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14. November 2017, 16:39 Uhr

Italiens Qualifikations-Aus und die WM

Systemversagen

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Nicht nur für Italien ist das WM-Aus gegen Schweden ein Debakel - auch die Fifa hat eine große Niederlage erlitten. Der europäische Qualifikationsmodus ist langweilig, ungerecht und nicht mal effektiv.

Fast 900 Fußballspiele lässt der Weltverband Fifa in einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren weltweit austragen, um die 32 Teilnehmer an einer Weltmeisterschaftsendrunde zu ermitteln. Jeder Kontinent hat seinen eigenen Modus, einige funktionieren besser als andere. Aber am Ende sind zumindest die großen Fußballnationen meistens dabei.

So war es bisher. Seit dem 13. November 2017 aber ist alles anders. Italien ist in den europäischen Playoffs an Schweden gescheitert. Seit 60 Jahren hat keine so große und wichtige Fußballnation gefehlt bei einer Endrunde. Ja, auch die Niederlande sind mehrfach gescheitert, aber die waren nicht viermal Weltmeister. Selbst schuld, kann man natürlich sagen: Wer in 180 Minuten kein Tor gegen Schweden erzielt, der darf sich nicht beschweren.

Aber egal, ob Italien sich beschwert oder nicht: Für die Fifa ist die WM ohne Italien ein Debakel. Die USA sind erstmals seit mehr als 30 Jahren nicht dabei, auch China ist einmal mehr in der asiatischen Qualifikation gescheitert. So ist die Attraktivität des Turniers in den zwei wichtigsten globalen Märkten ohnehin gering. Jetzt fehlt Italien, und das ist keine gute Nachricht für die Einschaltquoten.

Auch Argentinien schaffte die Qualifikation erst am letzten Spieltag, ohne Lionel Messi und die Albiceleste wäre das Fifa-Fiasko noch größer gewesen. Ein argentinisches Scheitern wäre aber zumindest sportlich unumstritten gewesen. Denn die Südamerika-Qualifikation wird im Ligamodus mit allen zehn Nationen des Kontinents ausgespielt, wer nach 18 Spielen in der unteren Tabellenhälfte steht, ist ohne Zweifel zu schlecht gewesen.

In Europa liegt der Fall anders. Hier ist die ganze Gruppeneinteilung darauf ausgelegt, dass die besten neun Mannschaften gar nicht gegeneinander spielen. Das sorgt dafür, dass Favoritenstürze extrem selten sind. Dadurch gibt es aber auch wenige zähere und uninteressantere Veranstaltungen in der Sportwelt als europäische Qualifikationsspiele. Spannung entsteht nur dann, wenn trotz Setzliste zwei große Nationen in einer Gruppe landen, bei Deutschland zuletzt 2002, als das DFB-Team hinter England nur Gruppenzweiter wurde und sich erst in den Playoffs durchsetzte.

Jetzt hat es also Italien erwischt. Obwohl die Azzurri bei der EM 2016 Spanien ausschalteten und an Deutschland erst im Elfmeterschießen scheiterten, waren sie nur im zweiten Lostopf, während Rumänien als Gruppenkopf gesetzt war. Rumänien, das seit 1998 in jeder WM-Qualifikation gescheitert war und seit 2000 nicht einmal ein Spiel bei einer EM gewonnen hatte. Grund für diese Einteilung: Die Fifa-Weltrangliste von 2015.

Selbst wenn man dieses Ranking für aussagekräftig hält: Auch nach diesem Maßstab setzen sich in der Qualifikation nicht die besten Mannschaften durch. Italien jedenfalls ist laut der aktuellsten Rangliste die Nummer 15 der Welt und die Nummer 10 in Europa - beides sollte für die WM-Teilnahme reichen. Stattdessen spielt die Nummer 38 der Welt, Serbien, in Russland mit. Außerhalb Europas können sich die Nummer 69 Honduras und die Nummer 122 Neuseeland Mittwoch noch für die Endrunde qualifizieren.

Italien ist also nicht "verdient" ausgeschieden, wie kopflos das Anrennen gegen Schweden auch gewesen sein mag. Die Mannschaft hat klare Defizite wie auch der ganze italienische Fußball. Aber in der Qualifikation hat das Team trotzdem nur eins von zehn Spielen verloren, das in Spanien. "Versagt" hat jedenfalls nicht nur Italien, versagt hat vor allem der Modus.

Was wären die Alternativen? Das sportlich beste und attraktivste wäre ein Ligamodus wie in Lateinamerika. Dort gibt es allerdings nur zehn Verbände, in Europa 55 - nicht praktikabel. Alternativ könnte man auf Setzlisten ganz verzichten und die Gruppen frei losen. Das würde noch mehr Härtefälle produzieren - aber die Qualifikation wäre ungleich interessanter. Denkbar wäre schließlich auch ein K.-o.-Wettbewerb, in dem alle Teams, die das Achtelfinale erreichen, zur WM dürfen.

Man kann das System also in zwei Richtungen verändern: Entweder man stellt sicher, dass die besten Mannschaften zur WM fahren, etwa indem alle Achtelfinalteilnehmer direkt für die folgende Endrunde qualifiziert sind. Oder man nimmt in Kauf, dass große Teams das Turnier verpassen und wertet so den Qualifikationswettbewerb selbst auf. Denn dann geht es wenigstens wirklich um etwas.

Passieren wird wohl nichts dergleichen. Ab 2026 nehmen 48 Mannschaften an der WM teil, das Turnier wird also um 50 Prozent vergrößert. Der Löwenanteil der neuen Startplätze dürfte aber nach Asien, Afrika und Nordamerika gehen, Europa darf sich nur drei zusätzliche Startplätze ausrechnen. Die Chance, dass das zum Anlass für einen radikalen Neuanfang genommen wird, ist gering.

Lieber führt die Uefa mit der sogenannten Nations League einen neuen Wettbewerb mit ungelenken Dreiergruppen, acht zusätzlichen Spielterminen und geringer sportlicher Relevanz ein, als einen nachvollziehbaren, spannenden und fairen Qualifikationsmodus zu etablieren. Wer das nicht so schlimm findet, dem wünsche ich im Sommer viel Spaß beim Spiel Island gegen Panama.

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