Taktiktrends der WM Der Ball ist tot, lang lebe der Ball

Dead Balls - so werden Standards im Englischen auch genannt. Sie dominieren die WM in Russland. Ist das Turnier also spielerisch unansehnlich und deshalb eine Enttäuschung? Im Gegenteil.

Belgiens Eden Hazard tritt eine Ecke
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Belgiens Eden Hazard tritt eine Ecke

Aus Kaliningrad berichtet


Ist das Niveau bei der WM in Russland nun hoch oder niedrig? Aus taktischer Sicht: beides. Klingt paradox, lässt sich aber erklären. Hier sind drei Taktiktrends dieser WM.

Wer hat Angst vorm Favoriten?

Kaum noch jemand, und das sollte uns Zuschauer freuen. Zumal wir aus der Bundesliga nicht eben verwöhnt werden. Dort ist es oft so, dass sich Außenseiter im Strafraum einbunkern und Bälle bolzen. Und bei der WM? Beginnt das Turnier mit Saudi-Arabien, einem der größten Underdogs, doch selbst dieser will: Fußball spielen. Das Team lässt den Ball technisch sauber durchs Mittelfeld laufen, sucht nach Lücken. Wer jetzt einwendet, dass das fürchterlich schiefgegangen sei, hat in diesem Fall recht. Saudi-Arabien verlor das Spiel gegen Russland 0:5. Aber: Das Team blieb seinem Stil treu und belohnte sich im letzten Gruppenspiel mit einem Sieg über Ägypten, der ziemlich hübsch anzuschauen war.

Auch Außenseiter wie Peru und Marokko setzten auf aktiven Fußball, der ihnen Sympathien einbrachte. Selbst passivere Mannschaften wie Iran verteidigten zwar tief, schlugen nach Balleroberungen aber nicht einfach jeden Ball nach vorne, sondern versuchten, durch Kombinationen zu Konterchancen zu gelangen. Jeder Teilnehmer hat mindestens zwei Tore erzielt. Das hat es in der WM-Geschichte noch nicht gegeben.

Englands Freistoßspezialisten im Gespräch
REUTERS

Englands Freistoßspezialisten im Gespräch

WM der Standards

Es werde die WM der Dribbler, hieß es vor dem Turnier auf dieser Seite; ein bisschen war es auch so. Die Dribbelkünste von Neymar und Coutinho waren zum Beispiel für Brasilien ein Schlüssel in der Offensive. Vielen Mannschaften fehlten aber schlicht Spieler, die Eins-gegen-eins-Duelle gewinnen können. Gegen gut organisierte Abwehrreihen mangelte es deshalb wiederum oft an Mitteln, gut vorbereitete Angriffe zu finalisieren. Aber da waren ja noch die Standardsituationen. 122 Tore haben die WM-Teams bislang erzielt. Beinahe die Hälfte davon, 45,1 Prozent, nach ruhenden Bällen, sofern man Strafstöße dazu zählt. Wobei vielen Elfmetern ohnehin Eckbälle und Freistöße vorausgingen.

Englands Nationaltrainer Gareth Southgate sagte, sein Team habe vor der WM speziell an Standards gearbeitet. Mit Erfolg; die Variante vor dem 4:0 gegen Panama war das wohl schönste Standardtor der WM, als ein Freistoß nicht einfach aufs Tor geschossen wurde, sondern eine einstudierte Passfolge entstand. Auch andere Teams haben sich etwas einfallen lassen. Kolumbien (gegen Polen) und Spanien (gegen Marokko) trafen zum Beispiel nach Eckbällen, die sie kurz ausführten, um den Ball dann hart und flach vor das Tor zu bringen. Clever - und ziemlich unerwartet für den Gegner.

Belgiens Abwehrchef Jan Vertonghen bei der Arbeit
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Belgiens Abwehrchef Jan Vertonghen bei der Arbeit

Die Dreierkette ist out

2014 wurden sie zum Retrotrend: Dreier- und Fünferketten. Fast jede fünfte Formation, die damals aufs Feld geschickt worden war, hatte drei Verteidiger im Abwehrzentrum. Das war im Vergleich zur WM 2010 ein ziemlich großer Sprung. In Deutschland hat der Trend sich seither verstärkt, in der Bundesliga gehören solche Formationen zum Alltag. Auf WM-Ebene aber ist die Tendenz zur drei rückläufig. In Russland werden solche Formationen nur in 13,5 Prozent (statt 18,8 im Jahr 2014) eingesetzt. Im Achtelfinale spielen nur zwei Teams mit ihr, England und Belgien.

Der Schwund hängt auch mit einem anderen Faktor zusammen: Von den 96 Startformationen, die in der Vorrunde aufs Feld geschickt worden sind, hatten nur 21 zwei zentrale Stürmer zu bieten. Wenn der Gegner also mit nur einem zentralen Spieler angreift, warum sollte die verteidigende Mannschaft diesem drei zentrale Spieler in der Abwehr entgegensetzen? Die Überzahl wäre unnötig groß, anderswo würde wiederum ein Akteur fehlen. Und in Unterzahl lässt sich schlecht spielen.



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amarildo 30.06.2018
1. meinung
die WM? eigentlich langweilig. deutschland = 90 minuten den ball hin und her zu schieben im spaziergang aber kein tor erzielen. nach 50 minuten haette man diese spielweise aendern sollen. Dem gegner den ball oefter ueberlassen um ihn aus seinem stafraum heraus zu locken. wenn 20 Spieler im und am strafraum rumstehen da gibt es wenige luecken. die deutschen sind inder haelfte des gegeners. der macht einen Steil pass und ddren spielerl rennt schneller als der Deutsche verteidiger und bums ein tor kommt dabei raus. Es brauchte nur zwei spielzuege. Auf der anderen seite braucht Deutschland 12 bis 15 spielzuege um in die naehe des gegner tores zu kommen. 75% ballbesitz gegen SK und kein Tor. SK 25% ballbesitz und ein tor. Das zeite tor war ja durch Neuers schwachsinn azu gekommen. Andere spiele. England 6:1 gegen Panama. Panama? Die englaender feirten die tore als haetten sie gegen Brasilien gespielt. Panama, ich war mal dort, ist zum ersten mal bei der WM dabei. Nicht gerade als ein Schreckgegner bekannt. Frankreich ? Hat sich nicht gerade mit ruhm bekleckert. 1; gegen Australiean , muehevoll erreicht. Argentinien v Island? Eine Tragoede gerade noch mal vermieden. I ch koennte weiter schreiben. Meine reaktion? I ch schaye mir ein spiel fuer 15 minuten an und wenn ich fast einschlafe shaltete ich ab und geniese ein Schlaefchen. Da habe ich mehr davon als for dem Fernseher sitztend zu pennen. Das beste spiel bis jetzt ? Spanien v Portugal, 6 tore und ich bin nicht eingeschlafen.
lupo62 30.06.2018
2.
Der Fußball hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt. Vor allem die Laufleistung ist enorm gesteigert. Das sieht dann so aus, als ob nicht 2 x 10, sondern 2 x 11 oder 12 Spieler auf dem Platz wären. Pässe sind häufiger und präziser. Die Sache hat aber auch seine Schattenseiten. Die Spieler argieren nur noch in Ketten und wirken oft wie an unsichtbaren Fäden gezogen. Wenig, zu wenig Platz für individuelle Leistung. Vielleicht sollte man sich überlegen, ob man im bezahlten Fußball mit einem Spieler weniger antreten sollte.
Klangstof 30.06.2018
3. Die WM beginnt heute
Unabhängig von vermeintlichen Taktiktrends fällt mal wieder eines auf: Die Vorrunde fühlt sich elend lange an und das Gesamtniveau würde ich mal wohlwollend mit einer 3- bewerten. Manche Spiele waren aber nicht zum anschauen. Ich hätte der ARD gerne meine doppelte Quartalsrundfunkgebühr gezahlt, wenn sie ihren ehemaligen Angestellten Fritz von TuT aus dem Ruhestand aktiviert hätten. Der hätte jeden Gurkenkick mit seinen feingeistigen und "brrrima" Kommentaren aufgewertet ("Donnerwetter, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich sags ihnen ganz ehrlich: Die Panamanamesen, die sind flink und straff! Ein Drrraum!"). Ok, heute beginnt die WM wirklich. Lasst es krachen!
Neandiausdemtal 30.06.2018
4. Das Wichtigste
Auch die deutsche Mannschaft hat nach heroischen Anstrengungen den historischen Torerfolg, nämlich dass jede Mannschaft mindestens 2x getroffen hat, nicht versaut und ebenfalls zwei Tore erzielt. Mehr kann man wirklich nicht verlangen, zumal unsere Helden umfassendes Können nachgewiesen haben. Ein Tor aus dem Spiel heraus und eins per Standardsituation. Perfekt. Folgerichtig daher die längst erfolgte Heimreise. Denn wer zuerst alles zeigt, der darf zu Recht auch zu erst in den wohlverdienten Urlaub.
MrDonJoe 30.06.2018
5. Es ist unansehnlich und hat nicht viel mit Fußball zu tun
Die sogenannten Kleinen und dementsprechend mauernden Mannschaften haben NICHT aufgeholt und werden nur wahrnehmungsverzerrend großgeredet. Früher haben sie noch versucht mitzuspielen. Heute beschränken sie sich nur noch aufs verteidigen. Der Unterschied zu Früher ist, dass sie heute ausdauernder sind und somit länger als eine Halbzeit durchhalten können. Das ist keine Kunst, nicht begeisternd und darauf sollte man auch nicht wirklich Stolz sein. Deshalb hab ich auch keine Sympathie mehr für die kleineren Teams. Von einem Fußballspieler sollte man erwarten können, dass er zwei, drei Pässe spielen kann, selbst wenn er im Team Saudi Arabien spielt. Fußball hat heute Frankreich - Argentinien gezeigt.
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