigste Spieler die ich je gesehen habe. Eher sollten die Gegenspieler vor Neymar geschützt werden.
hansa_vor 22.06.2018
2.
Zitat von ex_Kamikazehätte Neymar ROT sehen müssen. Betrugsversuch, grobe Unsportlichkeit. Ohnehin ist Neymar einer der hinterhältigste Spieler die ich je gesehen habe. Eher sollten die Gegenspieler vor Neymar geschützt werden.
Naja, Rot wäre übertrieben, mit Gelb hätte aber durchaus diese Aktion bewertet werden können. Das Spiel war ähnlich gruselig wie unser Auftritt gegen MEX. Da müssen alle Favoriten noch einige Schippen auflegen um gegen die "Underdogs" weiter zu kommen.
skeptikerjörg 22.06.2018
3. Er denkt, er sei ein Star
Wenn ein Verein 220 Millionen (plus) Ablöse bezahlt, kann einem das schon zu Kopf steigen. Im Grunde ist er aber ein unerzogenes, trotziges, großes Kind. Gut, dass er fällt, wenn ihn jemand scharf ansieht, ist kein Alleinstellungsmerkmal, das gibt es bei anderen auch. Aber sein ständiges Gemecker und Gemotze, seine ständige Diskussion mit dem Schiedsrichter ist schon gewöhnungsbedürftig. Und dann die Kopf-ab-Geste nach dem Tor, das Douglas Costa ihm geschenkt hat - einfach widerlich. Gegen Neymar ist Christiano Ronaldo ein echt sympathischer Spieler - und das will was heißen.
korrekturen 22.06.2018
4.
Zitat von ex_Kamikazehätte Neymar ROT sehen müssen. Betrugsversuch, grobe Unsportlichkeit. Ohnehin ist Neymar einer der hinterhältigste Spieler die ich je gesehen habe. Eher sollten die Gegenspieler vor Neymar geschützt werden.
Neymar ist nicht der hinterhältigste Spieler, sondern der beste Spieler der Welt. https://www.youtube.com/watch?v=MqMGeQhE80s Der genialste Spieler aller Zeiten: https://www.youtube.com/watch?v=dT8NPfnguuQ
hansa_vor 22.06.2018
5.
Zitat von korrekturenNeymar ist nicht der hinterhältigste Spieler, sondern der beste Spieler der Welt. https://www.youtube.com/watch?v=MqMGeQhE80s Der genialste Spieler aller Zeiten: https://www.youtube.com/watch?v=dT8NPfnguuQ
Das wird Ronaldo und Messi aber gar nicht gefallen was Sie hier mal einfach so postulieren (um nur die aktuellen Weltklassespieler zu nennen und nicht gleich "aller Zeiten" zu verwenden" ;) Die beiden vergangenen Spiele dieser WM hat wohl ein Double sein Trikot getragen.....
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